DJ FOKUS: Eick braucht bei Arcandor einen langen Atem
Von Natali Schwab
DOW JONES NEWSWIRES
FRANKFURT (Dow Jones)--Es ist keine einfache Aufgabe, die der Noch-Finanzvorstand der Deutschen Telekom, Karl-Gerhard Eick, im kommenden Jahr beim kriselnden Handels- und Touristikkonzern Arcandor übernimmt. Er wird mitnichten ein bestelltes Haus vorfinden, wie er es bei dem Bonner Telekommunikationskonzern hinterlassen wird. Zwar gilt der Manager als ausgewiesener "Zahlenexperte", der großes Vertrauen im Finanzsektor genießt, doch muss er beweisen, dass er in der Lage ist, Arcandor auch operativ wieder auf Kurs zu bringen - und das in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.
Der Konzern steht derzeit fast wieder da, wo der Noch-Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff den Konzern vor knapp vier Jahren übernommen hat: kurz vor dem Abgrund. Neben Problemen im operativen Geschäft verschärft die schlechte Wirtschaftslage die Situation zusätzlich.
Als ein Ziel sehen Marktbeobachter es, das Vertrauen der Finanzmärkte in Arcandor wieder herzustellen. Hier ist in der Vergangenheit viel Porzellan zerschlagen worden. Analysten beklagen seit langem die fehlende Transparenz der Geschäftszahlen und die ihrer Ansicht nach unzureichende Kommunikation.
Jüngstes Beispiel war die Hängepartie um eine dringend benötigte Refinanzierung von Arcandor im September und Ungereimtheiten um einen möglichen Verkauf der Touristiktochter Thomas Cook, um diese abzusichern. All dies führte zu einem Absturz der Arcandor-Aktie auf unter 2 EUR und rief nicht nur die BaFin auf den Plan sondern ließ auch Rücktrittsforderungen gegen Middelhoff laut werden.
Bei Bekanntwerden des Wechsels an der Konzernspitze denn auch gleich auf das Renommee Eicks im Finanzsektor. Seine bei der Telekom gesammelten Erfahrungen dürften ihm bei Arcandor nun zu Gute kommen. Die Entscheidung sei sinnvoll und hilfreich, so der Marktbeobachter.
Der Arcandor-Aufsichtsratsvorsitzende Friedrich-Carl Janssen nannte Eick einen erfahrenen "Unternehmensführer und anerkannten Kapitalmarktexperten". Der Manager soll nach Auffassung des Hauptaktionärs eine kontinuierliche und zukunftsgerichtete Unternehmensentwicklung unter Beibehaltung der bestehenden Beteiligungsstruktur gewährleisten. Betont wurde auch die Erfahrung Eicks im Konsumgüterbereich. Dabei fehlt dem Manager nach Aussage eines Analysten jedoch die spezielle Handelsexpertise.
Der promovierte Betriebswirt, Jahrgang 1954, bringt gerade im Bereich Finanzen einen großen Erfahrungsschatz mit. Vor seiner Zeit bei der Telekom war er bei BMW, WMF, Carl Zeiss und später bei der Haniel-Tochter Gehe (heute Celesio) und schließlich bei Haniel in diesem Bereich tätig.
Seit 2000 ist er im Konzernvorstand der Telekom für die Finanzen verantwortlich und hat dabei unter vier Vorstandsvorsitzenden gearbeit: Ron Sommer, Helmut Sihler, Kai-Uwe Ricke und Rene Obermann. Er übernahme als Not am Mann war zwischenzeitlich die Funktion des Personalvorstandes als Heinz Klinkhammer ging, auch sprang er vorrübergehend als "Feuerwehr" bei T-Systems ein, als deren Chef Lothar Pauly zurücktrat.
Ein guter Kontakt mit den Finanzmärkten wird jedoch für den neuen Arcandor-Chef nicht reichen. Operativ liegt weiter einiges im Argen. So erklärte ein Analyst, die operativen Probleme seien durch einen Wechsel an der Führungsspitze allein nicht gelöst.
Ein weiterer Marktbeobachter meinte mit Blick auf die schlechte Konsumstimmung, der neue Vorstandsvorsitzende komme an den aktuellen Marktgegebenheiten nicht vorbei. Die Möglichkeiten Eicks nicht nur finanzieller als auch strategischer Natur seien daher begrenzt. Er verwies darauf, dass auch Middelhoff in der Vergangenheit bereits viel versucht habe, um den Konzern aus der Krise zu führen.
Viel Spielraum für eine kurzfristige Sanierung hat Eick daher nicht: So hat Middelhoff die Immobilien und damit das "Tafelsilber" bereits verkauft, um die Verbindlichkeiten zu senken. Er stieß unprofitable Warenhäuser sowie die Versandhandelstochter Neckermann ab und baute mit Thomas Cook die Touristik als drittes Geschäftsfeld neben dem Warenhausgeschäft (Karstadt) und dem Versandhandel (Primondo) aus. Für Karstadt suchte Middelhoff einen Partner, scheiterte damit jedoch. Die angepeilte "große europäische Lösung" blieb aus.
Zusätzlich erschwert wird jeder Turnaround bei Arcandor von der lahmenden Konjunktur. Hinzu kommt die generelle Strukturkrise der großen Warenhäuser, von der Karstadt und die zur Metro gehörende Kette Galeria Kaufhof gleichermaßen betroffen sind. So wirkt das "Alles-unter-einem-Dach-Konzept" überholt, die Spezialisierung im Handel schreitet voran.
Das Warenhausgeschäft läuft bereits seit Jahren schlecht. Das verlustreiche Geschäft bleibt das Sorgenkind von Arcandor und damit erstes Aufgabengebiet für den neuen Chef: Zwar hat Middelhoff die Strategie "Trading-up" eingeläutet, die auf eine Verbesserung von Ausstattung und Service der Kaufhäuser sowie einen Ausbau des Sortiments mit höherpreisigen Waren abzielt. Parallel sollen die Kosten bei Karstadt deutlich sinken - Stellenabbau eingeschlossen. Zu einem substanziellen Erfolg hat diese Umstrukturierung noch nicht geführt.
Verlässliche Gewinne fährt derzeit nur die Touristiktochter Thomas Cook ein. Die sich abschwächende Konjunktur wird aber auch für die "Cash-Cow" des Konzerns zu einer zunehmenden Herausforderung.
Eick wird daher einen langen Atem bei Arcandor benötigen. Dies scheint auch im Sinne der Großaktionäre Sal. Oppenheim und Madeleine Schickedanz zu sein, die eine langfristige Lösung anstreben. Die zeichnete sich unter Middelhoff nicht ab. So wäre sein Vertrag ursprünglich Ende dieses Jahres ausgelaufen und wurde um ein weiteres Jahr verlängert, weil Middelhoff die Restrukturierung weiter begleiten wollte. Absehbar war aber schon zu dem Zeitpunkt, dass Middelhoff im Anschluss den Konzern verlassen wollte.
Der Markt scheint zumindest bereit, Eick einen Vertrauensvorschuss zu gewähren: Bereits als erste Spekulationen zu Eick die Runde machten, verzeichnete die Aktie einen Kurssprung über die Marke von 2 EUR. Am Donnerstag stieg der Kurs weiter: Am Mittag liegt das Papier um 6,3% auf 2,36 EUR zu. Damit ist die Aktie von ihrem Jahreshoch von 16,57 EUR Anfang Januar jedoch noch weit entfernt. Middelhoff hatte früher einmal als Ziel "40 EUR + x" ausgegeben.
Webseite: http://www.arcandor.com/ -Von Natali Schwab, Dow Jones Newswires; +49 (0)69 - 29725 119, natali.schwab@dowjones.com DJG/nas
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December 04, 2008 08:03 ET (13:03 GMT)
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