18. Mai 2012. Während die Börsen weltweit abrutschen und Risikoaufschläge für Anleihen der Problemländer in immer neue Höhen klettern, fallen Renditen für Bundesanleihen auf nie gekannte Niveaus.
Nach den gescheiterten Bemühungen um eine Regierungsbildung in Griechenland und der Ankündigung von Neuwahlen spitzt sich das Eurozonen-Drama zu. Zuletzt stufte die Ratingagentur Fitch die Kreditwürdigkeit des Krisenstaats herab, am gestrigen Donnerstag hatte Moody's die Bonität von 16 spanischen Banken gesenkt. "Die Krise verschärft sich immer weiter - in all ihren Ausprägungen", fasst Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsgesellschaft die Lage zusammen. Mehr und mehr setze sich die Einsicht durch, dass Griechenland aus dem Euro aussteigen werde. "Jetzt haben wird den (griechischen) Salat." Viele Griechen plünderten ihre Konten aus Angst vor einem Austritt aus der Eurozone, wie Arthur Brunner von ICF Kursmakler berichtet.
"Anleger trennen sich von Griechenland-Anleihen", meldet Daniel, diese würden zum Teil nur noch bei 12 Prozent oder darunter gehandelt (WKN A1G1UL, A1G1UU). Der Euro-Bund-Future steigt hingegen am heutigen Freitag auf ein neues historisches Hoch von 144,06 Punkten, im Gegenzug sinkt die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe auf ein Rekordtief von 1,39 Prozent.
Deutschland profitiert
Deutschland muss somit immer weniger für seine Refinanzierung zahlen. "Anderen Regierungschefs erscheinen die Konditionen als Fata Morgana, etwas für sie Unerreichbares", kommentiert Klaus Stopp von der Baader Bank. Bei der Aufstockung der aktuellen zehnjährigen Bundesanleihe (WKN 113547) um 5 Milliarden Euro habe die Durchschnittsrendite bei 1,47 Prozent gelegen. "Das sind 0,4 Prozent weniger als bei der Erstbegebung im April."
Griechenland kann zahlen
Für viel Ärger sorgte derweil, dass Athen doch noch Gelder locker machen kann. "Unglaublich aber wahr! Trotz leerer Kassen hat Griechenland einen fälligen Floater nach ausländischem Recht voll zurückgezahlt", bemerkt die Helaba. Die Beteiligung am Schuldenschnitt sei für Gläubiger dieser Anleihe freiwillig gewesen. "Anleger, die sich nicht beteiligt hatten, lachen sich jetzt ins Fäustchen." Daniel zufolge erschwert das künftige Umschuldungsbestrebungen: "Es entsteht der Eindruck, dass einige ungeschoren wegkommen."
"Grexit": Problemlösung oder -verschärfung?
Klaus Stopp ist der Frage nachgegangen, welche Folgen ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone, neudeutsch "Grexit" für Griechenland-Exit, am Rentenmarkt hätte: "Die Zinspessimisten gehen davon aus, dass mit dem Austritt Griechenlands das größte Problem für Euroland beseitigt ist, sie erwarten dann große Kursverluste bei Bundesanleihen", erklärt der Händler. Die Zinsoptimisten erwarteten, dass ein Austritt eine Blaupause für andere Problemländer wie Portugal sein könne. "Die Folge wären ein dramatischer Anstieg der Risikoprämien für die Anleihen der Problemländer und kräftige Kursgewinne bei deutschen Staatspapieren." Welches Szenarium eintreten werde, sei die große Gretchen-Frage.
Hoffnung bei Praktiker
Auch im Corporate Bond-Bereich war Arthur Brunner zufolge gegen Ende der Woche eine deutliche Risikoaversion bei Anlegern festzustellen. "Als typisches Beispiel ist hier die IKB-Nachranganleihe zu nennen, die zu Wochenbeginn noch bei 90 notierte, am heutigen Freitag in der Spitze auf 84,5 fiel", erläutert der Händler (WKN 273032). Bedingt durch den Feiertag und die Proteste in Frankfurt seien viele Marktteilnehmer bereits am Mittwoch in ein langes Wochenende gegangen. "So sind aufgrund der fehlenden Liquidität manche Marktbewegungen noch stärker ausgefallen, als das unter normalen Handelsbedingungen der Fall gewesen wäre."
Die Praktiker-Anleihe (WKN A1H3JZ) ist nach Ankündigung eines neuen Sanierungskonzepts für die kriselnde Baumarktkette zwischenzeitlich in die Höhe geklettert, wie Rainer Petz von Close Brothers Seydler meldet. "Der Kurs stieg von 43,5 Prozent vor anderthalb Wochen bis auf 57 Prozent, jetzt liegt er aber wieder bei 47 Prozent." Praktiker hatte überraschend den Rücktritt des erst seit Oktober amtierenden Vorstandschefs Thomas Fox bekanntgegeben, zudem beschloss der Aufsichtsrat eine Kehrtwende beim Sanierungskonzept.
Stürmische Zeiten für Nordex-Anleger
Eine wahre Berg- und Talfahrt erleben derzeit Nordex-Gläubiger. "Der Kurs rutschte von 95 Prozent Mitte April auf unter 63,5 Anfang Mai, jetzt kostet die Anleihe wieder 82,75 Prozent", präzisiert Petz. Der Windturbinenbauer hat im ersten Quartal zwar einen Verlust eingefahren, gut gefüllte Auftragsbücher veranlassen aber offenbar zu Optimismus.
Etwas ruhiger geworden ist es hingegen um Photovoltaik-Anleihen. Diese haben sich nach dem Absturz infolge der Pleitewelle in der Solarbranche zwar stabilisiert. "Solarworld wird aktuell zu 30,5 Prozent gehandelt, das Tief lag bei 27 Prozent", erklärt Petz (WKN A1CR73). Mitte Januar lag der Kurs aber noch bei 66,5 Prozent.
Neuemissionen kommen gut an
Neuemissionen gibt es derzeit zwar nicht unbedingt viele, von Problemen bei der Platzierung kann man aber nicht sprechen, wie Klaus Stopp meint. Etwa sei die Zeichnung für eine Anleihe des österreichischen Baukonzerns Alpine Holding (WKN A1G4NY) vorzeitig geschlossen worden. Das Papier läuft bis 2017, der Kupon beträgt 6 Prozent. Darüber hinaus brachte der Autovermieter Sixt eine neue Anleihe (WKN A1PGPF) mit Laufzeit bis 2018 und einem Kupon von 3,75 Prozent. VW muss für eine neue fünfjährige Anleihe (WKN A1G4TY) lediglich 1,875 Prozent an jährlichen Zinsen zahlen, wie Stopp außerdem meldet. In allen drei Fällen beträgt die Mindestanlagesumme 1.000 Euro.
Auch Hochverzinsliches zieht
Deutlich überzeichnet war eine Neuemission von Zamek (WKN A1K0YD), wie Petz berichtet. "Wegen der hohen Nachfrage wurde die Zeichnung vorzeitig beendet." Heute werde das Papier zu 102,4 Prozent gehandelt. "Das ergibt eine Rendite von 7,15 Prozent." Die Anleihe des Düsseldorfer Herstellers von Brühen, Suppen, Soßen, Würzen und Fertiggerichten läuft bis 2017, der Nominalzins liegt bei 7,75 Prozent. Im High Yield-Segment wagte sich Schmolz und Bickenbach vor: 9,875 Prozent im Jahr bot der Schweizer Stahlkonzern für eine Anleihe (WKN A1G4PS) mit Laufzeit bis 2019. Das Papier wird allerdings bereits deutlich unter Pari gehandelt.
Bald Startschuss für Schalke-Papier
Daneben können sich Fußballfans schon startklar machen: Am 30. Mai beginnt nämlich die Zeichnungsfrist für eine Anleihe des FC Schalke (WKN A1ML4T) mit siebenjährige Laufzeit und Kupon von 6,75 Prozent, wie Anfang der Woche bekannt wurde. Mit einer Stückelung von 1.000 Euro sollen auch Kleinanleger angesprochen werden. Anders als bisherige Anleihen deutscher Fußballvereine soll das Schalke-Papier an der Börse notiert werden, konkret im Mittelstandssegment der Börse Frankfurt. Mit dem Erlös will der hochverschuldete Bundesligaclub seine Verbindlichkeiten umfinanzieren.
© 18. Mai 2012 / Anna-Maria Borse
(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)
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