Von Thomas Leppert
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat nach Ansicht der Börsianer nicht genug geliefert. Die Leitzinsen wurden zwar um 25 Basispunkte auf 0,75 Prozent heruntergenommen, mehr aber nicht. Einem weiteren Langfristtender hat EZB-Präsident Mario Draghi sogar auf längere Zeit eine Absage erteilt. Mit Bekanntgabe der Zinssenkung trübte sich die Stimmung an den Börsen schlagartig ein. Der Euro und die Aktienmärkte gingen auf Talfahrt, die Renditen in Spanien und Italien schossen dagegen in die Höhe.
Während der Euro-Stoxx-50 in seinem Tageshoch noch bei 2.332 Punkten notierte, beendete er den Tag mit einem Minus von 1,2 Prozent bei 2.285 Punkten. Der DAX legte noch eine kleine Schlussrally hin und schloss 0,4 Prozent leichter bei 6.535 Punkten. Dass es sich um ein Euro-Drama gehandelt hat, zeigt ein Blick auf die Börsen in den Nicht-Euro-Ländern. So schloss die Börse in Kopenhagen mit einem Plus von 0,6 Prozent, der Londoner Index stieg um 0,1 und die Börse in Zürich schloss unverändert.
Nicht nur das EZB-Präsident Mario Draghi einem weiteren Dreijahrestender eine klare Absage erteilte, auch zu möglichen Käufen von Staatsanleihen aus der Euro-Peripherie kein Wort. Daraufhin kletterten die Renditen in Spanien und Italien deutlich. Dies wird an der Börse in der Regel dahingehend gewertet, dass die Anleger ihr Vertrauen verlieren. Die Suche der Investoren nach Absicherung ließen gleichzeitig die Preise für Kreditausfallversicherungen für die Staatsschulden kräftig steigen. Nutznießer waren die Bundesanleihen, die Rendite der zehnjährigen Titel kam um 6 Basispunkte auf 1,39 Prozent zurück.
Als "vor dem Hintergrund der aktuellen Situation vertretbar" stuft der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Georg Fahrenschon, die Zinssenkung der EZB ein. Allerdings sei von der Maßnahme keine Wunderheilung zu erwarten. Einen nennenswerten konjunkturellen Effekt werde diese Zinssenkung von "nahe Null" auf "noch näher Null" nicht haben".
"Die EZB kann lediglich Zeit kaufen", ergänzte Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes. Die Geldpolitik der EZB könne weder die dringend erforderlichen Struktur-Reformen in den Euro-Staaten ersetzen, noch das verloren gegangene Vertrauen in die Staatsfinanzen beheben.
Der Abverkauf am Aktienmarkt wurde begleitet von einem kräftigen Wertverfall in der Gemeinschaftswährung. Per se reagiert eine Währung immer mit einem Abschlag auf eine Zinssenkung, da ein möglicher Zinsvorteil gegenüber anderen Währungen wegfällt. Am Nachmittag gab es zudem noch gute Daten vom US-Arbeitsmarkt.
Dies verspricht nicht nur positives Überraschungspotenzial für den wichtigen US-Arbeitsmarktbericht am Freitag, zudem zeigt es, dass die US-Wirtschaft in der Lage ist, Arbeitsplätze zu schaffen. Zu der Euro-Schwäche kam somit noch eine Dollar-Stärke, der Euro beschloss den Handel in Europa bei 1,2386 Dollar.
Die dänische Zentralbank hat mit ihrer Zinssenkung geldpolitisches Neuland betreten. Mit einer Rücknahme um 25 Basispunkte sank der Einlagensatz auf Minus 0,2 Prozent und damit erstmals in der Geschichte der Riksbank unter 0 Prozent. Damit erhalten Banken, die ihr Geld bei der Notenbank parken, weniger zurück als sie überwiesen haben. "Die Zinssenkung ist die Folge der geldpolitischen Lockerung der Europäischen Zentralbank", schreibt Danmarks Riksbank in einer Erklärung. Damit will sie die dänische Krone, die an den Euro gekoppelt ist, stabil halten.
Weitere wichtige Nachrichten des Tages traten mit der EZB-Sitzung nahezu komplett in den Hintergrund. So hatte die Bank of England zuvor das Anleihekaufprogramm wie erwartet um 50 Milliarden Pfund aufgestockt und die Leitzinsen bestätigt. Zudem hatte die chinesische Notenbank mit einer zweiten Zinssenkung in diesem Monat überrascht.
Aus dem Hause der VP Bank hieß es dazu, dass Chinas Notenbank einer weiteren Abkühlung der Konjunktur nicht tatenlos zusehe. Die zuletzt schwachen Konjunkturdaten hätten den Handlungszwang erhöht. In der Hoffnung auf einen positiven Wachstumsimpuls für Chinas Volkswirtschaft und einer stärkeren Nachfrage nach Rohstoffen legte der Sektor gegen den Trend zu und schloss mit einem Plus von 0,9 Prozent. Den schwächsten Sektor stellten mit einem Abschlag von 1,2 Prozent die europäischen Banken, die damit auf die Kursverluste der Staatsanleihen der Euro-Peripherie reagierten.
Die Erleichterung darüber, dass die nunmehr drei Jahre währende Übernahmesaga von VW und Porsche zu einem Ende gekommen ist, honorierte die Börse mit einem Plus von 5 Prozent auf 134,50 Euro in den VW-Vorzügen. Die Kuh sei nun endlich vom Eis, kommentierte ein Händler erleichtert die vor allem vom VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech betriebene Übernahme. Die Experten von Morgan Stanley erwarten, dass der Deal den Gewinn je Aktie von VW im nächsten Jahr um etwa sechs Prozent nach oben treiben wird.
Die jahrelangen wettbewerbswidrigen Preisabsprachen im Schienenbereich kommen die Hersteller nun teuer zu stehen. Das Bundeskartellamt verhängte Bußgelder von insgesamt 124,5 Millionen Euro, der Großteil entfällt mit 103 Millionen Euro auf ThyssenKrupp. Deutlich glimpflicher kamen dagegen der Verkehrstechnikkonzern Vossloh und die Wiener voestalpine davon. Sie sollen 13 Millionen bzw 8,5 Millionen Euro zahlen. Für die Kartellsünder kann das Fehlverhalten aber noch teurer werden: Die Deutsche Bahn fordert vollen Schadenersatz. Keine gute Nachricht für die Aktien, Thyssenkrupp verloren 2 Prozent auf 13,42 Euro, Vossloh gaben um 1,8 Prozent auf 67,02 Euro nach und voestalpine verloren 1,4 Prozent auf 21,85 Euro.
Europäische Schlussindizes, 5. Juli:
Index Schluss- Entwicklung Entwicklung Entwicklung
stand absolut in % seit
Jahresbeginn
Europa Euro-Stoxx-50 2284,92 -27,49 -1,2% -1,4
Stoxx-50 2441,69 0,74 +0,0% 3,0
Stoxx-600 256,93 -0,40 -0,2% 5,1
Frankfurt XETRA-DAX 6535,56 -29,24 -0,4% 10,8
London FTSE-100 5692,63 8,16 +0,1% 2,2
Paris CAC-40 3229,36 -38,39 -1,2% 2,2
Amsterdam AEX 312,97 -1,86 -0,6% 0,2
Athen ATHEX-20 232,55 -5,77 -2,4% -12,2
Brüssel BEL-20 2242,88 -20,85 -0,9% 7,7
Budapest BUX 17311,96 -82,25 -0,5% 2,0
Helsinki OMXH-25 1922,89 -8,25 -0,4% -1,0
Istanbul NAT30 74426,00 1394,97 +1,9% 20,6
Kopenhagen OMXC-20 462,50 2,90 +0,6% 18,6
Lissabon PSI 20 4945,84 -82,66 -1,7% -11,5
Madrid IBEX-35 7168,50 -214,30 -3,0% -18,8
Mailand FTSE-MIB 14088,74 -292,46 -2,0% -6,6
Moskau RTS 1404,91 0,07 +0,0% 1,7
Oslo OBX 380,58 -3,23 -0,8% 6,4
Prag PX 0,00 0,00 0% 0,6
Stockholm OMXS-30 1035,87 -2,55 -0,2% 4,9
Warschau WIG-20 2287,47 25,20 +1,1% 6,7
Wien ATX 1997,83 -17,20 -0,9% 5,6
Zürich SMI 6202,32 1,01 +0,0% 4,5
DEVISEN zuletzt '+/- % Do, 8.10 Uhr Mi, 18.25 Uhr
EUR/USD 1,2389 -1,09% 1,2525 1,2530
EUR/JPY 99,0344 -0,88% 99,9139 99,9882
EUR/CHF 1,2011 -0,02% 1,2014 1,2013
USD/JPY 79,9350 0,26% 79,7290 79,8000
GBP/USD 1,5521 -0,50% 1,5599 1,5594
Kontakt zum Autor: thomas.leppert@dowjones.com
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July 05, 2012 12:41 ET (16:41 GMT)
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