DJ UPDATE: US-Versicherer AIG braucht dringend frisches Kapital
(Durchgehend neu)
NEW YORK (Dow Jones)--Nach der Investmentbank Lehman Brothers steht möglicherweise der nächste US-Finanzriese in Kürze vor dem Aus: Der zweitgrößte Erstversicherer der Welt, die American International Group (AIG), benötigt massiv frisches Kapital, nachdem die wichtigsten Ratingagenturen die Bonitätseinstufungen von AIG herabgesetzt haben.
Das "Wall Street Journal" (WSJ) berichtet am Dienstag aus informierten Kreisen, dass der Konzern aus New York versucht rund 75 Mrd USD frisches Geld zu beschaffen, um die Zahlungsunfähigkeit zu vermeiden. Bis Mittwoch müsse frisches Kapital vorhanden sein, sonst bleibe nur die Option eines Insolvenzantrages. "Die Situation ist schrecklich", sagte eine mit der Situation vertraute Person.
Doch gibt es offenbar einen Hoffnungsschimmer: Nach Informationen der Zeitung aus Finanzkreisen arbeiten die US-Banken J.P.Morgan und Goldman Sachs derzeit gemeinsam an einem Notkredit für den angeschlagenen Versicherungskonzern. Er soll ein Volumen von 70 Mrd bis 75 Mrd USD haben. Impulsgeber ist dabei laut "WSJ" die US-Notenbank Federal Reserve gewesen.
Verschärft hat sich die Situation von AIG in der Nacht zum Dienstag, als die die drei großen Ratingagenturen Fitch, Standard & Poor's (S&P) und Moody's allesamt die Bonitätseinstufungen senkten. Zur Begründung verwiesen ihre Kreditanalysten unisono auf die schwache Liquidität des Konterns sowie das Risiko weiterer Verluste aus hypothekenbesicherten Investments. Eventuell wird die Bonität sogar noch weiter gesenkt.
Die Abstufungen kamen zwar nicht überraschend, haben aber direkte Folgen. So muss AIG nach eigener Auskunft als unmittelbare Folge einer Herabstufung zusätzliche 14,5 Mrd USD an Sicherheiten für seine Counterparties hinterlegen. Unklar ist dabei, wie schnell diese Mittel vorhanden sein müssen.
Wahlweise können die Counterparties nach der Herabstufung auch eine sofortige Beendigung der Laufzeiten der betroffenen AIG-Anleihen verlangen, wodurch ein maximaler Rückzahlungsbedarf von 5,4 Mrd USD entstünde, wie AIG der US-Börsenaufsicht bereits im August mitteilte.
Überwiegend handelt es sich bei den Wertpapieren, auf die sich die Senkung der Bonität auswirkt, um so genannte Credit Default Swaps (CDS), ein Kreditderivat, das Ausfallrisiken von Krediten handelbar macht. Viele dieser CDS liegen bei Wall-Street-Firmen, die möglicherweise ein Interesse haben, dass eine Kettenreaktion bei AIG ausbleibt und deshalb ihre Rechte auf Rückzahlung oder zusätzlichen Sicherheiten nicht wahrnehmen.
Etliche der AIG-Counterparties sitzen jedoch in Europa und Asien und haben möglicherweise weniger Interesse an einer Stützung von AIG. Sollte mit dem US-Versicherer ein wichtiger Spieler auf dem 62 Bill USD starken, aber weitgehend unregulierten Markt für CDS-Schuldtitel ausfallen, so befürchten Kenner der Szene neues Chaos.
Nach Einschätzung der "New York Times" bleiben dem Versicherer nach der Ratingsenkung vom Montag ohne Gegenmaßnahmen maximal 48 bis 72 Stunden zum Überleben. Viele der AIG-Bonds wurden am Montag bereits auf dem Niveau von Ramschanleihen gehandelt, wo der Emittent üblicherweise kurz vor der Insolvenz steht. AIG-Anleihen waren zu unter 50 Cent pro Dollar zu haben, nachdem vorige Woche noch 80 Cent gezahlt worden waren.
Abzulesen ist das Debakel von AIG auch am Kursverfall ihrer Aktie, die alleine am Montag an der Wall Street mehr als 60% ihres Wertes einbüßte. Seit Jahresbeginn ist der AIG-Kurs damit um rund 92% eingebrochen - und hat Finanztitel aus der ganzen Welt mit nach unten gezogen.
So auch am Mittwoch: Bei hohen Umsätzen verlieren Finanztitel auf der ganzen Welt und lasten auf den Leitindizes. In Tokio gab der Nikkei bis zur Börsenglocke beispielsweise 5% nach und schloss damit auf einem 3-Jahres-Tief; auch die Börsen in Hongkong und Singapur notieren in den tiefroten Zahlen. Auch in Deutschland und Europa verlieren Finanztitel im Sog der neuerlichen Hiobsbotschaften aus dem US-Finanzsektor um bis zu 10%.
AIG versucht seit Tagen, neues Kapital aufzutreiben, um das vorläufige Überleben zu sichern. Die US-Regierung lehnte eine direkte finanzielle Unterstützung ab. Die präferiere eine private Lösung, sagte eine mit dem Vorgang vertraute Person dem "WSJ".
Allerdings hat die Regierung angekündigt die Vorschriften für Versicherungen zu lockern und AIG zu erlauben, sich Kapital bei ihren eigenen Tochterunternehmen zu beschaffen. Mit Hilfe eines solchen Überbrückungskredits über rund 20 Mrd USD kann AIG das eigene Tagesgeschäft übergangsweise weiter finanzieren.
Seit Sonntag hatte AIG nach Informationen des "WSJ" außerdem weitere verschiedene Optionen zur Kapitalbeschaffung sondiert - bislang aber ohne Erfolg. AIG steht nach Aussagen einer mit der Situation vertrauten Person nicht nur mit Private-Equity-Gesellschaften wie TPG und KKR in Verhandlungen, sondern prüft auch den Verkauf profitabler Geschäftsbereiche.
So habe AIG beispielsweise über eine Veräußerung von Teilen des rentablen Lebensversicherungsgeschäfts ("AIG Variable Annuity Life Insurance Co") nachgedacht, sagte ein Informant zum "WSJ".
Der nach der Allianz SE weltgrößte Erstversicherer hat in den zurückliegenden neun Monaten insgesamt 18 Mrd USD Verlust verbucht. Hintergrund der Ausfälle ist die anhaltende Kreditkrise: So hat AIG auch Risiken im Zusammenhang mit Subprime-Krediten und ähnlich riskanten Vermögenswerten versichert.
Webseiten: http://www.aig.com DJG/ncs/rio
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September 16, 2008 06:21 ET (10:21 GMT)
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