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19.09.2008 00:53

Wall Street: Nägel mit Köpfen

New York (BoerseGo.de) - Halten die Bremsen? So lautete heute die bange Frage an der Wall Street. Zum Schluss gab es ein klares Ja. Zeitweise sah es aber so aus, als setze der Aktienmarkt seinen gestrigen Kursrutsch fort.
Der Börsenstart erfolgte noch recht beschwingt. Möglich machte das eine konzertierte Aktion der Notenbanken unter der Führung der Fed. Dabei wird den angeschlagenen Finanzmärkten - via Bankensystem - eine Kreditlinie von sage und schreibe 180 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. Die massive Liquiditätsspritze sollte die Angst aus dem Markt nehmen, dass die Banken der Reihe nach wie Dominosteine umfallen. Zumindest konnte die Fed den US-Geldmarktzins, der - wegen des gegenseitigen Misstrauens der Banken - um einen Prozentpunkt über ihrer Zielmarke von zwei Prozent schwebte, wieder auf das gewünschte Niveau drücken.

Den Geldpolitiker gelang es aber nur kurzfristig die Panik am Aktienmarkt zu dämpfen. Vor allem die Zweifel über das Schicksal von Morgan Stanley brachten die Finanzwerte - und in deren Sog - den gesamten Aktienmarkt wieder ins Rutschen. Das ganze erinnerte doch sehr an den Niedergang der Lehman Brothers. Damit schien auch das bereits gestern ausgesprochene Verbot der sogenannten „nackten“ Leerverkäufen, das heute wirksam wurde, zu verpuffen. Diese Verbot war nur halbherzig, weil es sich lediglich auf den Verkauf von Aktien bezieht, die der Verkäufer noch nicht einmal vorher geliehen hatte. Bei derartigen Transaktion hält der Spieler erst nach dem Verkauf der Aktien Ausschau nach der Möglichkeit, sie zu bekommen. Marktbeobachter vermuten, dass Leerverkäufe den Kurssturz der Aktien von Bear Stearns, Lehman Brothers oder Merrill Lynch zumindest verschärft hatte. Die dadurch wiederum ausgelöste Vertrauenskrise, also die Flucht von Kunden und Geldgebern, brachte die Banken dann schließlich zum Fall.

Rettung aus London

Die Märkte stabilisierten sich erst wieder als eine beruhigende Meldung aus London kam. Die dort zuständige britische Finanzaufsichts-Behörde FSA machte endlich Nägel mit Köpfen. Die Briten zeigten sich konsequenter als ihre US-Kollegen und gingen einen Schritt weiter. Die FSA verbot generell alle Leerverkäufe bei Finanzaktien in London, wirksam heute ab 23:00 Uhr. Das Verbot soll mindestens bis Januar gelten. Kaum machte diese Meldung die Runde, ließ der Verkaufsdruck nach und Wall Street gewann wieder Boden. Calpers, der größte Pensionsfonds der USA (verwaltetes Vermögen rund 250 Milliarden Dollar), meldete kurz darauf, er verleihe ab sofort keine Aktien mehr von Goldman Sachs und Morgan Stanley, jedenfalls solange die Krise anhält. Andere Fonds folgten mit ähnlichen Verlautbarungen. Dadurch wurde der Einfluss der Leerverkäufer auf den Gang der Wall Street zunehmend abgeschwächt.

Richtigen Schub bekamen die Aktienmärkte etwa ein Stunde vor Schluss durch eine Meldung aus Washington. Auch dort will man jetzt Nägel mit Köpfen machen. Der TV-Kanal CNBC und andere Medien berichteten, Finanzminister Henry Paulson arbeite an einem Projekt zur Heilung der Finanzkrise. Das löste dann die formidable Schluss-Rallye aus, besonders bei den ausgebombten Banken und Eigenheimbauern. Im Mittelpunkt steht eine staatliche Agentur, die Übernahmen und sonstige Rettungsmaßnahmen für angeschlagene Banken durchführen soll. Gedacht wird vor allem an den Ankauf wackliger Forderungsbestände oder die Gewährleistung günstiger Immobilienkredite an Eigenheimbesitzer. Eine ähnliche Einrichtung gab es Ende der 80er Jahre. Damals waren viele Sparkassen in eine Krise geraten. Eine Staatsagentur übernahm dann deren Forderungen und beendete damit die Krise.

Rettungsring für die Börse Shanghai

Mit Interesse dürfte die Wall Street auch nach China geblickt haben. Dort warf die Regierung ebenfalls einen Rettungsring, um die Abwärtsspirale an den Aktienmärkten Shanghai und Shenzen zu stoppen. Ein großer Staatsfonds bekam den offiziellen Auftrag, die Aktien der drei größten Banken in China zu kaufen, um deren Börsenkurse zu stützen. Andere chinesische Regierungsbehörden wurden ermuntert, Aktien weiterer chinesischer Firmen zu erwerben.

Die spektakulären Ereignisse im Finanzsektor stellten die gewohnt durchwachsenen Konjunkturmeldungen in den Hintergrund. Die wöchentlichen Arbeitslosenmeldungen stiegen auf 455.000 (Vorwoche: 445.000 Erwartungen: 440.000).
Die Frühindikatoren fielen im August um 0,5 % (Juli: minus 0,7%). Der Konsens ging von einem Rückgang um 0,2% aus.
Der (aktuellere) Index der Philadelphia Fed verbesserte sich dagegen im September plus 3,8 (August: minus 12,7). Erwartet wurde nur eine Verbesserung auf minus 10,0. Das war das erste Plus seit 10 Monaten und zeigt, dass die Industrie in diesem wichtigen Ballungsgebiet wieder wächst.

Größte US-Aktien-Rallye seit 6 Jahren

Das Zusammenspiel von Liquiditätsspritzen der Notenbanken, Eindämmung der Leerverkäufe und dem Rettungs-Projekt von Finanzminister Paulson löste die größte US-Aktien-Rallye seit 6 Jahren aus. An der New York Stock Exchange kam auf sieben Gewinner lediglich ein Verlierer.
Der Dow Jones Industrial Average gewann 3,86 Prozent auf 11.019 Punkte. Im Vergleich zum Tagestief ein Sprung von 617 Punkten. Der - für den breiten US-Aktienmarkt repräsentative - S&P 500 stieg 4,33 Prozent auf 1.206 Punkte. Dort stiegen 68 Gesellschaften mehr als 10 Prozent. Der technologielastige Nasdaq Composite Index kletterte 4,78 Prozent auf 2.199 Punkte.



Dow Jones Average: Adiós AIG

Alle 30 Titel des Blue Chips Barometers schlossen heute im grünen Bereich - Paulson&Co. sei Dank. Dazu trug auch die Eindeckung der teilweise massiven Leerverkäufe der vergangenen Tage bei. Auf den 6 besten Plätzen notierten heute 5 Finanzkonzerne, die alle jeweils mehr 10% gewannen.


Tops:

Den Vogel schossen die ausgebombten Papiere der American International Group (AIG) ab, die 31% auf 2,69 Dollar explodierten. Die Angst vor einem Bankrott ist etwas gedämpft worden. Die Turbulenzen an der Wall Street machten allerdings einen Wechsel im Dow Jones notwendig. Wegen der Kursimplosion steigt der einstige Versicherungsgigant kommenden Montag 22. September aus dem Blue Chip Index ab, meldete heute die Agentur Dow Jones, die das gleichnamige Börsenbarometer ermittelt. An seine Stelle tritt der Lebensmittelkonzern Kraft Foods (Northfield, Illinois).
Den 2. Platz belegte die Citigroup, die 18,7% auf 16,65 Dollar sprang.
General Motors schmuckelte sich zwischen die Bankriesen und auf den 3. Platz. Dazu war ein Tagesgewinn von 14,5% auf 11,37 Dollar notwendig. Dort hilft seit Tagen die Spekulation, dass die kriselnden Detroiter - zusammen mit dem Rivalen Ford - einen Staatskredit im Volumen von insgesamt 25 Milliarden Dollar erhalten.


Flops:

Die Schlusslichter waren der Haushaltswarenriese Procter&Gamble mit plus 0,5% und der Chemiegigant Du Pont ebenfalls mit plus 0,5%. Beide gelten als ausgesprochen defensiv und wurden daher wegen der Rückkehr in Banken und Risiko vernachlässigt.


S&P 500: Rückkehr aus dem Reich der Toten

Der S&P wurde natürlich von den Kursexplosionen bei den ausgebombten Bank-Titel in die Höhe gewuchtet. Die Eindeckung von Leerverkäufen holte wieder viele aus dem Bereich der Toten zurück.

Tops:

MGIC explodierte 74,6% auf 9,50 Dollar. Der Kreditkonzern versichert Hypothekenkredite und zählt damit zu den Hauptgewinnern des Paulson-Plans. Der Anleihe-Versicherer Mbia hüpfte 44,2% auf 14,00 Dollar.

Die Geschäftsbank Wachovia sprang 59% auf 14,50 Dollar. Dort gibt es auch Fusionsspekulationen.
Washington Mutual kletterte 48,8% auf 2,99 Dollar. Bei der im gleichnamigen Bundesstaat beheimateten Sparkasse, die tief im Hypothekensumpf versunken ist, haben sich - auch wegen dem Paulson-Projekt, die Hoffnungen auf eine Rettung verstärkt.

Morgan Stanley gewann 3,7% auf 22,55 Dollar. Vorübergehend verlor das Papier mehr aber als 30 Prozent! Die Medien berichteten die angeschlagene Investmentbank führe Fusionsgespräche mit der Geschäftsbank Wachovia. Das wurde aber wieder in Zweifel gezogen. Das - noch arbeitende - Aktienresearch der untergegangenen Investmentbank Merrill Lynch erklärte, eine Firmenehe zwischen Morgan Stanley und Wachovia sei unwahrscheinlich. Die AgenturBloomberg meldete außerdem, Morgan Stanley versuche selbständig zu bleiben. Die Bank führe aber Gespräche mit dem Staatsfonds China Investment Corp, in der Hoffnung, dass die Chinesen ihre Beteiligung dort aufstocken.

Paulson hauchte auch den Eigenheimbauern neues Leben ein:  Lennar gewann 18% und KB Home 9,8%.

Die New York Times Company stieg 12% auf 15,25 Dollar. Der Medienkonzern, der auch die gleichnamige Tageszeitung betreibt, meldete heute, dass seine Umsätze im August um 8,8% gegenüber dem Vorjahr geschrumpft sind (ohne Berücksichtigung von Firmenzugängen). Die Einnahmen aus Werbung fielen um 14,1% und die verkaufte Auflage bröckelte 0,9%. Allerdings war der Rückgang geringer als in den Vormonaten. Außerdem ist kürzlich der mexikanische Milliardär Carlos Sim dort eingestiegen und regt die Fantasie an. Daneben gibt es noch Spekulationen, dass Medien Mogul Rupert Murdoch (News Corp. mit Wall Street Journal und Dow Jones) Interesse hegt.

Kraft Foods kräftigte sich um 3,3% auf 33,74 Dollar. Der Lebensmittelkonzern rückt kommenden Montag für AIG in den Dow Jones auf. Daher müssen jetzt Fonds und Zertifikateaussteller, die den Dow abbilden, das Papier kaufen.


Flops:

Goldman Sachs verlor dagegen 5,7% auf 108,00 Dollar. Die Investmentbank war relativ ungeschoren durch die Krise gekommen. Vielleicht wurde deren Aktien deswegen heute in die ausgebombten Papiere der Rivalen getauscht, die größeres Erholungspotential versprechen.


Nasdaq: Wieder Appetit auf Chips

Die wieder gewonnene Risikofreude half auch den Techies und ganz besonders den vernachlässigten Chip-Werten.
Sandisk stieg 7,50% auf 22,49 Dollar. Der Speicherchipkonzern wehrt sich gegen einen feindlichen Übernahmeversuch des koreanischen Technologiegiganten Samsung. Das Interesse aus Fernost tat auch den übrigen Halbleiterwerten gut. Nvidia kletterte 8,9% auf 10,89 Dollar. Der Philadelphia Semiconductor Sector Index, der 19 Halbleiter-Titel erfasst, avancierte 5% auf 327,71 Punkte.

Oracle gewann 3,6% auf 98,18 Dollar. Der SAP-Rivale legte heute kurz nach Börsenschluss seine Quartalszahlen vor. Kurz zuvor trimmten einige Banken ihre Schätzungen. Die UBS senkte ihre Gewinnschätzung für das Geschäftsjahr 2009 (bis Mai 2009) auf 1,48 Dollar (vorher: 1,51 Dollar) und für 2010 auf 1,71 Dollar (vorher: 1,74 Dollar). Die Bank sieht schwächeres Wachstum bei den Lizenzeinnahmen. Sie bleibt aber bei der Kaufempfehlung und Kursziel 29 Dollar. Der Broker Jefferies&Co schraubte sein Kursziel von 26 Dollar auf 22 Dollar herunter, bleibt aber ebenfalls bei seiner Kaufempfehlung. Beide rechnen auch mit einem konservativen, also eher enttäuschenden Ausblick.

Apple erholte sich 4,7% auf 133,80 Dollar. Zeitweise war das Papier auf 120,68 Dollar gefallen und hatte damit den Kursrutsch der Vortag vorläufig fortgesetzt. Der Smartphone-Rivale Research in Motion, Hersteller des BlackBerry, avancierte 5,6% auf 98,18 Dollar. Die Citigroup bekräftigte Kaufempfehlung und Kursziel 160 Dollar.


Internet: Futterneid in China

Da die Anleger wieder Appetit auf Risiko zeigten, haussierten auch die an der Nasdaq notierten Flaggschiffe des Internets. Google gewann 5,9% auf 439,80 Dollar. Dazu trugen 2 positive Einflüsse bei. Die Internet-Beobachtungsfirma Comscore meldete, dass der Suchmaschinenkönig seinen Marktanteil in den USA im August auf 63% ausweitete (Juli: 61,9%). Außerdem bezeichnete der Broker Bernstein das Online-Papier als billig. Auch bei der pessimistischten Einschätzung der Weltwirtschaft mit „pervers hohen“ Ölpreisen sei die Aktie ungefähr 535 Dollar wert und daher überverkauft. Allerdings kürzte der Broker seine Gewinnerwartung (für 2008 von 19,46 Dollar auf 19,03 Dollar und für 2009 von 24,25 Dollar auf 22,68 Dollar) und das offizielle Kursziel (von 700 Dollar auf 660 Dollar). Yahoo sprang 10,6% auf 20,82 Dollar. Das Portal gestaltet zwar seine Homepage neu, der Kurssprung war aber wohl eine Folge der Eindeckung von Leerverkäufen wegen des aufgehellten Börsenklimas. Baidu.com, Chinas Marktführer bei den Suchmaschinen, kletterte 20% auf 305,25 Dollar. Dort halfen wohl die Rettungsmaßnahmen der chinesischen Regierung für die Börsen Shanghai und Shenzen, obwohl der Onlinedienstleister dort gar nicht notiert wird. In den vergangenen Tagen litt die Aktie noch unter der Meldung, dass verschiedene Onlineportale und Gemeinschaftsnetzwerke in China verwehren den Suchmaschinen von Baidu den Zugang verwehren und sie blockieren. Beobachter sehen wachsenden „Futterneid“, weil die chinesische Google rasant wächst.

Amazon.com hüpfte 6,9% auf 76,50 Dollar. Gestern war die Aktie allerdings um rund 9% abgestürzt. Damit waren positive Nachrichten verpufft. Bereits zum Wochenanfang war ein Deal der Seattler mit MySpace gemeldet worden. Dabei richtet der E-Commerce-Pionier für das Gemeinschaftsnetzwerk einen MP3-Download-Shop ein. Der Broker Piper Jaffray rechnet damit, dass Amazon.com im kommenden Jahr 208 Millionen Songs per Download verkauft, eine Steigerung von 60% gegenüber diesem Jahr. Der Rivale Ebay avancierte 4,9% auf 23,00 Dollar.



 

Öl: Wirkung der Liquiditätsschwemme verpufft.

Der Ölpreis zog heute zeitweise extrem an. Die von den Notenbanken inszenierte Liquiditätsschwemme putschte den Energiepreis auf und schraubte die Notiz zeitweise auf 102,24 Dollar. Dann verpuffte der konjunkturell katastrophale Effekt wieder. Der Crude-Kontrakt für Oktober schloss heute an der New York Mercantile Exchange bei 97,88 Dollar, das sind 72 Cents mehr als gestern, berichtet MarketWatch.


Gold: Wie reagiert das Edelmetall auf die Entspannung?

Das Gold profitierte wieder von einer alten Tradition. Immer wenn panische Zeiten herrschen, flüchten die Leute ins Edelmetall, so auch heute. Der Gold-Kontrakt für Dezember gewann heute 46,50 Dollar auf 897 Dollar. Zeitweise verteuerte sich das Metall auf 926 Dollar, berichtet MarketWatch. Man darf also gespannt sein, wie das Gold morgen auf die Entspannung reagiert.








(© BörseGo AG 2007 - http://www.boerse-go.de, Autor: Maier Gerhard, Redakteur)


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