Das Kerngeschäft der Commerzbank läuft passabel, aber die Ertragslage ist schwer kalkulierbar. Coba-Chef Blessing enttäuschte einmal mehr die Aktionäre - diese werden auf der Hauptversammlung heute viele Fragen haben.
Genau 412 Tage ist es her, dass Commerzbank-Chef Martin Blessing sich entspannt wie lange nicht mehr, zu Scherzen aufgelegt, ja fast triumphierend in der Öffentlichkeit zeigte. Damals, am 6. April 2011 kündigte der Vorstandsvorsitzende der zweitgrößten deutschen Bank die größte Kapitalerhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik an. Elf Milliarden Euro gab der Markt, weitere drei Milliarden Euro kamen aus den Reserven der Bank. Damit wollte Blessing den Großteil der Staatshilfen zurückzahlen, mit der sein Institut die Krisenjahre 2008 und 2009 überlebte.
Denn die Commerzbank hatte zwei Wochen vor der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers dem Versicherungsriesen Allianz die Dresdner Bank abgekauft. Kritiker hatten von Anfang an bemängelt, der Kaufpreis könne die Commerzbank überfordern. Erst recht nach der Lehman-Pleite. Die Dresdner war im Investment-Banking hohe Risiken eingegangen.
18,2 Milliarden Euro pumpte sich die Commerzbank vom Staat. Der Bund beteiligte sich mit 25 Prozent an der Bank und lieh dem Institut zusätzlich 16 Milliarden Euro als stille Einlage, die eigentlich mit neun Prozent verzinst werden muss. Lange war unklar, ob die Bank diese 16 Milliarden Euro jemals wird zurückzahlen können.
Die Megakapitalerhöhung vor einem Jahr galt daher zunächst als Befreiungsschlag. Sie rechnete sich in erster Linie auch für den Vorstand. Weil die Bank weit mehr als die Hälfte ihrer Staatshilfen zurückgezahlt hat, sind die Vorstandsgehälter seit Januar nicht mehr länger auf 500.000 Euro im Jahr gedeckelt.
Das bedeutet, dass Martin Blessing künftig ein jährliches Festgehalt von 1,3 Millionen Euro erhält und seine acht Vorstandskollegen je 750.000 Euro. In Summe steigen die Vorstandsvergütungen somit um 60 Prozent auf 7,3 Millionen Euro. Bonuszahlungen könnten dazukommen. Den Beweis, dass die Kapitalzufuhr auch im "Interesse der Anteilseigner" war, ist Blessing den Aktionären allerdings schuldig geblieben. Im Gegenteil.
Gewinnziel kassiert, Dividende vertagt
Commerzbank-Aktionäre haben die Reanimation ihrer Bank mit einer beispiellosen Verwässerung ihrer Aktien bezahlt. Allein seit der letzten Hauptversammlung hat sich die Zahl der Dividendenpapiere auf rund 5,59 Milliarden vervierfacht. Der Aktienkurs ist seit der letzten Hauptversammlung um 58 Prozent auf mittlerweile 1,43 Euro gesunken. Zählt man alle Kapitalerhöhungen seit Blessings Amtsantritt zusammen, dann hat sich die Zahl der Aktien sogar mehr als verachtfacht.
Einen Vorgeschmack darauf, was Blessing auf dem Aktionärstreffen erwartet, bietet ein Ergänzungsantrag des Aktionärs "Riebeck-Brauerei von 1862". Dahinter steckt der klagefreudige Berufsaktionär Karl-Walter Freitag. Schon im vergangenen Jahr warf er dem Vorstand vor, er sei verliebt in seine Ausreden, bleibe den Aktionären wertsteigernde Leistungen schuldig und sei bisher mehr durch Worte als durch Erfolge auffällig geworden. "Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen - außer, dass die Ergebnisse noch jämmerlicher sind als damals erwartet", schreibt Freitag jetzt.
Es wird einige Aktionäre geben, die das ähnlich sehen. Denn von den Versprechen, mit denen Blessing ihnen die Kapitalerhöhung im vergangenen Jahr hatte schmackhaft machen wollen, sind nur wenige wahr geworden: 2011 hatte Blessing seinen Aktionären zum Beispiel eine Dividende für das Geschäftsjahr 2012 - also für die Hauptversammlung 2013 - in Aussicht gestellt. Nun hofft Blessing, das ein Jahr später nachzuholen.
Auch das Versprechen, ab 2012 operativ vier Milliarden Euro zu verdienen, das er den Aktionären nach der Teilverstaatlichung im Jahr 2009 gab, ist Makulatur. Nun fühlt sich die Bank diesem Ziel, das unter dem Schlagwort "Roadmap 2012" firmiert, im aktuellen Geschäftsbericht "grundsätzlich weiter verpflichtet". Der Zeithorizont wird ins Ungefähre verschoben, "abhängig von den Marktgegebenheiten".
Nicht einmal das Ziel, die Bank mit der Kapitalspritze strategisch und finanziell flexibler zu machen, ist erreicht. Das hat der Stresstest verhindert, den die Europäische Bankenaufsicht knapp ein halbes Jahr nach der Kapitalerhöhung machte. Sie verdonnerte die Commerzbank dazu, ihre Kapitaldecke noch einmal um 5,3 Milliarden Euro zu stärken. Der Grund: Die Commerzbank hat zu viele Staatsanleihen aus europäischen Krisenstaaten.
Erklärungsbedarf für den Vorstandschef
Zwar ist es der Commerzbank bereits im ersten Quartal geglückt, die ...
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