Artikel drucken: Kommentar der Financial Times Deutschland zu - vorab .2008
 Klicken Sie bitte hier, um diesen Artikel jetzt auszudrucken.
FinanzNachrichten.de, 30.09.2008 20:49:00
Kommentar der Financial Times Deutschland zu - vorab .2008

DJ Kommentar der Financial Times Deutschland zu - vorab .2008

 
 
Bayerisches Roulette 
 
Die Sehnsucht nach dem starken Mann an der Spitze war in der CSU schon immer 
ausgeprägter als in anderen Parteien. Politische Schwergewichte wie Franz 
Josef Strauß und Edmund Stoiber wurden in Bayern zeitweise mit einer 
Begeisterung gefeiert, die über das in Deutschland übliche Maß weit 
hinausging. 
 
Es kann daher nicht überraschen, dass nun, da die CSU sich in einer tiefen 
Krise befindet, die Hoffnung groß ist, mit einem neuen Superstar wieder in 
die Offensive zu kommen. Mangels Alternativen richten sich alle Augen auf 
Horst Seehofer, der im Gerangel um den Parteivorsitz im vergangenen Jahr 
noch den Kürzeren gezogen hatte. 
 
Der CSU-Chefposten wird dem amtierenden Bundesagrarminister nun nicht mehr 
zu nehmen sein. Und wenn es nach den Bundestagsabgeordneten der Partei geht, 
dann wird Seehofer so bald wie möglich auch neuer Ministerpräsident in 
Bayern. 
 
Der Impuls, nach der unglücklichen Doppelspitze aus Erwin Huber und Günther 
Beckstein alles in eine Hand zu legen, ist verständlich. Allerdings müsste 
Seehofer in dem Fall aus dem Bundeskabinett ausscheiden. Die CSU hätte dann 
wieder keinen Vorsitzenden, der der Partei mit Auftritten auf dem Berliner 
Parkett auch bundesweit Gehör verschaffen kann. Dies gilt umso mehr, als die 
CSU in der Großen Koalition nur eine marginale Rolle spielt. 
 
Noch bedenklicher aber ist, dass sich die Partei mit Seehofer auf ein großes 
politisches Abenteuer einlässt. Der ehemalige Gesundheitsminister war noch 
nie ein Teamspieler und hat seinen persönlichen Ambitionen stets den Vorrang 
gegeben. Als sich CDU-Chefin Angela Merkel mit Stoiber im Jahr 2004 auf 
einen Kompromiss für die Gesundheitsreform einigte, schmiss Seehofer 
wutentbrannt sein Amt in der Fraktion hin und verschwand lange in der 
Versenkung. 
 
Das Projekt Seehofer ist jedoch nicht nur ein Wagnis für die CSU, es hat 
auch das Potenzial, der gesamten Union vor der Bundestagswahl das Leben 
schwer zu machen. In der Bundestagsfraktion heißt es, man wolle sich nun 
gegen die öEUR Sozialdemokratisierung' der Schwesterpartei CDU zur Wehr 
setzen. 
 
Dass ausgerechnet Seehofer, der gern den größten Sozialromantiker der Union 
gibt, diesen Plan wortwörtlich umsetzt, darf bezweifelt werden. Allerdings 
verbirgt sich hinter der Ankündigung eine ganz andere Drohung, und die nimmt 
man im Kanzleramt mit Sicherheit ernst: Die CSU wird von jetzt an alles 
daransetzen, vor den bayerischen Wählern ihr Profil zu schärfen. 
 
Ein erprobtes Mittel sind da Pöbeleien gegen Berlin. Die kommenden Wochen 
und Monate, in denen Streitthemen wie Erbschaftsteuer und Gesundheitsfonds 
anstehen, werden dazu reichlich Anlass bieten. Ein bestelltes Feld für den 
Volkstribun Seehofer. 
 
Kontakt: Kommentar@ftd.de 
 
Thomas Steinmann - 040/31990483 
 
Ruth Fend - 040/31990334 
 
Nils Kreimeier - 030/22074144 
 
Christian Schütte - 030/22074161 
 
 
 
 

(END) Dow Jones Newswires

September 30, 2008 13:48 ET (17:48 GMT)



© 2010 Dow Jones News


Link: http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2008-09/11900085-kommentar-der-financial-times-deutschland-zu-vorab-2008-015.htm

Fenster schliessen