Sprites
Klicken Sie bitte hier, um diesen Artikel jetzt auszudrucken.
03.05.2012 | 17:50
(71 Leser)
Dow Jones News · Mehr Nachrichten von Dow Jones News

BONN (Dow Jones)--Der neue Chef der Bundesnetzagentur Jochen Homann will die deutsche Energiewende im Rahmen seiner Funktion unterstützen. "Wir bleiben natürlich immer Regulierer, keine Frage", zeigte sich Jochen Homann im Interview mit dem Wall Street Journal Deutschland über die Grenzen seiner Gestaltungsmacht im Klaren. Er will die Ausrichtung der Behörde in Bonn im Spannungsfeld zwischen strenger Regulierung und der Schaffung von Investitionsanreizen nur behutsam anpassen.

Auf die Energiewende müsse keine Regulierungswende folgen, umreißt Homann die Ausrichtung der Netzagentur für die nächsten Jahre. "Aber die Regulierung muss sich natürlich immer anpassen und evolutionär entwickeln", sagt Homann. Als wichtigste Aufgaben der Regulierungsbehörde nennt deren Präsident neben dem Infrastrukturausbau auch das Thema Kapazitätsmarkt für Kraftwerke.

(Dieses Interview und weitere tiefergehende Berichte und Analysen zu aktuellen Wirtschafts- und Finanzthemen finden Sie auf WSJ.de, dem neuen deutschsprachigen Online-Angebot des Wall Street Journal.)

Anders als sein Vorgänger Matthias Kurth gibt sich der neue Chefregulierer eher zurückhaltend mit konkreten Aussagen über die Energiepolitik. Eine eindeutige Position bezieht Homann nur bei der Ökostromförderung. "Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo erneuerbare Energien sich verstärkt auf dem Markt aufstellen müssen. Das zeigt die Diskussion bei der Photovoltaik", erklärt er. Wichtig sei, dass die Direktvermarktung von Ökostrom kein Tabu mehr darstelle.

Um über die Frage eines so genannten Kapazitätsmarktes für den Bau neuer Gas- und Kohlekraftwerke zu entscheiden, will sich Homann Zeit lassen. Eine gute Diskussionsgrundlage dafür biete das Gutachten des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums. Dieses kommt zu dem Schluss, dass sich neue Gaskraftwerke in Deutschland kaum lohnen.

Der Atomausstieg erfordert aber mittel- bis langfristig neue Kraftwerkskapazitäten, damit die deutsche Stromversorgung aus eigener Kraft gewährleistet werden kann. Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) fehlen bis 2022 etwa 12.000 Megawatt an Kapazitäten. Ab 2020 seien weitere 7.000 bis 16.000 Megawatt nötig. Zurzeit halten sich die Energieversorger jedoch mit Investitionen in fossile Kraftwerke zurück, weil die Kosten aufgrund niedriger Strompreise nicht wieder hereinkommen würden.

"Das EWI-Gutachten gibt uns Zeit bis 2014", sagt Homann. Vieles spreche dafür, dass ein Kapazitätsmarkt notwendig sei. Dieser dürfe aber nicht auf reinen Subventionen beruhen. Die Bundesnetzagentur werde sich in den kommenden Monaten konkreter zum Kapazitätsmarkt positionieren, kündigte Homann an.

Dringender denn je braucht Deutschland auch neue Stromleitungen: Zum einen, um die zunehmenden Anlagen mit erneuerbaren Energieträgern ins Stromnetz zu integrieren, zum anderen auch, um den Strom insbesondere nach Süddeutschland zu transportieren, wo der Atomausstieg deutliche Kapazitätslöcher reißt und die großen Verbraucher sitzen.

Netzagenturchef Homann unterteilt die Leitungsvorhaben in zwei Kategorien: "Auf der einen Seite gibt es Ausbauprojekte, die der Gesetzgeber 2009 als verbindlich und wichtig festgelegt hat - im Energieleitungsausbaugesetz". Diese Projekte befinden sich laut Homann in der Umsetzungsphase. Die Bundesnetzagentur will hierzu auf ihrer Internetseite eine regelmäßig aktualisierte Information über den Stand der Stromtrassen zur Verfügung stellen.

"Ein anderes Thema sind die Projekte, die jetzt mit dem Netzausbaubeschleunigungsgesetz für die Zukunft geplant werden", erläutert Homann. Dabei gehe es nicht um die Frage, wie weit die Projekte seien, sondern vielmehr, wie die Planung aussehe. Die Vorhaben basieren auf den Netzentwicklungsplänen, also einer abgestimmten Konzeption der Netzbetreiber, der unter anderem auf einer Kraftwerksplanung aufbaut.

Höhere Renditen für die Netzbetreiber, die die Netzagentur über die Festlegung der Netzentgelte ermöglichen könnte, lehnt der Präsident der Regulierungsbehörde ab. Diese seien nicht erforderlich, um in Netze zu investieren. Es gebe zahlreiche Finanzinvestoren oder Pensionsfonds, die auf eine langfristig sichere Rendite für ihre Anleger aus seien und sich daher beim Netzausbau engagieren wollten.

Dass Unternehmen aber trotzdem an ihre wirtschaftlichen Grenzen beim Ausbau der Offshore-Windkraft stoßen, sei nicht von der Hand zu weisen, bestätigt Homann. Der niederländisch-deutsche Netzbetreiber Tennet, der mit der Übernahme des Eon-Netzes für die Küstenregion verantwortlich ist, sei am stärksten betroffen. Mitleid hat Homann dennoch nicht: "Tennet hat gewusst, was an Investitionsbedarf auf sie zukommt", sagt er. Das Unternehmen sei nicht ausreichend kapitalisiert, um die nötigen Milliardeninvestitionen in den Netzanschluss von Offshore-Windparks zu stemmen.

Um den Ausbau angesichts der großen Hürden nicht zu gefährden, prüft das Wirtschaftsministerium zurzeit die Gründung einer Netzgesellschaft, an der sich die KfW-Bank beteiligen soll. Homann zeigte sich offen für eine solche Lösung für die Stromübertragung. Es gebe aber auch andere Modelle, bemerkte er. So könne beispielsweise über eine Umlage der Netzanschluss finanziert werden. Außerdem müsse nicht unbedingt der Staat - über die KfW-Bank - an der Netzgesellschaft beteiligt sein. "Mir wäre ein privater Teilhaber lieber", sagt Homann.

Eine gewisse Nähe zum Bundeswirtschaftsministerium, für das er bis März als Staatssekretär diente, streitet Homann gar nicht ab. Schließlich ist seine Behörde Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) unterstellt. Und es war Rösler selbst, der Homann in das Amt des Netzagentur-Präsidenten hievte.

Auf die Frage, ob die Arbeit der Netzagentur wegen der oft unterschiedlichen Linien des Wirtschafts- und des Umweltministeriums erschwert werde, antwortete Homann: "Öffentlich wahrgenommen werden die Themen, bei denen es Diskussionen zur Sache gibt. Diese muss man dann aushalten können". Ein Energieministerium für eine einheitliche deutsche Energiepolitik sei keine Lösung, sagte der Behördenpräsident. Im Grundsatz seien sich Wirtschaftsminister Rösler und Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) doch einig. "Niemand stellt die Energiewende in Frage", so Homann.

-Von Ali Ulucay, Dow Jones Newswires,

+49 (0)69 29725 300, ali.ulucay@dowjones.com

DJG/chg

(END) Dow Jones Newswires

May 03, 2012 11:18 ET (15:18 GMT)

Copyright (c) 2012 Dow Jones & Company, Inc.


© 2012 Dow Jones News

Link: http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2012-05/23433836-wsj-auf-die-energiewende-muss-keine-regulierungswende-folgen-netzagentur-015.htm
Aufklappen
Schliessen