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Der Diesel könnte in den USA salonfähig werden

Von Nico Schmidt und Christoph Rauwald 
WALL STREET JOURNAL DEUTSCHLAND 

FRANKFURT (Dow Jones)--Die Liste der Vorurteile gegen den Dieselmotor ist lang: Zu laut, stinkend und unzuverlässig - so begründeten die meisten amerikanischen Autofahrer lange ihre Abneigung gegen die hierzulande populären Selbstzünder. Das Blatt scheint sich mittlerweile zu wenden, der Diesel könnte auch in den USA salonfähig werden: Deutsche Autobauer, die beim Diesel als Marktführer gelten, sehen jedenfalls einen deutlichen Aufwärtstrend.

"Wir verkaufen mehr und mehr Diesel in den USA", erklärte Volkswagen-US-Chef Jonathing Browing und sprach damit quasi stellvertretend für die ganze Branche. "Vor allem der Jetta ist als Diesel sehr gefragt - beim Jetta Sportwagon sind es im Schnitt mehr als 75 Prozent." Der Jetta und seine Kombiversion sind jenseits des Atlantiks die gefragtesten VW-Modelle. Auch beim neuen Passat liege "die Diesel-Nachfrage deutlich über den Erwartungen", so Browing.

Europas größter Autohersteller setzte 2011 fast 70.000 Dieselfahrzeuge in den USA ab - ein Drittel mehr als im Jahr davor. Jedes fünfte Auto, das der VW-Konzern dort verkauft, ist damit ein Diesel. Nach den Daten des deutschen Verbandes der Automobilindustrie (VDA) hat der US-Absatz bei Diesel-Pkw insgesamt im vergangenen Jahr um 40 Prozent zugelegt, wobei die deutschen Hersteller diesen Teilmarkt faktisch komplett beherrschen.

VW, Daimler und BMW haben in den zurückliegenden Jahrzehnten etliches versucht, um den Diesel in den Vereinigten Staaten populär zu machen - lange Zeit vergeblich. Bei verbrauchsgünstigen Autos setzten die Amerikaner zunächst fast ausschließlich auf Hybridautos, die neben einem herkömmlichen Verbrennungsmotor einen Elektromotor an Bord haben.

Diesel mit Seltenheitswert

Aktuell ist auf Amerikas Highways nur ein niedriger einstelliger Prozentsatz aller Autos mit einem Diesel unterwegs - nach Berechnungen der Deutschen Bank war es 2011 gerade einmal gut jedes hundertste Fahrzeug - Tendenz jedoch steigend. Zum Vergleich: In Westeuropa sind es mehr als die Hälfte.

Nun könnten die Bemühungen der deutschen Konzerne aber Früchte tragen: Fast jeder dritte Autokäufer in den USA könnte sich nach einer jüngsten Umfrage vorstellen, ein dieselbetriebenes Fahrzeug zu kaufen. Denn mittlerweile greift auch hier die Erkenntnis um sich, dass sich Diesel-Fahrzeuge trotz des vergleichsweise hohen Anschaffungspreises für Viel- und Langstreckenfahrer lohnen.

"Das Image von Dieseln wird in den USA immer besser", berichtete kürzlich auch BMW-Chef Norbert Reithofer in einem Interview. Rund ein Fünftel der Geländewagen X5 werde dort mittlerweile mit einem Common-Rail-Antrieb ausgeliefert. "Der effiziente Diesel wird weiter ein wichtiges Thema bleiben".

Die Deutschen wollen den Marktanteil des Diesels deshalb ausbauen. "Diesel-Fahrzeuge sind ein wichtiger Teil unserer Verkaufsstrategie und wir arbeiten daran, den Diesel-Anteil weiter nach oben zu treiben", erklärte VW-Manager Browning. "Es gibt noch viel Luft nach oben, was den Diesel-Markt angeht".

Raus aus der Nische

Schon dieses Jahr dürfte ein Schritt dazu gemacht werden: "Ich erwarte 2012 ein überproportionales Wachstum", sagte Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. "Es scheint so zu sein, dass der Diesel in den USA etwas aus seiner kleinen Nischenrolle herauswächst". Die Deutsche Bank sieht gar Chancen, dass der Diesel-Anteil bei Pkw bis 2015 auf rund 3 Prozent wächst, bei leichten Nutzfahrzeugen sogar auf etwa 8 Prozent. Einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung könnte die Konkurrenz der deutschen Hersteller leisten, glaubt VW-US-Chef Browning: "Wenn unsere Wettbewerber auch auf den Markt drängen, dann werden sicher noch mehr Autokäufer über Diesel als Alternative nachdenken."

Der VDA sieht dafür gute Chancen. Angesichts gestiegener Spritpreise legten auch immer mehr Amerikaner Wert auf effiziente Motoren. Ein moderner Selbstzünder sei um ein Viertel sparsamer als ein vergleichbarer Benziner. Dass Diesel an US-Tankstellen etwas teurer ist als Benzin, werde dadurch mehr als ausgeglichen.

Auch zwei der drei großen US-Autohersteller in Detroit haben zwischenzeitlich erste Projekte für Diesel-Pkw in den USA angestoßen. General Motors will ab 2013 eine Diesel-Version des Chevrolet Cruze anbieten, und Chrysler kündigte vergangene Woche gleiches für den Jeep Grand Cherokee an. Chrysler will dafür mehr als 1,000 neue Jobs in Detroit schaffen.

US-Verkehrsminister Ray LaHood pries den lange verpönten Antrieb im Sommer bei der Eröffnung des neuen US-Werks von Volkswagen: Saubere Dieselantriebe seien ein wesentlicher Teil der neuen Antriebsstrategie der Vereinigten Staaten, sagte er. "Und das nicht nur, weil es das Richtige für den Umwelt- und Klimaschutz in den USA ist. Saubere Dieselantriebe machen auch wirtschaftlich Sinn, sowohl für Privatleute als auch für amerikanische Firmen."

Ein Siegeszug wie in Europa ist aber nicht in Sicht. Die Berater von PricewaterhouseCoopers rechnen damit, dass der Diesel-Anteil am Gesamtautomarkt auch künftig nicht auf über 5 bis 7 Prozent hinauskommen wird. Viele Vorurteile gegen den Antrieb hielten sich hartnäckig.

Hybride sind in den USA nach wie vor sehr populär und werden auch künftig eine wichtige Rolle spielen. Das können die deutschen Hersteller trotz ihrer Diesel-Ambitionen nicht ignorieren. VW stellt deshalb auf der Automesse in Detroit seinen Verkaufsschlager Jetta in der Hybridversion vor, er soll gegen den Marktführer Prius von Toyota antreten. Auch die Konkurrenz schläft nicht: BMW präsentiert erstmals eine Hybridversion des neuen 3er und die Daimler-Tochter Mercedes-Benz eine für die E-Klasse.

-Von Nico Schmidt und Christoph Rauwald, Wall Street Journal Deutschland 
+49 (0)69 29725 104, unternehmen.de@dowjones.com 
DJG/ncs/jhe 
 

(END) Dow Jones Newswires

January 09, 2012 06:10 ET (11:10 GMT)

Copyright (c) 2012 Dow Jones & Company, Inc.

© 2012 Dow Jones News
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