--ThyssenKrupp schreibt 2,9 Mrd EUR auf Amerika-Stahlgeschäft und Edelstahl ab
--Konzernverlust 2010/11 beläuft sich auf knapp 1,8 Mrd EUR
--Staatsschuldenkrise macht Ausblick für 2011/12 unsicher
(NEU: Zusammenfassung mit Aussagen aus Pressekonferenz)
Von Martin Rapp DOW JONES NEWSWIRES
DÜSSELDORF (Dow Jones)--Die anhaltenden Kostenprobleme in Übersee und der beabsichtigte Verkauf der Edelstahlsparte haben ThyssenKrupp im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Milliardenverlust eingebracht. Dazu kommt die zunehmende Unsicherheit der Kunden, die zuletzt deutlich weniger bestellten. Weil die Auswirkungen der Staatsschuldenkrise der Eurozone nicht klar sind, wissen die Essener am Freitag auch nicht, wie es weitergeht.
"Wir sehen uns derzeit außerstande, eine verlässliche Prognose abzugeben, die weiter als ein Quartal in die Zukunft reicht", sagte der seit gut zehn Monaten amtierende Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger auf seiner ersten Bilanzpressekonferenz. Zu widersprüchlich seien die Marktsignale und zu unsicher der politische Umgang mit den Turbulenzen auf den Finanzmärkten, erklärte er.
Dem Management sind die Auswirkungen der Staatsschuldenkrise auf die reale Nachfrage nicht geheuer. Zuletzt mehrten sich die Anzeichen für eine Abschwächung. Bis auf den Großanlagenbau und die Edelstahlsparte verzeichneten alle Bereiche weniger Aufträge. Der für das Ergebnis immer noch wichtigste europäische Stahlbereich etwa musste von Juli bis September mit Mengeneinbußen von über 10% zurechtkommen. "Es ist ein ausgeprägter Lagerzyklus", beschrieb Vorstand Edwin Eichler, dessen Vertrag um fünf Jahre verlängert wurde, die Lage. "Die Verunsicherung in einigen Abnehmerindustrien nahm zuletzt zu", sagte Finanzvorstand Guido Kerkhoff.
Sie überträgt sich auf den Konzern, der nur für das laufende erste Geschäftsquartal, von dem kein ganzer Monat mehr übrig ist, eine Prognose abgibt. Hier werde ein deutlich niedrigeres Ergebnis als ein Jahr zuvor erwartet, hieß es. "Mit den Zahlen zum ersten Quartal werden wir dann hoffentlich einen langfristigeren Ausblick geben können", sagte Hiesinger.
Für den Fall einer Stagnation der Kernmärkte Europa und Nordamerika geht das in Duisburg und Essen ansässige Unternehmen von einem Umsatz auf dem 2010/11 erzielten Niveau von gut 49 Mrd EUR aus. Der Konzern will aber auch noch schwierigere Umstände nicht ausschließen. "Im Fall einer leicht rückläufigen Entwicklung in unseren Kernmärkten erwarten wir, dass Umsatz und Ergebnis nachgeben", heißt es im Geschäftsbericht. Das für diesen Fall zu erwartende Nachsteuerergebnis beschreibt ThyssenKrupp so: "Es sollte dabei positiv bleiben". Auch das ist offenbar nicht gesichert, nachdem zuletzt Abschreibungen von knapp 3 Mrd EUR auf das Amerika-Stahlgeschäft und die Edelstahlsparte einen Jahresverlust von knapp 1,8 Mrd eingebracht und die operativen Verbesserungen der vergangenen zwölf Monate aufgezehrt hatten.
ThyssenKrupp hatte in Brasilien ein Brammenwerk und im US-Bundesstaat Alabama ein Weiterverarbeitungswerk errichtet. Die Investitionen waren mit fast 10 Mrd EUR höher als erwartet. Die Anlagen befinden sich derzeit im Hochlauf, der aber langsamer vonstatten geht als erhofft. Eigentlich wollte der Konzern schon im laufenden Geschäftsjahr keine Verluste in dem Bereich mehr schreiben. Nun wird mit einer deutlichen Verbesserung der Ergebnislage erst im zweiten Halbjahr und im Gesamtjahr mit einem deutlichen Verlust gerechnet.
Vor allem die erwartete schwächere Entwicklung der Absatzmärkte in den USA und Europa habe zu einer Wertberichtigung von rund 2,1 Mrd EUR geführt, erklärte Hiesinger. Aber auch der derzeit noch höhere Kostenanteil des stärkeren brasilianischen Real und die immer noch nicht reibungslos funktionierenden Werkteile bereiten dem Management Kopfschmerzen. Der dafür zuständige Hans Fischer wird das Unternehmen nun verlassen. Seine Aufgaben übernimmt Stahlvorstand Eichler.
Auch die Edelstahlsparte wurde um 800 Mio EUR abgeschrieben. ThyssenKrupp begründete dies mit der niedrigen Bewertung des Bereichs durch Investoren, weil die Finanzkrise hohe Risikoabschläge verlange und das Marktsegment weiter von Überkapazitäten gekennzeichnet sei. So wurde aus dem schmalen operativen Gewinn von 15 Mio EUR ein deutlicher Verlust.
Der Konzern richtet sich indes darauf ein, das Problemkind, das unter schwankenden Nickelpreisen und Überkapazitäten leidet, noch länger zu ertragen. "Ich möchte bekräftigen, dass wir die Trennung innerhalb von 12 bis 18 Monaten nach der Ankündigung vom Mai vornehmen werden, grob gesprochen also bis Jahresende 2012", sagte der Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger am Freitag vor Pressevertretern. Damals hatte er aber auch das Ziel formuliert, bis Ende des Geschäftsjahres 2011/12 im September die geplanten Verkäufe abschließen zu wollen.
-Von Martin Rapp, Dow Jones Newswires; +49 211 13 87 214; martin.rapp@dowjones.com DJG/mmr/sha
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December 02, 2011 10:46 ET (15:46 GMT)
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