Von David Enrich, Sara Schaefer Munoz und Charles Forelle THE WALL STREET JOURNAL
LONDON (Dow Jones)--Die Angst vor Refinanzierungproblemen verfolgt erneut die europäischen Banken. Obwohl die Europäische Zentralbank hunderte Banken mit günstigen Dreijahreskrediten im Gesamtvolumen von mehr als einer Billion Euro versorgt hat, bleibt das Finanzsystem der Eurozone anfällig. Vor allem das Gespenst eines Bankensturms, in dem Sparer in Scharen ihre Konten bei Instituten räumen, die sie als unsicher einschätzen, treibt die Banker um.
Erst in der vergangenen Woche kam diese Bedrohung wieder zu Bewusstsein, als Bankkunden in Griechenland innerhalb nur eines Tages mehr als 700 Millionen Euro von ihren Konten abhoben. Es war ihre Antwort auf die immer größere Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland die Eurozone verlassen wird. Und es war der dramatische Höhepunkt eines bereits seit zwei Jahren anhaltenden Kapitalabflusses aus dem kränkelnden Bankensystem des Landes.
Die Sorge von immer mehr Politikern, Investoren und Analysten ist nun, dass auch in anderen Ländern der Euro-Peripherie die Bankensysteme anfällig für ähnliche Krisen sind. Wenn es dazu käme, müssten Politik und Europäische Zentralbank wohl erneut zur Rettung eilen.
Sollte Griechenland sich dazu entschließen, die Eurozone zu verlassen, dürfte es für die meisten Griechen schwer werden, ihr Geld noch außer Landes zu schaffen. Bankkunden in ebenfalls schwächelnden Ländern wie Spanien und Portugal könnten dann zu der Einschätzung kommen, "wenn das in Griechenland passieren kann, kann es auch hier geschehen", glaubt Philippe Bodereau, Chef-Anleihenanalyst bei der Fondsgesellschaft Pimco.
Vorsorglich könnten viele ihr Vermögen außer Landes bringen, um zu verhindern, dass es automatisch in schnell abwertende spanische Peseten oder portugiesische Escudos umgetauscht wird. "Das ist es, worüber sich die Märkte langsam Sorgen machen", sagte Bodereau. "Das bringt die Liquiditätskrise auf ein ganz anderes Niveau."
Gerüchte bringen Banken ins Straucheln
In der vergangenen Woche brachten Gerüchte über einen Ansturm von Kunden auf eine große spanische Bank sowohl die Regierung in Madrid als auch Branchenvertreter in die unangenehme Situation, einen solchen Fall zu bestreiten. Ein leitender Bankmanager von Santander räumte allerdings ein, dass britische Kunden am Freitag mehr als 200 Millionen Britische Pfund abhoben. Das entspricht 0,2 Prozent aller Spareinlagen des Banco Santander U.K. Zuvor war die Bonität der Bank herabgestuft worden.
Es ist gerade einmal zwei Monate her, da schien das europäische Bankensystem vor Liquiditätsproblemen sicher. Ein massives Unterstützungsprogramm der EZB hatte die Banken mit so viel Kapital vollgepumpt, dass sie alle in diesem Jahr auslaufenden Anleihen refinanzieren konnten. Aber das Zusammentreffen des immer wahrscheinlicheren Euro-Austritts Griechenlands mit der zunehmenden Schwäche des spanischen Bankensystems hat diese sorgenfreie Zeit abrupt beendet.
Nach drei Monaten Tauwetter an den Märkten sind viele europäische Banken erneut vom Kapitalmarkt ausgeschlossen. Dank der EZB-Milliarden können sie das aushalten. Aber auf einen Bankensturm sind sie weniger vorbereitet, sagen Analysten und Anleger.
Europaweite Einlagengarantie im Gespräch
Um die Bedrohung zu dämpfen, erwägen einige EU-Vertreter die Einführung einer europaweiten Einlagengarantie, sagen mit der Sache vertraute Personen. Eine solche Garantie soll die nationalen Sicherheiten ergänzen. Unklar ist, wie fortgeschritten derartige Pläne bereits sind.
Besonders ängstigt Investoren und Analysten der hohe Anteil von Spareinlagen in Spanien, Portugal und Italien, die praktisch sofort abgezogen werden könnten. Es gibt nur wenig, was ängstliche Bankkunden davon abhält, ihr Geld einer Bank zu übertragen, die in einem anderen der 27 EU-Länder ihren Sitz hat.
In Spanien, wo die Banken noch immer unter den Folgen einer geplatzten Immobilienblase leiden, liegen 30 Prozent aller privaten und geschäftlichen Kundengelder auf Konten mit täglicher Kündigungsfrist. Beim geringsten Anlass könnten sie ohne Beschränkungen sofort abgehoben werden. In Italien sind sogar 48 Prozent aller Einlagen tagesaktuell verfügbar, in Portugal 21 Prozent, wie aus den Daten der jeweiligen Zentralbanken hervorgeht.
Citigroup-Analyst Stefan Nedialkov schätzte in der vergangenen Woche, dass die Banken in Irland, Italien, Portugal und Spanien schnell zwischen 90 und 340 Milliarden Euro verlieren könnten, wenn Griechenland die Eurozone verlassen sollte. Allein für Spanien schätze er den drohenden Abfluss auf 38 bis 130 Milliarden Euro.
Das entspricht etwa einem Zehntel aller Einlagen des Landes. Deren Abfluss hätte desaströse Folgen: Einigen Banken würde das Geld ausgehen, sie würden zusammenbrechen. Selbst die größten Institute müssten ihre Kreditvergabe massiv zurückfahren und Anlagen verkaufen, um ihr Kapital zu stabilisieren.
EZB wäre Helfer in der Not
Nedialkov geht allerdings nicht davon aus, dass eine solche Kapitalflucht zwingend eine Katastrophe auslösen würde. Er schätzt, dass die EZB mit neuem günstigen Geld im Rahmen des langfristigen Refinanzierungsplans LTRO zu Hilfe kommen würde.
Ein solcher Schritt wäre aber kaum unumstritten, gibt er doch der Sorge Raum, dass das europäische Bankensystem auf Dauer von Zentralbankgeldern abhängig sein und nicht auf eigenen Füßen stehen könnte. Aber da die einzige Alternative ein Finanzchaos wäre, "werden die meisten wohl den LTRO-Weg bevorzugen", glaubt Nedialkov.
Jenseits dessen, was man aus seinem Umfeld hört, ist es derzeit schwer abzuschätzen, was sich aktuell bei den Spareinlagen in Europa tut. Die Europäische Zentralbank legt Daten zu Kontenbewegungen erst mit einer Verzögerung von Wochen vor. In Griechenland zum Beispiel wird die Zentralbank die tatsächlich abgeflossene Geldmenge für den Monat Mai erst Ende Juni veröffentlichen.
In Spanien bemühen sich die Banken inzwischen, nervöse Kunden zu beruhigen, um eine Entwicklung wie in Griechenland zu vermeiden. In Madrid sagte ein Manager der inzwischen teilverstaatlichten Bankia - die zuletzt mit Gerüchten um einen Ansturm der Sparer zu kämpfen hatte - am Freitag, dass viele Kunden sich nach der Sicherheit der Bank erkundigten. "Wir sagen ihnen, dass wir keine Probleme haben, dass wir solvent sind", sagte der Manager, der nur seinen Vornamen José Manuel nennen wollte. "Sie gehen dann wieder beruhigt."
Auf Bankia-Kundin Dolores Saez Gonzalez trifft das zu. Als sie die Geschäftsstelle in Madrid verlässt, sagt sie, ihr sei schon klar, dass Bankia in Schwierigkeiten sei. Aber sie mache sich keine Sorgen um ihr Geld. "Ich denke, die Bank ist sicher", sagte sie. Eine weitere Kundin, Carmen Morales, ist sich nicht so sicher. "Ich habe sowieso nicht viel Geld", sagte Morales, die nach eigener Aussage seit fünf Jahren nicht mehr gearbeitet hat. "Aber wenn ich welches hätte, würde ich darüber nachdenken, es abzuheben."
-Von David Enrich, Sara Schaefer Munoz und Charles Forelle, The Wall Street Journal; +49 (0)69 29725 110, unternehmen.de@dowjones.com (Alkman Granitsas und Chris Emsden haben zu dem Bericht beigetragen). DJG/DJN/sha
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May 21, 2012 06:14 ET (10:14 GMT)
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