DJ UPDATE: BoE senkt Leitzins auf historisches Tief
(NEU: Stimmen von Bankvolkswirten, Hintergrund, Marktreaktionen) Von Hans Bentzien DOW JONES NEWSWIRES
FRANKFURT (Dow Jones)--Die Bank of England (BoE) hat ihren Leitzins am Donnerstag auf das niedrigste Niveau seit ihrer Gründung im Jahr 1694 gesenkt und damit der außerordentlichen Eintrübung der Konjunkturaussichten ein weiteres Mal Tribut gezollt. Wie der zinspolitische Ausschuss (MPC) der BoE am Mittag mitteilte, sinkt der Reposatz um 50 Basispunkte auf 1,50%. Nie zuvor in der Geschichte der BoE hat es einen Leitzins von unter 2% gegeben.
Volkswirte hatten im Mittel eine Zinssenkung um 75 Basispunkte prognostiziert. Allerdings war die Spanne der Prognosen ungewöhnlich breit gewesen. Viele Beobachter hatten eine Leitzinssenkung um nur 50 Basispunkte vorausgesagt, andere hatte wegen zuletzt sehr schwacher Konjunkturdaten sogar 100 Basispunkte erwartet. Seit Beginn der Finanzkrise 2007 hat die britische Notenbank ihren Leitzins um 425 Basispunkte reduziert. Im vorangegangenen Zinszyklus hatte er in der Spitze 5,75% betragen.
Die BoE begründete die weitere geldpolitische Lockerung damit, dass sich das Tempo des konjunkturellen Abschwungs im vierten Quartal erhöht habe und die gesamtwirtschaftliche Ausbringung in der ersten Hälfte des laufenden Jahres stark sinken dürfte. Der private Konsum sei weiter gefallen, während sich zugleich der Ausblick für die Investitionen eingetrübt habe.
Das Pfund Sterling zog nach dem BoE-Zinsbeschluss an; der Euro fiel dabei unter das Niveau von 0,9000 GBP. Vor der Jahreswende hatte sich noch eine Parität zwischen Pfund und Euro abgezeichnet. Dennoch notiert das Pfund Sterling gegenwärtig gegenüber vielen Währungen deutlich niedriger als vor einem Jahr.
Die BoE machte deutlich, dass sie trotz einer noch recht hohen Teuerung derzeit kaum Inflationsrisiken sieht. Sie verwies darauf, dass die Verbraucherpreisinflation im November auf eine Jahresrate von 4,1% zurückgegangen sei und weiter fallen dürfte. Zudem seien die Inflationserwartungen gesunken und die Lohnzuwächse blieben moderat. Allerdings lasse der gesunkene Pfund-Wechselkurs höhere Importpreise erwarten.
Der immer expansivere geld- und fiskalpolitische Kurs dürfte zusammen mit dem schwächeren Pfund Sterling und einer nachlassenden Inflation einen "beträchtlichen" Anschub für die Wirtschaftsaktivität zur Folge haben, erklärte die BoE weiter. Aus Sicht von James Knightley von der ING Bank könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass die BoE keine größeren Zinssenkungen mehr plant. Allerdings sieht Knightley das Leitzinstief weiterhin erst - im März - bei 0,50% erreicht.
Auch Commerzbank-Volkswirt Peter Dixon will einen Reposatz unter 1,00% nicht ausschließen. Hierfür bedürfe es jedoch zusätzlicher Schwächezeichen aus Real- und Finanzwirtschaft, die derzeit nicht auszumachen seien, sagte er. Dixon verwies darauf, dass die BoE erklärt habe, die Kreditverfügbarkeit für Haushalte und Unternehmen müsse erhöht werden. Hierfür müsse die Liquiditätsversorgung der Banken verbessert werden, was zum Beispiel durch den Aufkauf von Wertpapieren geschehen könne. "Das Ausmaß einer Konjunkturerholung 2010 wird entscheidend von der Fähigkeit des Finanzsystems abhängen, Kredit zur Verfügung zu stellen", sagte er.
Nach Einschätzung von Citigroup-Volkswirt Michael Saunders hat sich die BoE mit dem aktuellen Statement alle Optionen für Februar offen gelassen. Die BoE habe das Risiko einer Unterschreitung des Inflationsziels von 2% nur noch als "signifikant", nicht mehr wie zuvor als "substanziell" eingestuft, was die Botschaft etwas weniger klar erscheinen lasse als beim vorherigen Zinsbeschluss, sagte er. Allerdings werde sich die BoE bei der Ausarbeitung des nächsten Inflationsberichts wohl noch ein genaueres Bild von den Konjunkturperspektiven machen.
-Von Hans Bentzien, Dow Jones Newswires, +49 (0)69 297 25 313, Hans.Bentzien@dowjones.com DJG/hab/ptt Besuchen Sie unsere neue Webseite http://www.dowjones.de
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