--ThyssenKrupp will Stahlgeschäft in Amerika profitabel machen
--Konzern weiter von Perspektive in Übersee überzeugt
--Hiesinger trifft keine Aussage zu Plänen nach Werkshochlauf
(Durchgehend neu)
Von Martin Rapp DOW JONES NEWSWIRES
BOCHUM (Dow Jones)--Der Industriekonzern ThyssenKrupp hält vorerst an seinen Stahlwerken in Übersee fest. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will den verlustträchtigen Geschäftsbereich zunächst profitabel machen, was noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Was danach passiert, sagte der Manager nicht und ging damit nur indirekt auf die jüngsten Medienspekulationen ein, wonach ein Verkauf der Werke geprüft werde.
"Wir sind weiter davon überzeugt, dass der amerikanische Markt für unsere Premiumprodukte im Flachstahlbereich aussichtsreiche Perspektiven bietet", sagte Hiesinger in Bochum auf seiner ersten Hauptversammlung. Allerdings führe "kein Weg daran vorbei, den technischen Hochlauf unserer Werke zu einem erfolgreichen Ende zu bringen und die Kosten dort zu optimieren", erklärte der Manager die nächsten Schritte. Die Anlagen sollen im Sommer komplettiert sein, reibungslose und damit effiziente Abläufe werden laut Hiesinger in den Folgejahren erreicht.
Der Essener Konzern hat in Brasilien ein Brammenwerk und im US-Bundesstaat Alabama ein Weiterverarbeitungswerk errichtet. Damit sollte zum einen die Stahlproduktion näher an die Rohstoffvorkommen in Südamerika verlagert werden, gleichzeitig folgte ThyssenKrupp den deutschen Automobilherstellern, die in Nordamerika neue Werke errichteten. Doch nachträgliche Erweiterungen, zu teure Lieferanten und vor allem Mängel bei der Ausführung sorgten für ein Überschießen der Investitionen auf fast 10 Milliarden Euro.
Die Anlagen befinden sich derzeit im Hochlauf, der aber langsamer vonstatten geht als erhofft. Eigentlich wollte ThyssenKrupp schon im laufenden Geschäftsjahr keine Verluste in dem Bereich mehr schreiben. Nun wird mit einer deutlichen Verbesserung der Ergebnislage erst im zweiten Halbjahr und im Gesamtjahr mit einem deutlichen Fehlbetrag gerechnet.
Am Vortag hatte das manager magazin berichtet, dass Hiesinger einen Verkauf der Werke in Betracht ziehe. Analysten von J.P. Morgan zeigten sich aber skeptisch. Abgesehen davon, dass die Anlagen noch nicht rund laufen, wäre wohl auch die aktuelle Marktlage mit der anhaltenden Konjunkturunsicherheit nicht gerade ein günstiger Zeitpunkt für eine Veräußerung, glauben sie.
Von den Ausgaben für die Werke hatte das traditionsreiche Unternehmen im vergangenen Geschäftsjahr bereits 2,1 Milliarden Euro abschreiben müssen, weil die Mehrkosten nicht durch eine entsprechende Marktnachfrage gedeckt werden. Dazu kommen die operativen Verluste, die der Aufsichtratsvorsitzende Gerhard Cromme auf mittlerweile über zwei Milliarden Euro beziffert. Nach einem Fehlbetrag von knapp 1,7 Milliarden Euro in den beiden vergangenen Geschäftsjahren werden damit im laufenden mindestens weitere 300 Millionen anfallen.
Cromme ist unter Beschuss geraten, weil der Gang nach Übersee in seiner nunmehr über zehnjährigen Amtszeit beschlossen wurde. Der Chefkontrolleur stellte den Anteilseignern deshalb ausführlich die Etappen des Expansionsprojekts im Aufsichtsrat dar. Dabei sparte er nicht mit Kritik, von Selbstkritik aber keine Spur: "Aus heutiger Sicht wissen wir, dass sich viele Antworten des Vorstands auf Fragen des Aufsichtsrats als zu optimistisch, unvollständig und teilweise falsch herausgestellt haben", verortete er die Verantwortung bei den ausführenden Managern.
Chef unter Crommes Kontrolle war seinerzeit Ekkehard Schulz, der auf der vorigen Hauptversammlung verabschiedet wurde und in den Aufsichtsrat wechselte. Mittlerweile hat er seinen Sitz wegen der Verluste in Übersee zurückgegeben und wird durch Carola von Schmettow ersetzt, die bei der Düsseldorfer Bank HSBC Trinkaus & Burkhardt im Vorstand sitzt.
Schulz erhielt Applaus von den Aktionären, als sich Hiesinger für die Art und Weise der Amtsübergabe bedankte und zuvor, als Cromme auf den "Eisernen Ekki" einging. Er kritisierte dessen Darstellung in der Öffentlichkeit als "unangemessen und in keiner Weise den Leistungen von Schulz entsprechend". Diese führte er aber nicht weiter aus. "Seine großen Verdienste habe ich in der letzten Hauptversammlung erläutert; sie bestehen unverändert fort", sagte er knapp. Möglicherweise fängt der Sparkurs des Konzerns bei der Redezeit an.
-Von Martin Rapp, Dow Jones Newswires; +49 211 13 87 214; martin.rapp@dowjones.com DJG/mmr/jhe
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January 20, 2012 06:55 ET (11:55 GMT)
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