DJ Morgan Stanley: EZB könnte Bilanzverkleinerung aussetzen
Von Hans Bentzien
DOW JONES--Der Anstieg der Anleihezinsen im Euroraum hat nach Aussage von Morgan-Stanley-Analysten zu einer Straffung der Finanzierungsbedingungen geführt, die die Europäische Zentralbank (EZB) dazu veranlassen könnte, beim Abbau ihrer Anleihebestände eine Pause einzulegen. Einen zusätzlichen Anreiz für eine solche Maßnahme sehen sie darin, dass sich die Überschussliquidität im Bankensystem der von ihnen als "kritisch" wahrgenommenen Grenze von 2 Billionen Euro nähert.
"Legt man einen einfachen Maßstab an, entspricht der seit Beginn des Nahostkonflikts beobachtete Anstieg der synthetischen Zinsstrukturkurve des Euroraums im Großen und Ganzen sechs Zinserhöhungen der EZB (unter Anwendung der Faustregel, dass eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte zu einem Anstieg der langfristigen Zinsen um etwa 12,5 Basispunkte führt)", schreiben sie Analysten in einer Analyse. Die Entwicklungen seit der EZB-Sitzung im September fügten dem rechnerisch zwei weitere Erhöhungen hinzu.
Das bedeutet aus ihrer Sicht, dass der geldpolitische Kurs der EZB deutlich restriktiver sei, als es die tatsächlichen Erhöhungen der Leitzinsen vermuten ließen. "Wenn sich der Anstieg der langfristigen Zinsen im Euroraum also in dem derzeitigen Tempo fortsetzt, könnten wir bald an einen Punkt gelangen, an dem sich die EZB fragt, ob die Straffung zu schnell zu weit gegangen ist", argumentieren sie.
Was sollte die EZB also tun? Zinssenkungen sind laut Morgan Stanley keine Option, da sie angesichts der Aufwärtsrisiken für die Inflationsaussichten an ihrer restriktiven Grundhaltung festhalten müsse. Als eine weitaus elegantere Lösung betrachten sie, dass die EZB zumindest vorübergehend die quantitative Straffung (QT) stoppt. "Eine solche Entscheidung würde bedeuten, dass die EZB wieder damit beginnt, fällig werdende Staatsanleihen zu reinvestieren. Dies sollte helfen, den Aufwärtsdruck auf die Renditen zu begrenzen."
Die Begründung sei einfach und liege ganz im Bereich der Geldpolitik: Die beobachtete Straffung durch den Anstieg der langfristigen Zinsen gehe über das hinaus, was die EZB zum jetzigen Zeitpunkt für erforderlich hält. Ein maßvolleres Tempo bei der Straffung sei angebracht. In einer solchen Situation habe eine bessere Kontrolle über die Finanzierungsbedingungen Vorrang vor dem Ziel, die Bilanzsumme zu reduzieren.
Für eine Pause bei der Bilanzverkleinerung spricht laut Morgan Stanley auch, dass sich die Überschussliquidität "einer kritischen Schwelle von 2 Billionen Euro" nähert, sodass eine Pause bei der quantitativen Straffung nicht zu einem schlechten Zeitpunkt käme. "Zudem würde ein Pausieren des QT auch dazu beitragen, den Druck auf eine Ausweitung der Risikoaufschläge von Staatsanleihen etwas zu mindern", argumentieren sie.
Es würde ein klares Signal an den Markt senden, dass die EZB großen Wert auf eine geordnete, kontrollierte geldpolitische Straffung lege - eine potenziell sehr starke Botschaft unter den aktuellen Marktbedingungen.
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