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Die Verluste bei Siemens Energy nehmen kein Ende. Steigende Anleiherenditen und wachsenden Zweifel an der Nachhaltigkeit des KI-Booms belasten das Sentiment.
Siemens Energy: Erst Out-, jetzt Underperformer
Die Anteile von Siemens Energy gehörten mit zu dem Besten, was der deutsche Leitindex DAX und der deutsche Aktienmarkt insgesamt in den vergangenen Jahren zu bieten hatte. Trotz der anhaltenden Verluste in den vergangenen Monaten steht gegenüber dem Stand vor drei Jahren noch immer ein stolzes Plus von rund 1.080 Prozent zu Buche. Auch gegenüber dem Jahreswechsel befindet sich die Aktie mit rund 7 Prozent noch im Plus.
Gegenüber ihren bei fast 200 Euro erzielten Allzeithochs hat die Aktie inzwischen aber deutlich an Federn lassen müssen. Ein Minus von einem Drittel seit den Rekordnotierungen bei 191,66 Euro entspricht aus technischer Perspektive nicht mehr nur einer Korrektur, sondern einem Bärenmarkt - und das, obwohl der KI-Boom zumindest nach den von TSMC, ASML, SpaceX und Meta Platforms vorgelegten Quartalszahlen noch immer in vollem Gange ist.
Siemens Energy profitiert hiervon mit seinen Elektrifizierungslösungen und seinen Kompetenzen im Kraftwerksbau; die hohe Nachfrage nach Rechenkapazitäten sorgen für einen rasant wachsenden Energiebedarf und insbesondere in den USA nach dezentralen Versorgungslösungen.
Die Zweifel am KI-Boom nehmen zu
Dass die Aktie hiervon gegenwärtig nicht mehr profitieren kann, hat mehrere Gründe. Zum einen war die Unternehmensbewertung zeitweise aus dem Ruder gelaufen und die Kurs- der tatsächlichen Geschäftsentwicklung weit vorausgeeilt. Diese fundamentale Übertreibung wird gegenwärtig konsolidiert. Außerdem stellen die stark steigenden Anleiherenditen eine wachsende Belastung für das Unternehmen dar. Sie verteuern Investitionen, welche für den Kapazitätsausbau nötig sein. Gleichzeitig verteuern sie jedoch auch die Finanzierungskosten derjenigen Kunden, welche Siemens Energy beliefern soll.
Zusätzlicher Gegenwind für die Nachfrageprognosen kommen aus der KI-Branche. Deren gigantischer Finanzierungsbedarf weckt unter Investoren zunehmend die Sorge vor Zahlungsausfällen, da insbesondere die gegenwärtig größten Schuldenkönige, wie CoreWeave und Oracle, aber auch die KI-Frontier-Labs Anthropic und OpenAI im AI-as-a-Service-Geschäft noch immer rote Zahlen schreiben. Laut Berichten von Bloomberg und Gartner werden viele der geplanten Projekte außerdem entweder mit Verspätung oder gar nicht erst realisiert. Das weckt auch Zweifel an der Wachstumsstory in der Energiebranche.
Auch technisch steht das Papier zunehmend unter Druck. Nach dem Aufflammen neuer Kriegs- und KI-Ängste in der Nacht zum Donnerstag notiert der Gesamtmarkt tiefrot. Besonders stark betroffen mit einem Minus von zeitweise über 4 Prozent ist erneut die Aktie von Siemens Energy, die nur noch über eine letzte verbleibende Unterstützung verfügt, ehe sogar die Marke von 100 Euro angelaufen werden könnte.

Aktie auf Talfahrt, nächste Station: 100 Euro?
Übergeordnet befindet sich die Siemens-Energy-Aktie in einem mehrjährigen Aufwärtstrend mit hoher Dynamik. Nach dem Allzeithoch bei 191,66 Euro, welches nicht nur die technischen Indikatoren bestätigt war, die bearishe Divergenzen geliefert hatten, liegt jedoch ein korrektiver Abwärtstrend vor. Dieser hat inzwischen Bärenmarktniveau erreicht. Nach dem Unterschreiten der gleitenden Durchschnitte, in denen es mit einem Death Cross außerdem zu einem Verkaufssignal gekommen ist, und dem Bruch wichtiger Horizontalunterstützungen ist die Lage äußerst angespannt.
Zwar hält sich das Papier noch innerhalb des mehrmonatigen Abwärtstrendkanals, da die technischen Indikatoren der Talfahrt der Aktie bislang mit eigenen Abwärtstrends begleitet haben, wächst jedoch die Gefahr, dass Siemens Energy nach unten ausbrechen, die Unterstützung bei 120 Euro reißen und schließlich Kurs auf 120 Euro nehmen könnte. Hierfür spricht neben dem schwachen Relative-Stärke-Index (RSI) vor allem der Trendstärkeindikator MACD, der zuletzt sowohl unter die Null- als auch die Signallinie gefallen ist und damit einen an Fahrt gewinnenden Abwärtstrend anzeigt.
Bullishe Divergenzen, welche eine Trendwende ankündigen könnten, liegen bislang nur im MACD vor. Da dessen Aufwärtstrend inzwischen aber auch gefährdet ist, könnte auch dieser Hoffnungsschimmer schnell wieder verschwinden. Auf Tageskursbasis ist der RSI nur geringfügig überverkauft. Damit ist selbst eine kurzfristige Gegenreaktion noch nicht zwingend erforderlich. Da erste prozyklische Kaufsignale erst jenseits von 145 Euro wieder vorliegen würden, wo die 50-Tage-Linie verläuft, sind die Risiken zur Unterseite derzeit größer als die Chancen zur Oberseite.
Fazit: Wachstum für 2027 schon eingepreist
Mit Blick auf die Unternehmensbewertung steht für 2026 ein KGVe von 30,3 zu Buche. Das ist nur im Vergleich zum direkten Konkurrenten GE Vernova günstig, der mit einem Gewinnvielfachen von fast 61 bewertet wird, während der Branchendurchschnitt bei 19,3 liegt. Für 2027 schätzen Analystinnen und Analysten ein KGVe von 21,2. Das könnte unter Berücksichtigung des beschleunigten Gewinnwachstums als fair bezeichnet werden, bedeuten aber auch, dass steigende Unternehmensgewinne im Vergleich zum Rest der Branche bereits vollständig eingepreist sind.
Anlegerinnen und Anleger sollten der Aktie von Siemens Energy daher gegenwärtig mit Vorsicht begegnen. Während die Bewertung keine klaren Kaufargumente liefert, ist der Chart der Aktie äußerst schwach - ohne eine klar erkennbare Bodenbildung sollte hier nicht eingestiegen werden. Eine annehmbare Sicherheitsmarge und die Aussicht auf überdurchschnittliche Kursgewinne liegt erst ab Kursen von 100 Euro wieder vor.
Gastautor: Max Gross
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