
Die USA fördern Öl auf Rekordniveau. Trotzdem schrumpft ihre strategische Reserve. Ausgerechnet vor den Midterms werden hohe Spritpreise für Trump zum Problem.
Amerikas Öl-Problem ist komplizierter als gedacht
Eigentlich müssten die USA der aktuellen Energiekrise vergleichsweise gelassen entgegensehen. Kein Land produziert mehr Rohöl. Trotzdem entwickelt sich ausgerechnet der strategische Öl-Vorrat zum Problem. Am 25. September befanden sich laut der U.S. Energy Administration (EIA) nur noch 283,8 Millionen Barrel in der Strategic Petroleum Reserve (SPR). Damit ist die Reserve auf den niedrigsten Stand seit 1982 gefallen.
Zum Vergleich: Ende 2020 waren es noch rund 638 Millionen Barrel, zum Jahreswechsel 2025 noch 413 Mio. Barrel. Selbst nach dem gewaltigen Abbau während der Energiekrise 2022 lag der Bestand deutlich höher als heute.
Das bedeutet zunächst einmal nicht, dass Amerika das Öl ausgeht. Die kommerziellen Rohölbestände lagen zuletzt bei 427,3 Millionen Barrel, knapp elf Millionen mehr als vor einem Jahr. Das Problem ist ein anderes, denn die SPR ist Washingtons Versicherung gegen Kriege, Lieferausfälle und andere Schocks. Und ausgerechnet während einer erneuten globalen Energiekrise ist diese Versicherung so klein wie seit mehr als vier Jahrzehnten nicht mehr.
Rechnerisch entsprechen 283,8 Millionen Barrel nur rund 14 Tagen des gesamten amerikanischen Petroleumverbrauchs. Natürlich müsste die SPR niemals den gesamten Verbrauch ersetzen. Doch selbst bei zusätzlichen Entnahmen von zwei Millionen Barrel täglich wäre der aktuelle Bestand theoretisch nach rund 142 Tagen erschöpft.
Trump muss die Spritpreise drücken
Damit bekommt die Öl-Frage wenige Wochen vor den Midterms am 3. November eine zusätzliche politische Dimension. Die Republikaner kämpfen um ihre knappen Mehrheiten im Kongress. Trump hat deshalb gerade eine 32-tägige Wahlkampftour begonnen.
Doch gerade jetzt spüren die Amerikaner die Energiekrise unmittelbar an der Zapfsäule. In Ohio, wo Trump an diesem Wochenende Wahlkampf macht, kostet Benzin durchschnittlich 4,16 US-Dollar je Gallone und damit 35 Prozent mehr als vor einem Jahr. Diesel erreichte landesweit zuletzt sogar einen Rekordpreis von 6,53 US-Dollar je Gallone.
Das erklärt, warum Washington derzeit nahezu jede Stellschraube prüft. Die Regierung bietet den Energiekonzernen weitere 40 Millionen Barrel aus der SPR als Tauschgeschäft an. Sie sind der letzte Teil der insgesamt 172 Millionen Barrel, die die USA zur international koordinierten Freigabe von 400 Millionen Barrel zugesagt haben. Zurückfließen soll das Öl inklusive Aufschlag, teilweise allerdings erst bis Ende 2028.
Für Trump entsteht damit ein Dilemma. Jeder zusätzliche Einsatz der SPR kann kurzfristig helfen, den Markt zu beruhigen. Gleichzeitig schrumpft damit der Puffer für eine nächste mögliche Eskalation.
Jetzt sollen auch die Europäer helfen
Noch angespannter ist die Situation bei raffinierten Produkten. Vor allem Diesel ist für die amerikanische Wirtschaft entscheidend, denn Lastwagen, Landwirtschaft und Baumaschinen hängen daran. Hohe Dieselpreise verteuern deshalb praktisch die gesamte Lieferkette.
Washington drängt seine Verbündeten inzwischen massiv zum Handeln. Die Trump-Regierung forderte insbesondere Deutschland und Frankreich auf, ihre Diesel-Notfallreserven freizugeben. Zeitweise stand sogar ein amerikanisches Exportverbot für Diesel im Raum.
Am vergangenen Donnerstag einigten sich die G7 schließlich auf die Freigabe von 100 Millionen Barrel Diesel und Öl aus ihren Reserven. Trump verzichtete daraufhin zunächst auf das angedrohte Exportverbot.
Doch die Preise bleiben hoch. Brent beendete die Handelswoche bei 102,84 US-Dollar je Barrel, US-Öl der Sorte WTI bei 91,18 US-Dollar.
Plötzlich wird sogar russisches Öl interessant
Wie groß der Handlungsdruck ist, zeigt eine weitere bemerkenswerte Entwicklung. Die Gespräche der Trump-Regierung mit Russland über ein mögliches Ende des Ukraine-Krieges umfassen laut einem Bericht der New York Times inzwischen auch ein milliardenschweres Ölgeschäft.
Dabei geht es um internationale Vermögenswerte des sanktionierten russischen Ölkonzerns Lukoil. Zum Portfolio gehören Ölfelder, Raffinerien und Tankstellen. Putin soll einen möglichen Verkauf bei seinem Treffen mit Steve Witkoff und Jared Kushner Anfang September selbst angesprochen haben. Ein Geschäft ist bislang allerdings nicht beschlossen und müsste von Washington und Moskau genehmigt werden.
Für die USA entsteht daraus ein schwieriger Balanceakt. Washington will Russland wegen des Ukraine-Krieges wirtschaftlich unter Druck setzen. Gleichzeitig besteht angesichts hoher Öl- und Dieselpreise wenig Interesse daran, zusätzliche Förder- und Raffineriekapazitäten dauerhaft vom Weltmarkt verschwinden zu lassen. Die Gespräche über Lukoil zeigen deshalb, wie eng Energie- und Geopolitik inzwischen miteinander verbunden sind.
Amerika hat Öl, aber immer weniger Spielraum
Die USA stehen also keineswegs unmittelbar vor einer Ölknappheit. Sie verfügen über enorme eigene Förderung und mehr als 427 Millionen Barrel kommerzielle Rohölbestände. Knapp wird vielmehr der strategische Spielraum.
Die SPR steht auf einem 44-Jahres-Tief, Diesel ist extrem teuer, Washington greift erneut auf Notfallreserven zurück und drängt gleichzeitig Europa, ebenfalls Öl und Diesel freizugeben. Selbst russische Energieanlagen werden zum Gegenstand geopolitischer Verhandlungen.
Für Trump kommt all das zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Wenige Wochen vor den Midterms braucht die Regierung niedrigere Kraftstoffpreise, ohne dabei den amerikanischen Sicherheitspuffer vollständig zu verspielen. Amerika hat noch jede Menge Öl. Was Washington zunehmend fehlt, ist die komfortable Reserve für den möglichen nächsten großen Schock.
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