Von Andreas Kißler
Die deutsche Kreditwirtschaft hat die Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) als vertretbar bezeichnet, verbindet damit aber keine großen Hoffnungen auf einen schnellen Konjunkturaufschwung.
"Die heutige Zinssenkung der Europäischen Zentralbank ist angesichts der wirtschaftlichen Schwäche im Euroraum und des nachlassenden Preisauftriebs grundsätzlich nachvollziehbar", erklärte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB), Michael Kemmer. Die konjunkturellen Wirkungen einer Zinssenkung auf so niedrigem Niveau sollten allerdings nicht überschätzt werden, warnte er.
Als "vor dem Hintergrund der aktuellen Situation vertretbar" bezeichnete der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Georg Fahrenschon, den Zinsschritt. Allerdings solle man sich von der Maßnahme keine Wunderheilung versprechen, warnte auch Fahrenschon. "Einen nennenswerten konjunkturellen Effekt wird diese Zinssenkung von 'nahe Null' auf 'noch näher Null' nicht haben". Angesichts der Rezession in weiten Teilen des Euroraums, einer schwachen Geldmengenentwicklung, rückläufiger Ölpreise und sinkender Preissteigerungsraten sei der Zinsschritt mit Blick auf die Preisstabilität nachvollziehbar.
Aus Sicht des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) war die Zinssenkung "nicht zwingend, aber vertretbar". Angesichts der ohnehin schon niedrigen Zinsen am Geldmarkt trage sie nur wenig zur Belebung der Konjunktur im Euroraum bei, meinten auch die genossenschaftlichen Institute. Wegen des nachlassenden Preisdrucks im Euroraum und der sehr schwachen Konjunktur insbesondere in den Peripheriestaaten sei die Zinssenkung aber vertretbar.
Die Finanzierungskosten seien aktuell aber nicht das entscheidende Hindernis für die Belebung der Investitionen und des privaten Verbrauchs, meinte der BVR. Der für den Liquiditätsaustausch zwischen den Banken wichtige Tagesgeldsatz bewege sich infolge der geldpolitischen Sondermaßnahmen der EZB ohnehin deutlich unterhalb des Leitzinses. Viel wichtiger als zusätzliche Impulse der EZB seien für die Belebung der Wirtschaft in den schwachen Volkswirtschaften weitere energische Anstrengungen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und zur Gesundung der Staatsfinanzen.
Der BdB betonte, für die unmittelbaren Probleme im Zusammenhang mit der europäischen Staatsschuldenkrise könne die EZB "lediglich Zeit kaufen". Die Geldpolitik der EZB könne weder die dringend erforderlichen Strukturreformen in den Euro-Staaten ersetzen, noch das verloren gegangene Vertrauen in die Staatsfinanzen beheben.
Kemmer mahnte überdies, dass die Politik des Zeitkaufens auch Nebenwirkungen habe und sich nicht unbegrenzt fortsetzen lasse. "Das außergewöhnlich niedrige Zinsniveau und die sehr reichliche Liquiditätsversorgung können die Sanierungsbemühungen angeschlagener Banken verzögern und zu verzerrten Risikoeinschätzungen der Investoren führen", warnte er. Damit stiegen die gesamtwirtschaftlichen Risiken, je länger diese Politik anhalte.
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July 05, 2012 09:18 ET (13:18 GMT)
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