Die zuletzt stark unter Beschuss stehenden Anlageklasse des offenen Immobilienfonds steht am Scheideweg. Nachdem einige Fonds im Zuge der Finanz- und Immobilienkrise geschlossen werden mussten, zieht die Politik nun Konsequenzen - und entscheidet damit über die Zukunft einer ganzen Branche. Mitte Juli wird das Bundeskabinett wohl einen Gesetzentwurf beschließen, der die jüngst offenbar gewordenen Webfehler der aktuellen Fondsregeln beseitigen soll. Mit den geplanten Reformen "sind wir auf dem richtigen Weg, um Vertrauen wieder herzustellen", sagte Günter T. Schlösser, Vorstandsvorsitzender des Verbandes unabhängiger Vermögensverwalter (VuV) Deutschland. Andernfalls aber "wäre diese Anlageform tot". Derzeit sind 10 von 45 offenen Immobilienfonds und damit Branchenschätzungen zufolge gut 25 Milliarden von mehr als 90 Milliarden Euro an Anlagegeldern erst einmal auf Eis gelegt. Grund der Schließungswelle bei den offenen Immobilienfonds sind Liquiditätsprobleme. Denn vor allem institutionelle Investoren hatten diese Anlagen jüngst als Gelegenheit genutzt, Geld kurzfristig zu parken und auch wieder ebenso schnell abzuziehen. Da diese Fonds jedoch vor allem in recht illiquide Gewerbeimmobilien investieren, waren Probleme bei der Auszahlung der Anleger programmiert. Nun plant die Bundesregierung Berichten zufolge, für Neuanleger eine Mindesthaltedauer für offene Immobilienfonds einzuführen. Im Gespräch ist eine Zeitdauer von 6 bis 24 Monaten. Ebenfalls für Neuanleger ist eine Kündigungsfrist von bis zu zwei Jahren vorgesehen. Damit sollen vor allem die institutionellen Investoren in die Schranken gewiesen, das Abziehen größerer Summen aus den Fonds verhindert und letztlich die Zuversicht unter den Anlegern gesteigert werden. "Das Vertrauen wird auch hergestellt, wenn der Zeitraum für die Bewertung der Immobilien durch unabhängige Dritte auf sechs statt bisher zwölf Monate verkürzt wird", sagte VuV-Vorsitzender Schlösser. Für den Anleger habe das den entscheidenden Vorteil, dass es zu einer realistischeren Anteilspreisfindung komme und er sich auf diese Zahlen verlassen könne. Aber ob diese Pläne und Wünsche tatsächlich Realität werden, lässt sich derzeit noch nicht absehen. Selbst wenn das Kabinett den Gesetzesentwurf durchwinken sollte, muss er noch im Parlament debattiert und dann verabschiedet werden. Damit dürften die neuen Spielregeln für die Branche der offenen Immobilienfonds erst im Herbst in Kraft treten. Bereits der ursprünglich geplante Gesetzentwurf war auf heftige Kritik der Experten gestoßen. Deshalb ist jetzt ein anfänglich vorgesehener, pauschaler Abschlag von 10 Prozent auf den Verkehrswert der Immobilien vom Tisch, mit dem die Anleger quasi vorsorglich vor Abwertungsverlusten geschützt werden sollten. Offenbar können die offenen Immobilienfonds auch ihren Charakter als Altersvorsorgeprodukt bewahren. So sind für Privatanleger jetzt Ausnahmen bei den Kündigungsfristen geplant: Rentner etwa können wohl Fondsanteile in Höhe bis zu 5.000 Euro pro Monat ohne Sperrfrist zurückgeben. Optimistisch zeigte sich auch VuV-Vorsitzender Schlösser. "Die offenen Immobilienfonds werden weiterhin zum Vermögensaufbau genutzt und zur Diversifikation innerhalb der Portfolio-Struktur beitragen." Sie hätten ihre Vorteile einer konstanten, kaum von der Entwicklung anderer Märkte abhängigen Rendite nicht verloren. Auch laut einer aktuellen Studie des Bundesverbandes Investment und Asset Management bilden offene Immobilienfonds mit ihrer breiten Risikostreuung eine stabilisierende Basis in Anlegerdepots. Die ausgewogene Portfolio-Struktur dieser Anlageklasse ergebe sich durch die geographische Verteilung der Immobilien auf verschiedene nationale und internationale Standorte sowie durch unterschiedliche Mietvertragslaufzeiten, Nutzungsarten und Objektgrößen. Doch eine aktuelle Studie der Ratingagentur Scope zeigt, dass die Auswirkungen der Krisen an den internationalen Immobilienmärkten bereits "erkennbare Spuren in den offenen Immobilienfonds hinterlassen" habe. Markt- und immobilienspezifische Risikofaktoren hätten sich gegenüber dem Vorjahr deutlich stärker ausgeprägt. Sowohl die Wertentwicklung der Produkte als auch die Immobilienrenditen hätten im abgelaufenen Jahr unter Druck gestanden. Gut aufgestellte Fonds mit geringeren Marktrisiken und stabilen Ertragsstrukturen jedoch hätten sich gegen die Marktschwäche vergleichsweise gut behauptet./la/zb/tw
--- Von Lutz Alexander, dpa-AFX ---
AXC0016 2010-07-02/08:05
