Sie bleiben diskret im Hintergrund - doch ihretwegen können sich die Börsenteilnehmer darauf vertrauen, dass alle Regeln eingehalten werden. Ein Besuch in der Handelsüberwachungsstelle der Frankfurter Börse.
Eine blinkende orangefarbene Linie. Sie zeigt Andreas Mitschke, dass hier etwas faul sein könnte. Sie sticht heraus aus einem zackigen Diagramm. Aus Kurven, die hunderttausende Kauf- oder Verkaufsgebote bündeln. Und an einer Stelle in diesen zig Orders wird gerade im Handel betrogen - zumindest meldet das Programm dafür ein Anzeichen in Orange.
Mitschke, 38, kurzes blondes Haar, ist sogenannter Expert bei der Handelsüberwachungsstelle (HüSt) der Frankfurter Börse. Die überwacht den gesamten Handel, Andreas Mitschke nur einen winzigen Teil davon. Er schaut sich momentan den Future Dax an - und ob dort jemand crosst. Das bedeutet, dass ein Händler gegenseitige Kommissionswerte auf ein bestimmtes Wertpapier gleichzeitig abgibt, also etwa ein Kauf- und ein Verkaufsangebot. So etwas passiert innerhalb von Millisekunden und kann den Preis beeinflussen. Crossen darf nur, wer es vorher angezeigt hat - wer das unterlässt, fällt auf. Er macht sich verdächtig, den Handelspartner betrügen zu wollen.
Die Handelsüberwachungsstelle der Frankfurter Börse darf niemandem vertrauen. 20 Mitarbeiter haben den Börsenhandel auf allen Handelsplattformen im Visier. Sie überwachen Xetra, die Kassa-Plattform, auf der vor allem Dax-Werte gehandelt werden, sie überwachen den Parkettmarkt in Frankfurt und Eurex, den Terminhandel. Ihretwegen können die Händler an der Börse darauf vertrauen, dass beim Wettlauf um Geld und Kurse alle Regeln eingehalten werden.
35 Fälle seit drei Stunden zeigt das Programm auf einem der vier Bildschirme von Alexander Mitschke an. Der Kontrolleur kann sich nun jedes Detail des Deals anschauen: Wer mit wem, welches Produkt, wo lag der Preis? Er braucht dafür nur wenige Sekunden, in denen aber im Handel schon wieder viel passiert ist: Alleine im F-Dax laufen heute 251.000 Orders auf – pro Stunde. "Ein ruhiger Tag", sagt Mitschke.
Mitschke gehört derzeit zu den acht Eurex-Kollegen. Zwölf Mitarbeiter überwachen die Frankfurter Wertpapierbörse, mit Xetra und dem Parketthandel. Festgezurrt ist diese Struktur nicht, die Mitarbeiter wechseln in Schichten. So bewegen sich auch immer drei Mitarbeiter in der Frankfurter Innenstadt auf dem Parkett - und nehmen dort täglich rund 50 Anrufe von Anlegern entgegen: mit Hinweisen, Regelnachfragen oder Beschwerden wegen anderer Handelsteilnehmer.
Die Börsenpolizei hat sich gut abgeschottet
Die Handelsüberwachungsstelle sitzt in einem gut gesicherten Glasbüro mit Lamellenvorhängen im 13. Stock der Deutschen Börse AG. Die residiert längst in Eschborn, in einem schicken Glasgebäude, das zwar kein Würfel ist, aber "The Cube" heißt. Ins Büro gelangen nur Mitarbeiter der HüSt, selbst Börsenvorstände müssten mit ihrer Keycard vor der verschlossenen Türe warten. Die Börsenpolizei hat sich gut abgeschottet. Im Büro herrscht arbeitssame Ruhe, alle fixieren konzentriert ihre Bildschirme, jeder Mitarbeiter hat mindestens drei davon. Auf Alexander Mitschkes Tisch stehen noch zwei Telefone, eines zeichnet jedes Gespräch auf: Für die kritischen Nachfragen bei Händlern, die aufgefallen sind.
Klingelt Mitschkes Handy, ertönt der Ton aus der US-Serie "24". Darin geht es auch um Überwacher, und immer darum, die Welt oder zumindest Amerika zu retten. Die Hauptperson Jack Bauer schafft das immer, wenngleich kaum ohne Folter.
Die Möglichkeiten der HüSt-Kontrolleure erinnern an die der Polizei: Wenn sie jemanden verdächtigen, können sie Telefonmitschnitte anfordern, denn Handelsgespräche werden immer aufgezeichnet. Außerdem dürfen sie E-Mail-Protokolle lesen. Theoretisch können sie auch Geschäftsräume durchsuchen. Das sei aber noch nicht so häufig vorgekommen, sagt Michael Zollweg. Sicher kein schlechter Name für einen, der die digitalen Handelsstraßen überwacht. Der 52-Jährige ist Hüter der HüSt, seit 2000 leitet er die Überwachungsstelle, er trägt Jeans und Hemd, kurz geschorene Haare und die Realität immer im Gepäck: "Man darf nicht illusorisch sein und sagen: Wir kriegen alles raus. Allumfassend kann man nichts abdecken", sagt er.
Das belegen auch Zahlen aus dem hessischen Wirtschaftsministerium, das als zuständige Börsenaufsichtsbehörde täglich mit der Handelsüberwachungsstelle in Kontakt steht und bei Verstößen Sanktionen gegen Handelsteilnehmer aussprechen kann. 15 Fälle hat die HüSt im vergangenen Jahr an die Börsenaufsichtsbehörde gemeldet. Der börseneigene Sanktionsausschuss hat im selben Zeitraum 12 Regelverstöße von Handelsteilnehmern ...
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