-- Gespräche liegen auf Eis
-- Verhandlungen waren weit fortgeschritten
-- Nokia-Aktie profitiert von Übernahmefantasie
(NEU: Hintergrund, Einzelheiten, Händleraussagen)
Von Sharon Terlep, Dennis K. Berman und Shira Ovide
Der Softwarekonzern Microsoft und der finnische Handyhersteller Nokia standen offenbar kurz vor einem spektakulären Geschäft. Informierte Personen sagten, die US-Amerikaner hätten Interesse an dem Kauf der Nokia-Gerätesparte bekundet und mit Nokia darüber verhandelt. Die Verhandlungen sollen weit fortgeschritten gewesen sein, lägen aber jetzt auf Eis. Die Übernahme hätte zu großen Umwälzungen in der Mobilfunkbranche geführt. Eine Übernahme passt nach Einschätzung von so manchem Branchenkennern durchaus in die mobile Strategie des US-Konzerns. Börsenhändler rechnen bei der Nokia-Aktie dank der Übernahmefantasie mit Kursgewinnen zum Handelsstart.
Eine mit der Sache vertraute Person sagte, dass es noch in diesem Monat Verhandlungen gegeben habe. Die Aussichten auf eine Wiederbelebung stehen jedoch schlecht. Beide Unternehmen - hier der US-Softwaregigant, dort der finnische Handypionier - hatten in der jüngeren Vergangenheit ihre Probleme. Beiden fällt es schwer, sich in einer Welt zu behaupten, in der die Konsumenten Smartphones von Apple und Samsung bevorzugen.
"Uns verbindet eine tiefe Partnerschaft mit Microsoft, und es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Nokia und Microsoft regelmäßig treffen", sagte eine Nokia-Sprecherin. Eine Verantwortliche von Microsoft wollte sich nicht zu den Berichten äußern. Unklar ist, wie viel Geld Microsoft für die Gerätesparte von Nokia zahlen wollte. Der US-Marktwert von Nokia liegt bei mehr als 14 Milliarden US-Dollar. Analysten erklären, dass auch die anderen Vermögenswerte wie das Kartengeschäft und die Technologiepatente einen großen Teil des Wertes ausmachen.
Hardware- und Softwarekonzerne, Fernsehsender und andere sehen Smartphones und Tablets mittlerweile als wichtige Säule ihrer künftigen Wachstumsstrategie an. Verbraucher nutzen immer häufiger ihre mobilen Geräte, um unterwegs im Internet zu surfen, Videos anzuschauen, einzukaufen oder zu chatten. Dies geht zu Lasten der klassischen Computer. Die mobile Revolution hat viele Gewinner hervorgebracht, wie Apple oder die südkoreanische Samsung. Andere Handyfirmen wie Nokia haben den Trend zunächst verschlafen und kämpfen deswegen mit Problemen. Nokia schafft mit den Lumia-Smartphones nur sehr langsam eine Trendwende.
Stephen Elop, der den finnischen Handyhersteller seit September 2010 nach seinem Wechsel von Microsoft zu Nokia leitet, hatte vor zwei Jahren das Dilemma von Nokia in einer internen Memo an die Mitarbeiter treffend beschrieben: Nokia sei wie ein Arbeiter auf einer brennenden Ölplattform in der Nordsee. Seine einzige Überlebenschance sei der Sprung ins kalte Wasser. Dies habe man mit der Allianz mit Microsoft gewagt, so der Nokia-Chef. Nokia und Microsoft arbeiten dahingehend zusammen, dass auf den Lumia-Smartphones als Betriebssystem exklusiv nur Microsofts Windows Phone installiert ist. Damit haben sich die Finnen gegen das System Android von Google entschieden.
Die Redmonder Softwareschmiede hat eine Milliarde Dollar in Nokia investiert und Nokia ist der wichtigsten Partner bei Windows Phones. Im ersten Quartal soll nach Angaben der Marktforscher von IDC Nokia für 79 Prozent der Windows-Phone-Installationen verantwortlich sein.
Die Partnerschaft soll sich für Microsoft aber noch nicht grundlegend gelohnt haben. Zwar habe Microsoft mit dem Betriebssystem Windows Phone die Firma Research In Motion - bekannt durch ihre BlackBerrys - als drittgrößten Anbieter im Bereich Smartphone-Systme überholt. An Samsung kommt der US-Konzern aber nicht ran. Samsung nutzt das Betriebssystem Android. Microsoft-Chef Steve Ballmer betonte wiederholt, dass Windows Phone ein wichtiger Mitstreiter auf dem Markt werden soll. Allerdings zeigte sich der Manager enttäuscht, dass unter anderem Samsung und HTC das Betriebssystem Android so hervorheben und sein Produkt verschmähen.
Nach Angaben von IDC hatte Windows Phone im ersten Quartal bei allen weltweit verkauften Smartphones nur einen Marktanteil von knapp über 3 Prozent, während 75 Prozent der neuen Geräte mit Android laufen. Nokia ist deswegen ein wichtiger Partner für die mobile Zukunft von Microsoft und eine Übernahme wäre für manchen Beobachter kein unlogischer Schritt. Microsoft versucht auch eine Wende und stellt jetzt auch Endgeräte her. Nach der Einführung des Surface Tablet will Microsoft mit einem Mini-Tablet nachlegen. Auch ein Microsoft-Smartphone sei vorstellbar. Hier könnte dann Nokia ins Spiel kommen.
Andere Beobachter wiederum tun sich schwer, einen Sinn in einer möglichen Nokia-Übernahme zu sehen. Durch die bestehende Partnerschaft sei Nokia schon sehr von Microsoft abhängig, so dass Microsoft die Finnen ja nicht unbedingt kaufen müsse. Zudem stelle Nokia ja nur Handy her, so die Zweifler.
Mit Interesse dürften die Amerikaner auch bemerkt haben, dass der chinesische Telekomausrüster Huawei mit Aussagen zu einer möglichen Übernahme der kriselnden Nokia für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Huawei-Chef Richard Yu hatte in dieser Woche bei der Vorstellung des neuen Smartphones Ascend P6 gesagt, "offen" für einen Zusammenschluss mit den Finnen zu sein. Dies gab dem Nokia-Aktienkurs einen kräftigen Schub. Ein Sprecher des chinesischen Unternehmens bemühte sich allerdings schnell, die Aussagen seines Chefs zu relativieren. Yu habe lediglich "philosophisch" gesprochen, Pläne für eine Übernahme von Nokia gebe es nicht, sagte er.
Nokia-Chef Elop hat keinen einfachen Job. Er muss den einstigen Handygiganten praktisch wieder neues Leben einhauchen. Der Marktwert der Finnen ist zeitweise bis auf rund 10 Milliarden Euro geschrumpft. Während der Technologieblase 2000 lag der Börsenwert von Nokia bei 303 Milliarden Euro. Auch wenn die Gespräche mit Microsoft zu keinem Ergebnis geführt haben, zeigen sie doch, dass große Konzernteile wohl zur Disposition stehen könnten. Im vergangenen Jahr soll der Nokia-Chef eine mögliche Abtrennung des Navigationssystem Navteq erwogen haben. Eine informierte Person sagte, diese Idee habe Elop aber wieder verworfen, weil er Navteq als wichtigen Baustein der Nokia-Produktpalette ansieht.
Mit relativer Stärke rechnen Börsenhändler bei der Nokia-Aktie am Donnerstag. "Über kurz oder lang wird sich bei Nokia etwas tun und darauf spekuliert der Markt seit Tagen", sagt ein Händler. Seit Freitag ist die Aktie um 8,5 Prozent gestiegen. Am Vortag legte sie im späten Handel an der Nasdaq um 3,6 Prozent zu. "In der Aktie sind weit mehr spekulative Akteure engagiert als früher. Und die treiben den Kurs hoch in der Hoffnung auf einen Deal, wie immer der auch aussieht", sagt ein anderer Marktteilnehmer.
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June 20, 2013 02:49 ET (06:49 GMT)
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