Der Yen könnte dem US-Dollar gegenüber in den nächsten Monaten wieder an Boden verlieren. Dies sagte Robert Rethfeld, Herausgeber des Börsenbriefs "Wellenreiter-Invest", am Samstag anlässlich der Frühjahreskonferenz der Vereinigung Technischer Analysten Deutschlands (VTAD) in Frankfurt. Zwar befinde sich der Wechselkurs zwischen der japanischen Währung und dem Greenback seit 1970 in einem Abwärtstrend. Charttechnische Signale jedoch deuteten nun auf eine Trendumkehr hin, meinte der Experte.
Demgemäß vermutete Rethfeld im Chart des Yen-Dollar-Wechselkurses von 1988 bis zu diesem Jahr eine sogenannte Doppeltief- oder W-Formation. Dementsprechend hätten sich zunächst zwei aufeinander nachfolgende Tiefpunkte auf etwa gleichem Niveau gebildet, zwischen denen sich ein Hoch befinde. Aktuell würde der Wechselkurs am zweiten Tiefpunkt notieren. Sollte er nun wieder nach oben drehen, würde der Chart das W komplett machen und entsprechend auf eine zukünftige Schwäche des Yen hindeuten.
JAPAN DROHEN SCHWIERIGE REFINANZIERUNGSPROBLEME
"Falls die japanische Währung unter Druck geraten sollte, könnten erneut klassische Zinsspekulationsgeschäfte ('Carry Trades') attraktiv werden, die das hoch verschuldete Land Japan vor schwierige Refinanzierungsprobleme stellen würden", meinte Rethfeld. Bei diesen Transaktionen würden sich nun Anleger in der Währung Yen zu sehr niedrigen Zinsen Geld leihen und dieses in den USA anlegen, wo sie mit steigenden Zinsen rechnen.
Derartige Carry Trades wurden bereits zwischen Mitte der Neunziger Jahre und 2008 getätigt, als die japanischen Leitzinsen bei nahezu null notierten und die amerikanischen Zinsen zugleich noch recht hoch waren. In dieser Zeit türmten die Japaner einen hohen Schuldenberg auf, da die Finanzierung der Verbindlichkeiten kein Problem darstellte, warf Rethfeld einen Blick zurück. Im Zuge der Lehman-Pleite dann kippte das Verhältnis zu Ungunsten der klassischen Carry Trades: Die US-Zentralbank öffnete ihre Schleusen und flutete die Märkte mit Dollar, wodurch die US-Zinsen fielen, der Greenback ab- und der Yen aufwertete.
JAPANER KÖNNTEN IHRE US-ANLEIHEN ZUM SCHULDENDIENST VERWENDEN
"Aus charttechnischer Sicht nun deutet sich eine Rückkehr zu den alten Verhältnissen an, wonach sich die Anleger wieder in der schwächelnden japanischen Währung verschulden könnten", fuhr der Experte fort. Eine hohe Nachfrage nach Yen-Krediten aber verteuert in diesem Szenario die japanische Währung und führt zu steigenden Zinsen, die ein Abtragen des bis dato aufgetürmten Schuldenberges deutlich erschweren. Dennoch rechnet Rethfeld nicht mit einem japanischen Staatsbankrott: "Notfalls werden der Internationale Währungsfonds oder die USA Japan zur Seite springen."
Denkbar sei gleichwohl, dass die Japaner zur Abtragung der hohen Schulden ihre US-Anleihen verkaufen. In diesem Fall würde der Kurs dieser festverzinslichen Wertpapiere sinken und folglich ? zur Freude der klassischen Carry Trader ? auch in den USA der Zins steigen./la/wiz
--- Gespräch: Lutz Alexander, dpa-AFX --- AXC0052 2010-03-22/11:09
