DJ aktiencheck.de/Hüfners Wochenkommentar: "Achtung: Geld in Gefahr"
Ich erinnere mich nicht, dass die Menschen je so viel Angst ums Geld hatten
wie heute. Aus der Bankenkrise ist eine Vertrauenskrise geworden. Einige
Regierungen in Europa sahen sich gezwungen, eine Garantie für Bankeinlagen
zu geben, um einen Run auf die Finanzindustrie zu verhindern. Aber selbst
das hat nicht geholfen. Die Zentralbanken beschlossen eine Not- Zinssenkung,
um die Märkte zu beruhigen. Vielleicht ist es in dieser Situation ganz
hilfreich, sich die konkreten Befürchtungen anzusehen, die hinter der
Vertrauenskrise stecken. Welche Sorgen haben die Menschen? Was ist
berechtigt, was nicht?
Insgesamt ist es ein breites Gemisch aus eindeutigen Fakten, undeutlichen
Sorgen und volatilen Stimmungen, das hinter der Vertrauenskrise steht. Das
macht politische Aktionen so schwer. Im Zentrum ist natürlich die
Bankenkrise. Sie hat mit der deutschen Hypo Real Estate eine Wende genommen.
Es geht inzwischen nicht mehr nur noch um faule Kredite. Es geht auch darum,
dass die Verklemmungen am Geldmarkt die Refinanzierung der Kreditinstitute
erschwert oder ganz unmöglich macht. Drei-Monats-Geld kostet inzwischen 5,3%
(bei Leitzinsen von 2% in den USA und 4,25% in Europa). Hinzu kommt, dass
sich die Banken ihren Counterpart genau anschauen. Wer irgendwie ins Gerede
kommt, hat auch bei den hohen Sätzen keine Chance, Geld zu bekommen. Die
Zentralbanken können daran wenig ändern, da den Instituten häufig die
notwendigen Sicherheiten fehlen.
Es wäre verwunderlich, wenn bei diesen Verhältnissen nicht noch mehr Banken
in Schwierigkeiten kommen würden. Dies insbesondere auch im Hinblick auf den
bevorstehenden Jahresultimo, der immer mit großem Liquiditätsbedarf
einhergeht. Was etwas Ruhe in die Situation bringen könnte, ist einmal die
Zinssenkung der Notenbanken (die ja noch nicht der letzte Schritt sein
muss). Zum anderen könnte ein überzeugender (auch europäischer) Rettungsplan
für die Finanzindustrie anstelle der bisherigen hektischen
Einzelfalllösungen helfen.
Zu den Gefahren für das Geld gehört auch die Konjunktur. Sie hat die
Allgemeinheit bisher noch nicht so stark verunsichert, weil sich die
Arbeitslosenzahlen - zumindest in Europa - noch nicht richtig
verschlechtern. Das wird aber im bevorstehenden Winter leider noch kommen.
Hier wird die Situation schlechter, bevor sie - zyklisch bedingt - wieder
besser wird.
Dazu gehört auch die wachsende Staatsverschuldung. In den USA wird das
öffentliche Defizit durch das 700 Mrd Dollar Programm sowie die schlechtere
Konjunktur von 3 auf wenigstens 8% des Bruttoinlandsprodukts steigen. In
Europa kommt die magische Grenze von 3% wieder ins Visier. Es droht die
Gefahr, dass der Staat seinen guten Ruf verspielt, das Vertrauen der
Menschen unterminiert und seine Bestnoten auf den Kapitalmärkten verliert
(und mehr Zinsen für ihre Verschuldung aufbringen muss). In den USA wird
bereits über eine Herabstufung des Ratings der öffentlichen Hand gesprochen.
Wenn es dazu käme, wäre dies in der Tat eine schlimme Sache. Denn das
Vertrauen in den Staat ist derzeit ziemlich das einzige, was in der
Finanzkrise noch nicht beschädigt ist. Andererseits besteht hier im
Augenblick eine Diskrepanz zwischen dem, was die Menschen sagen und dem was
sie tun: die Nachfrage nach Staatsanleihen ist außerordentlich hoch.
Staatsanleihen sind ein "safe haven" (sicherer Hafen). Das zeigt, dass hier
nicht nur Facts, sondern auch Stimmungen am Werk sind.
Zu den Gefahren rechnet ferner die Inflation. Manche fürchten, dass die hohe
Staatsschuld die Preissteigerung aufblähen könnte. In der Vergangenheit
führten hohe öffentliche Defizite häufig zu einer Unterminierung des
Geldwertes mit am Schluss einer Währungsreform. Das ist ernst zu nehmen, ist
derzeit aber aus meiner Sicht nicht akut. Ich habe auch nicht die
Befürchtung, dass die starke Geldmengenausweitung der letzten Monate die
Inflation anheizt, wir vielleicht sogar eine Hyper-Inflation bekommen. Zwar
kann zu viel Geld in einer Volkswirtschaft am Ende zu mehr Preissteigerung
führen. Das wird aber nur dann geschehen, wenn die Zentralbanken das Geld
nicht rechtzeitig wieder einsammeln. Den Fehler werden sie nicht begehen.
Was mich mehr umtreibt ist die Tatsache, dass eine anhaltende Inflation die
Menschen ärmer macht. Bei 3% Preissteigerung ist ein Euro nach 10 Jahren nur
noch 74 Cent wert, nach 20 Jahren nur noch 54 Cent. Wenn ein heute
40jähriger Familienvater seine Altersrente, die er mit 65 Jahren erhält, um
2 000 Euro pro Monat aufstocken will, muss er wissen, dass diese 2 000 Euro
dann nur noch eine Kaufkraft von 940 Euro haben werden. Wenn er vielleicht
noch 30 Jahre lebt, wird die Zusatzversorgung bei einer jährlichen
Preissteigerung von 3% dann nur noch eine Kaufkraft von 400 Euro haben. Es
sind solche Perspektiven, die die Menschen bewegen.
Zu den Gefahren, die hinter der Vertrauenskrise stehen, gehören noch viele
andere Dinge. In dem Buch "Achtung: Geld in Gefahr"1, das ich in den letzten
Monaten mit Heiner Sieger schrieb und das in diesen Tagen auf den Markt
kommt, diskutieren wir zwölf Komplexe, testen sie auf ihren
Bedrohungspotenzial und leiten daraus Konsequenzen für den Anleger ab.
Unsere Schlussfolgerungen:
· Stimmungen kommen und gehen. Nicht alle Gefahren, vor der die
Menschen jetzt Angst haben, sind gleich bedrohlich. Auch jetzt wird sich
die Stimmung wieder drehen und zum Positiven wenden.
· Damit kann man sich aber nicht zufrieden geben. Es bleiben die
Probleme. Nach der Krise ist anders als vor der Krise. Dank der
genannten Gefahren wird mittelfristig das wirtschaftliche Wachstum
niedriger sein, die Abgabenbelastung steigen und die private
Altersvorsorge zunehmen. Die Ausgabenspielräume und Sparmöglichkeiten
der Menschen werden geringer werden. Die Krise ist auch eine
Zeitenwende. Das war schon in Japan in den 90er Jahren der Fall. Darauf
muss sich der Anleger einstellen.
· Umso wichtiger ist es, die Regeln der Geldanlage zu überprüfen.
Ein Motto in Zukunft wird "Sicherheit vor Rendite" sein. Dazu gehören
nicht nur Spar- und Termineinlagen. Es wird auch eine Renaissance der
Staatsanleihen geben. Alternative Anlagen werden wichtiger. Wir haben
dazu in dem Buch zehn Regeln der Geldanlage beschrieben.
© 10. Oktober 2008 / Martin Hüfner
Dr. Martin Hüfner war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior
Economist bei der HypoVereinsbank in München und der Deutschen Bank in
Frankfurt. In Brüssel leitete er den renommierten Wirtschafts- und
Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung.
Hüfner schreibt für große internationale Zeitungen wie die New York Times,
das Wallstreet Journal oder die Financial Times.
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October 10, 2008 03:59 ET (07:59 GMT)
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