Amerikanische Aktien sollten aus charttechnischer Sicht getragen von der anhaltenden wirtschaftlichen Erholung weiter zulegen. Darauf deuteten einzelne Branchenindizes der weltgrößten Volkswirtschaft hin. "Derzeit liefern bestimmte Spartenindikatoren vor allem im Vergleich zu den segmentübergreifenden Aktienindizes positive charttechnische Signale", sagte Thomas Nagel, Inhaber des Video-Webcasts "Börsensonar.de" und technischer Analyst bei der Investmentbank Equinet, anlässlich der Frühjahreskonferenz der Vereinigung Technischer Analysten Deutschlands (VTAD) in Frankfurt.
Nagel verwies unter anderem auf den zuletzt besonders starken Verlauf des Dow Jones Transportation Index. Dieses US-Branchenbarometer wird als wichtiger Signalgeber für den künftigen Fortgang des Gesamtmarktes gesehen. "Nach einer jahrzehntelang relativ schlechten Entwicklung des Transport Index - einer Underperformance, wie es im Fachjargon heißt - zeichnet sich nun im Vergleich zum S&P 500 auf lange Sicht eine deutliche Trendwende ab", sagte Nagel. Deshalb sollten die Aktien von US-Logistikunternehmen an ihren positiven Aufwärtstrend der letzten Wochen anknüpfen und damit eine weitere klare Erholung des Gesamtmarktes vorweg nehmen können.
RELATIVBETRACHTUNGEN WERDEN IMMER BEDEUTENDER
Ein weiterer Indikator, der sich in der Vergangenheit bewährt habe, ist Nagel zufolge die Entwicklung der Aktien von US-Fluggesellschaften. Der US Airline Index zählte ebenfalls oft zu den ersten Gewinnern einer sich abzeichnenden Entspannung an den Aktienmärkten. Der entsprechende Index könnte nun seinen zehnjährigen Abwärtstrend beenden und zumindest einen Boden in seiner Kursentwicklung ausbilden. Auf kurze Sicht hätten sich die Titel der Fluggesellschaften bereits besser entwickelt als der Gesamtmarkt. Und relativ zum S&P 500 habe der US Airline Index den zuvor abwärts zeigenden Trend bereits nach oben durchbrochen, was vor allem langfristig für weiter steigende Kurse am US-Aktienmarkt spreche.
Derartige Relativcharts aber würden aktuell von den Anlegern kaum ins Kalkül einbezogen, meinte der Experte auf der VTAD-Veranstaltung: "Viele Investoren achten bei Ihren Investitionen nur auf den realen Aktienkursverlauf. In den letzten Jahren aber hat sich immer mehr das Beobachten der Relativbewegung durchgesetzt." So habe sich etwa der Dax in den letzten 50 Jahren trotz seiner aufwärtsgerichteten Tendenz deutlich schlechter entwickelt als der S&P 500. Seit zwei Jahren jedoch kämpfe der deutsche Leitindex damit, diesen Underperformance-Trend zu brechen. Gelinge dies, so sollten dem Dax deutlich bessere Jahre bevorstehen, als dem US Leitindex.
DOLLAR-INVESTOREN PRÄGEN DEN EUROPÄISCHEN AKTIENMARKT
Gleichzeitig drängt sich laut Nagel eine weitere neue Art der Chartbetrachtung auf: die Untersuchung eines Index oder einer Aktie aus Sicht eines Investors, der in US-Dollar anlegt. Denn das Geschehen am deutschen Aktienmarkt werde aktuell klar von den Investoren aus dem Dollarraum bestimmt. "Besonders auf dem europäischen Markt haben sich die Machtverhältnisse in den letzten Jahren gravierend verändert", meinte der Experte im Gespräch auf dem VTAD-Forum. "Daher bleibt einem europäischen Investor nur die Möglichkeit, bei seinen Handelsentscheidungen auch stets einen Blick durch die Brille eines Dollar-Investors zu werfen."
Deutlich ablesbar sei dieser Zusammenhang vor allem im Kursverlauf des Dax zwischen den Jahren 2000 und 2008. Während der Leitindex vor zwei Jahren das Rekordhoch von 2000 nur hauchdünn übertroffen hatte, habe ein in Dollar anlegender Investor deutlich klarer die Nase vorn gehabt. Auf Dollar-Basis war der Leitindex von 2000 bis 2008 um über 50 Prozent geklettert.
"Europäische Investoren waren froh gewesen, im Index die alten Hochs zurückerobert zu haben", resümierte Nagel. "In Dollar anlegende Investoren aber konnten etwa 50 Prozent Kursgewinne einstreichen." Und diese Anleger machten bei Gelegenheit auch weiterhin Kasse: "Besonders in den letzten Woche konnte man klar beobachten, dass jedes Verkaufssignal eines Dollar-Charts zu massiven Verlusten innerhalb kürzester Zeit führte." Dieser Einfluss von US-Investoren auf den europäischen Aktienmarkt aber werde derzeit ebenso wie die Betrachtung der relativen Wertentwicklung einzelner Indizes kaum thematisiert./la/zb/fat
--- Gespräch: Lutz Alexander, dpa-AFX --- AXC0108 2010-03-22/14:50
