Von Geeta Anand und Rumman Ahmed THE WALL STREET JOURNAL
BANGALORE (Dow Jones)--Der deutsche Pharmariese Bayer AG hat in einem Patentstreit in Indien eine schwere Schlappe einstecken müssen. Der Generika-Hersteller Natco Pharma Ltd darf ab sofort ein Nachahmerpräparat von Bayers Nieren- und Leberkrebsmedikament Nexavar unter einer Lizenz produzieren und vertreiben. Die Ersparnisse für betroffene Krebspatienten sind immens: Statt 5.698 US-Dollar kostet die monatliche Therapie mit dem Nachahmerprodukt nur noch 178 Dollar.
"Das Medikament ist exorbitant teuer und unerreichbar für die meisten Menschen", schrieb die indische Patentbehörde in ihrer 62 Seiten langen Begründung der Entscheidung. Das Medikament sei kein Luxusgegenstand sondern rette Leben. Ein substanzieller Teil der Nachfrage müsse gedeckt werden. Im verhandelten Fall hätte nicht einmal 1 Prozent der Öffentlichkeit von dem patentierten Präparat profitieren können.
Mit der Grundsatzentscheidung verpflichtet die indische Patentbehörde erstmals einen Pharmakonzern, eine Lizenz für einen Generikahersteller zu erteilen. Gänzlich neu ist die Strategie der Behörde aber nicht. In der jüngeren Vergangenheit wurde der Patentschutz für einige teure Krebsbehandlungen einfach abgelehnt. Betroffen davon war beispielsweise das Leukämie-Präparat Glivec von Novartis.
Derzeit verhandelt die indische Regierung über ein neues Handelsabkommen mit der Europäischen Union. Ein Zankapfel ist dabei die Sicherung geistigen Eigentums für pharmazeutische Produkte. Mit der heutigen Pflichtlizenz für Nexavar versuchen die indischen Entscheidungsträger nun zwei schwer vereinbare Ansprüche auszutarieren: Das Recht der Pharmakonzerne auf ihr intellektuelles Eigentum und die Hoffnung der Patienten auf erschwinglichen Zugang zu effektiven Therapien.
Indien hatte bereits 1994 ein internationales Handelsabkommen als Teil der Genfer Welthandelsorganisation (WTO) unterzeichnet. 2005 erweiterte Indien den Schutz geistigen Eigentums von reinen Herstellungsverfahren auf Pharmazeutika. Gleichzeitig verschärfte das indische Parlament aber den Standard für die Patentgewährung. Pharmakonzerne müssen seitdem nachweisen, dass ihr neues Produkt therapeutisch wirksamer ist als frühere Versionen, deren Patentschutz ausgelaufen ist. Unter diesem Gesichtspunkt hatten die Patentbehörde und indische Gerichte Novartis die Lizenzierung von Glivec verweigert. Novartis geht gegen diese Entscheidungen aktuell gerichtlich vor.
In Bayers Fall stehen dem Leverkusener Konzern jetzt Lizenzgebühren des Generikaherstellers Natco zu. Das deutsche Unternehmen erhält auf Quartalsbasis 6 Prozent des Nettoumsatzes für das Nachahmerpräparat zum Nieren- und Leberkrebsmittel Nexavar.
Bayer zeigte sich von der Entscheidung enttäuscht und will nun alle Optionen prüfen, um die eigenen Rechte an diesem geistigen Eigentum in Indien zu verteidigen. Natco dagegen begrüßte die Anordnung. Sie öffne den leidenden Menschen Indiens ein weites Tor für lebensrettende Heilmittel zu bezahlbaren Preisen. Natco könnte bereits in wenigen Tagen mit dem Verkauf der Medizin beginnen, sagte deren Finanzchef.
-Von Geeta Anand und Rumman Ahmed, THE WALL STREET JOURNAL; +49 (0)69 29 725 110, unternehmen.de@dowjones.com DJG/DJN/axw/jhe
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March 13, 2012 04:54 ET (08:54 GMT)
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