Aus Angst vor dem nahenden Staatsbankrott retten die Griechen, was noch zu retten ist. Längst wird das Geld im Ausland geparkt. Die Griechen bereiten sich vor: auf den Ausstieg aus der Euro-Zone und die eigene Flucht.
Von hier kommt jeder schnell weg. Der Flughafen liegt dreißig Minuten entfernt. Die großen, weißen Fähren legen im Minutentakt ab. Die Kreuzfahrtschiffe stehen nur für einen Tag am Kai. Und wer es sich leisten kann, nimmt sein eigenes Boot und fährt hinaus aufs Meer – weg von Griechenland. Piräus ist der Hafen von Athen, das große Leck der Hauptstadt. Hier liegen jene Schiffe, die Griechen gehören und nicht in Griechenland gemeldet sind. Hier schauen die griechischen Reeder aufs Meer, die für die Steuerbehörden unauffindbar sind. In Piräus leben viele, die ihrem Land jederzeit den Rücken kehren können.
"Einfach gehen!" – darüber reden die Griechen umso mehr, je näher der denkbare Bankrott ihres Landes rückt. In den Umfragen vor der Wiederholungswahl am Sonntag liegt die linke Syriza-Partei vorn. Sie lehnt die Spar- und Reformauflagen der EU strikt ab, doch die EU will nicht neu verhandeln. Der 17. Juni könnte Griechenlands Schicksalsentscheidung über den Euro werden: drinnen oder draußen. Die Griechen spüren das. Längst ist das Land zur Bargeldzone geworden. Keiner gibt mehr Kredit. Eine wachsende Zahl von Bürgern zahlt keine Steuern. Bereiten sich die Griechen insgeheim längst auf einen Austritt aus dem Euro vor?
Ein griechischer Reeder gibt grundsätzlich ungern Interviews. In einer Bar in Piräus nicht weit vom Stadttheater gelingt es nach langem Barmen und Bitten endlich, einen zu treffen. "Den Tisch da in der hinteren linken Ecke, bitte", sagt der Reeder. Aber bitte: keine Fotos, keine Namen, keine persönlichen Details! Ein Reeder in Piräus ist der Prototyp des nicht greifbaren Griechen. Von ihm lernen heißt fliehen lernen.
"Ich habe meine Konten im Ausland", sagt der Reeder mit einem Anflug von Lächeln. "Hier habe ich nur meine Kreditkarte und etwas Handgeld für den täglichen Gebrauch." Richtet er sich auf den Ernstfall ein, auf den Ausstieg aus Euro-Land? "Nicht unbedingt", erwidert er.
Ein Misstrauensvotum gegen die Banken
Für einen Reeder sei es völlig normal, sein Geld im Ausland zu haben. Die meisten Banken, die auf Schifffahrt spezialisiert sind, säßen in Westeuropa, viele in Großbritannien. "Die Währung der Meere ist der Dollar, nicht der Euro." Schiffe, Ausrüstung, Ladung, Mannschaft, Frachtraten, alles werde in der US-Währung verrechnet und bezahlt. "Wozu also ein Konto in Griechenland?" Das Schifffahrtswesen sei komplett globalisiert. "Ich habe hier nur ein kleines Büro mit wenigen Angestellten. Der größte Teil meiner Firma schwimmt auf den Meeren, heute in Piräus, morgen woanders."
Der Reeder ist kein Unbekannter in Piräus. Während des Gesprächs kommen andere Schiffseigner an den Tisch, begrüßen ihn wie einen alten Freund und gehen weiter. Der ehemalige Schifffahrtsminister kommt lächelnd an den Tisch. Ein Verkäufer von Schiffsmotoren schüttelt lange die Hand. Sie treffen sich jede Woche in den Bars von Piräus.
Was hält die Reeder in Griechenland? "Das Leben am Meer, wir leben gern hier", ...
Den vollständigen Artikel lesen ...