DJ INTERVIEW/Franz (SVR): Bei gutem Verlauf mehr als 3% Wachstum 2010
(NEU: weitere Aussagen, Hintergrund)
Von Andreas Kißler DOW JONES NEWSWIRES
BERLIN (Dow Jones)--Das deutsche Wirtschaftswachstum kann in diesem Jahr nach Überzeugung des Vorsitzenden der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz, bei einem guten Konjunkturverlauf über 3% betragen. Das sagte Franz, der auch Präsident des Wirtschaftsforschungsinstitutes ZEW ist, am Dienstag in einem Interview mit Dow Jones Newswires unter Verweis auf das im zweiten Quartal verbuchte Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 2,2% zum Vorquartal.
"Selbst wenn jetzt die Wachstumsrate des realen BIP im dritten und vierten Quartal stagnieren sollte, bekämen wir auf das Jahr als Rohzahl immer noch 3% Wachstum", erklärte der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR). Dies sei aber "schon ein vergleichsweise skeptisches Szenario", räumte er ein. "Gehen wir einmal im Moment von 3% aus, wenn es sehr gut laufen sollte, dann liegen wir sogar vielleicht noch etwas darüber", sagte Franz.
Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle hat nach Bekanntgabe der jüngsten Quartalszahlen bereits erklärt, im Gesamtjahr werde ein BIP-Wachstum von "weit über 2%" möglich sein. Die Bundesregierung erwartet aber offiziell weiter lediglich 1,4% Wachstum und will erst am 21. Oktober eine neue Wachstumsschätzung veröffentlichen.
Zwar verwies Franz vor dem Hintergrund eines am Dienstag berichteten Rückgangs der ZEW-Konjunkturerwartungen für August auf eine bevorstehende Verringerung der Wirtschaftsdynamik. "Selbst wenn wir jetzt in den nächsten Quartalen eine Abschwächung der Dynamik bekommen, läuft es wesentlich besser als noch vor wenigen Monaten befürchtet," betonte er aber auch.
Die von dem Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) befragten Finanzmarktexperten seien in ihren Erwartungen "schon seit zwei Monaten etwas skeptisch, und das stimmt mit der allgemeinen Einschätzung überein, dass sich die wirtschaftliche Dynamik im dritten und vierten Quartal dieses Jahres und vielleicht 2011 etwas abschwächt". Ein Grund hierfür sei eine schwächere Verfassung der US-Konjunktur.
Franz ging aber von höheren Unternehmensinvestitionen, einem stärkeren privaten Konsum und einer guten Position der deutschen Exportwirtschaft aus. Laut Statistischem Bundesamt hätten sich "alle Nachfragekomponenten positiv entwickelt", betonte er. "Vermutlich ist es so, dass sich die Investitionstätigkeit der Unternehmen wieder etwas belebt, weil jetzt auch Investitionen, die in der Krise zurückgestellt worden sind, wieder durchgeführt werden", konstatierte der SVR-Vorsitzende.
"Die Konsumenten sehen, dass der befürchtete Einbruch auf dem Arbeitsmarkt Gott sei Dank ausbleibt und haben aus diesem Grund wenig Anlass, ihre Konsumausgaben zu drosseln", sagte er zudem. Die exportorientierte Industrie in Deutschland sei schon vor der Krise "besonders gut aufgestellt" gewesen und habe Kostensenkungsprogramme durchgeführt und innovative Produkte entwickelt. "Diese gestiegene internationale Wettbewerbsfähigkeit zahlt sich jetzt natürlich aus."
Mit dieser "erfreulichen Entwicklung" wird laut Franz auch der Konsolidierungskurs erleichtert und ein Nachdenken über Steuersenkungen im Fall eines selbst tragenden Aufschwungs möglich. "Priorität hat nach wie vor die Konsolidierungsaufgabe, sie sollte erst gelöst werden", betonte er. "Wenn man da vorwärts gekommen ist, dann kann man über steuerliche Erleichterungen nachdenken", hob der SVR-Vorsitzende aber hervor. "Geeignete Steuersenkungen" wären dann "bestimmte Verbesserungen in der Unternehmensbesteuerung" sowie "eine Abflachung der ersten Progressionsstufe" der Einkommensteuer.
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August 17, 2010 09:57 ET (13:57 GMT)
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