Von Alexis Flynn und Sarah Kent
LONDON--Dem Ölkonzern Shell droht in Nigeria wegen einer Ölpest vor der Küste des westafrikanischen Landes eine Rekordstrafe von 5 Milliarden US-Dollar. Die von lokalen Behörden geforderte Entschädigungssumme stellt die für ähnliche Ölkatastrophen in Brasilien oder den USA drohenden Strafen deutlich in den Schatten.
In dem rund 120 Kilometer vor der Küste Nigerias gelegenen Bonga-Ölfeld war während der routinemäßigen Beladung eines Öltankers im Dezember ein Leck entstanden. Die Produktion im musste die Royal Dutch Shell plc daraufhin einstellen. Infolge des Unfalls traten rund 40.000 Barrel Rohöl aus und verursachten die schlimmste Ölverschmutzung in Nigeria seit mehr als zehn Jahren.
Der Unfall geschah zu einem heiklen Zeitpunkt. Nach der Explosion der BP-Bohrinsel Deepwater Horizon und dem folgenschweren Ölteppich im Golf von Mexiko vor zwei Jahren sorgen sich Behörden verstärkt um die Sicherheit der Ölförderung im Meer. So muss sich Shell derzeit scharfen Prüfungen von US-Behörden und Umweltaktivisten stellen, während sich der Konzern auf Förderaktivitäten vor der Küste Alaskas vorbereitet.
Die nun in Nigeria geforderte Strafe ist allerdings im Vergleich zu anderen besonders hoch: Ausgehend von den Schätzungen, wonach im Bonga-Feld rund 40.000 Barrel Öl ausgetreten sind, entspricht dies einer Strafe von rund 125.000 Dollar je Barrel.
Im Vergleich dazu ist die Strafe für die schlimmste Ölpest aller Zeiten im Golf von Mexiko - verursacht von BP - milde: Bis zu 1.100 Dollar je Barrel könnte der britische Ölmulti zahlen, wenn er nicht der groben Fahrlässigkeit für schuldig befunden wird. Und selbst wenn ihm diese Fahrlässigkeit nachgewiesen wird, muss der Konzern wohl lediglich 4.300 Dollar je Barrel berappen.
Dem US-Ölkonzern Chevron drohen für ein Ölleck vor der Küste Brasiliens, bei dem etwa 3.000 Barrel ausliefen, zwischen 8.000 und 10.000 Dollar je Barrel, wie jüngste Äußerungen der Behörden vermuten lassen.
Über die endgültige Höhe des Bußgeldes muss ein Ausschuss des nigerianischen Abgeordnetenhauses entscheiden. Dieser hatte am Montag den Leiter der mit Beseitigung von Ölverseuchung betrauten staatlichen Behörde NOSDRA (Nigerian Oil Spills Detection and Response Agency), Peter Idabor, angehört. Idabor habe die Rekordstrafe damit gerechtfertigt, dass sie ähnlichen, von anderen Ölförderstaaten wie Venezuela und Brasilien verhängten Strafen entspreche, berichtet die Zeitung Vanguard.
Sollten die Abgeordneten der Empfehlung von Idabor folgen, wäre dies das größte je für Shell verhängte Bußgeld. In Nigeria, wo der britisch-niederländische Konzern seit den 1950ern Öl fördert, lag die höchste für Shell je gerichtlich verhängte Strafe bei 40,5 Millionen Dollar.
Shell wies die Rekordstrafe zurück. "Wir glauben nicht, dass es irgendeine rechtliche Basis für eine solche Strafe gibt", erklärte ein Konzernsprecher. Auch habe die lokale Shell-Tochter keinen Bruch nigerianischen Rechts begangen, der ein solch hohes Bußgeld rechtfertigen würde.
Zudem habe kein Rohöl die Küste erreicht, behauptet der Konzern, ein Großteil habe sich auf natürliche Weise im Meer zerstreut oder sei verdunstet. Zwar reinigte Shell die Küste des westlichen Niger-Deltas von angeschwemmtem Rohöl, meldete aber Zweifel an, dass dieses von dem Bonga-Feld stamme.
Kontakt zum Autor: unternehmen.de@dowjones.com
DJG/DJN/sha/jhe
(END) Dow Jones Newswires
July 17, 2012 11:23 ET (15:23 GMT)
Copyright (c) 2012 Dow Jones & Company, Inc.
