(Neu: Ökonomen und mehr Details)
FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat nach Einschätzung von Ökonomen eine Zinserhöhung für Dezember vorbereitet und sich gleichzeitig alle Türen für 2007 offen gehalten. Insgesamt habe EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag die bestehenden Aufwärtsrisiken für die Preisstabilität eher noch ausführlicher als bislang betont, sagte Marco Bargel, Chefvolkswirt der Postbank. Mit den Schlüsselworten "starke Wachsamkeit" habe Trichet eine Leitzinserhöhung bei der nächsten Sitzung klar signalisiert. Ökonomen rechnen im Dezember fest mit der sechsten Leitzinserhöhung innerhalb eines Jahres um 0,25 Punkte auf dann 3,50 Prozent.
Trichet wies darauf hin, dass eine "weitere" Rückführung der zur Zeit eher noch expansiven Geldpolitik nötig sei, wenn sich das Basisszenario des Rates bestätigt. Die Zinsen in der Eurozone seien weiterhin niedrig und die Geldpolitik bleibe versorgend. Es bestünden weiterhin Aufwärtsrisiken für die Inflation. Er weigerte sich aber, bereits jetzt einen Ausblick auf das kommende Jahr zu geben. Für Dezember kündigte er aber eine erste Einschätzung an. Zu diesem Zeitpunkt liegen auch die neuesten Prognosen der EZB-Volkswirte zu der Entwicklung des Wachstums und der Inflation vor. Die meisten Ökonomen halten eine Fortsetzung der Anhebungen für wahrscheinlich.
WACHSTUM ROBUST
"Die EZB ist grundsätzlich geneigt, die Leitzinsen weiter anzuheben", sagte Bargel. Auch aus Sicht von Commerzbank-Ökonom Michael Schubert ist die Gefahr weiterer Zinserhöhungen über den Dezember hinaus "sehr groß". Dies zeige die ausführliche Betonung der monetären Risiken. Angesichts des robusten Wachstums dürfte die EZB im Zweifel den Leitzins Anfang 2007 eher noch weiter erhöhen.
Die jüngsten Daten untermauern laut Schubert das positive Wachstumsszenario der EZB. In den USA sei "eine langsame Abschwächung und keine harte Landung" zu erwarten, sagte Trichet. Insgesamt seien angesichts eines weiter robusten Wachstums im Rest der Welt die Bedingungen für ein solides Wachstum in der Eurozone mit Raten in Höhe des Potenzialwachstums weiter gegeben. Der Rückgang des Ölpreises könnte das Wachstum in den kommenden Quartalen stützen, während die Wachstumsabschwächung in den USA dämpfe. Die Risiken für das Wirtschaftswachstum seien kurzfristig ausgeglichen, längerfristig seien sie jedoch weiterhin abwärts gerichtet.
GELDMENGE- UND KREDITVERGABE 'SEHR GENAU' BEOBACHTEN
Mit Blick auf die Inflationsentwicklung zeigte sich Trichet trotz der jüngsten Entspannung für den weiteren Jahresverlauf eher skeptisch. In der Eurozone ist die Inflationsrate im September und Oktober angesichts des Ölpreisrückgangs und auf Grund von Basiseffekten unter die Schwelle von zwei Prozent gefallen. Für Dezember und Januar seien aber deutlich höhere Inflationsraten zu erwarten, sagte Trichet. 2006 und 2007 dürften die Inflationsraten im Schnitt insgesamt mit Raten über zwei Prozent erhöht bleiben. Die Inflationsrisiken seien weiterhin aufwärts gerichtet, betonte Trichet. Es sei entscheidend, dass die Inflationserwartungen verankert blieben. Auch ein weiterer Ölpreisanstieg könne nicht ausgeschlossen werden.
Das starke Wachstum der Geldmenge M3 und der Kreditvergabe stelle weiterhin ein Risiko für die Preisstabilität dar, sagte Trichet. Die Entwicklung müsse "sehr genau" beobachtet werden. Die Liquiditätsausstattung sei insgesamt weiterhin üppig. Unternehmen fragten immer mehr Kreidte nach. Die Wachstumsrate bei diesen Darlehen habe mit mehr als zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahr inzwischen das höchste Niveau seit Anfang der 1990er Jahre erreicht./jha/he
AXC0213 2006-11-02/17:19
