DJ MARKT-AUSBLICK/Zwei Notenbanken, Iran-Krieg und viel Volatilität
Von Michael Otto Denzin
DOW JONES--Auf eine ziemlich unruhige Woche sollten sich Anleger in der letzten Oktober-Woche einstellen. Denn kurz gesagt, Anleger überblicken nicht mehr, worauf sie eigentlich noch alles achten sollen. Mit den Zinsentscheidungen von US-Notenbank und Europäischer Zentralbank (EZB) stehen zwar bei allen die gleichen Großereignisse in den Kalendern, aber rundherum tobt eine Informationsflut, die widersprüchlicher kaum sein könnte.
Die Gemengelage aus Mikro- und Makro-Daten plus Politik und Öl und Zinsen lässt sich kaum unter einen Hut bringen - geschweige denn in einen einzigen Börsenkurs pressen. Immer wieder lösen sich die Anlagethemen ab und sorgen für abrupte Richtungswechsel.
Entsprechend hoch ist die Volatilität an den Aktienmärkten, selbst Blue Chips werden nicht verschont. So sprangen nach Quartalszahlen beispielsweise Essilorluxottica und Randstad mal eben um bis zu 20 Prozent nach oben, während Carrefour und Kering um bis zu 15 Prozent einbrachen. Strategen sehen darin ein typisches Zeichen, dass plötzlich Faktoren für die Aktienbewertung relevant geworden sind, die bei der Erhebung der Konsensschätzungen noch keine Rolle gespielt hatten.
Jetzt fehlt ein Kurstreiber wie "KI"
Dazu ist die Künstliche Intelligenz (KI) als globaler Kurstreiber entfallen. Der massive globale Zinsanstieg hat auch dem Letzten vor Augen geführt, dass die Kosten für Investitionen in KI-Infrastruktur beim Endkunden wohl nie wieder eingespielt werden können. "Pfeifen im Wald" ist an den US-Börsen die derzeit dominierende Anlagestrategie. Dort versichern sich die "Tech Bros" gegenseitig, dass die Investitionen ja weiterlaufen.
Gerne übersehen wird dabei, dass nun selbst Meta zum ersten Mal einen negativen Cashflow ausgewiesen hat. Bereits bei den letzten Quartalszahlen war das der Google-Mutter Alphabet passiert. Auch den Groß-Investoren geht also das Geld aus, auf den KI-Investitionen ist der Deckel drauf. Je weiter die Renditen steigen, desto größer wird das Problem.
Hoffen auf etwas Klarheit von der Fed
Von der Zinsentscheidung der US-Notenbank erhoffen sich Anleger daher zumindest Klarheit auf kurze Sicht an der Zinsfront. Der neue Fed-Chef Kevin Warsh hatte die Unsicherheit selbst erzeugt durch seinen Verzicht auf eine Forward Guidance. Umso höher wird daher das Gewicht seiner Worte am Mittwoch sein.
Dazu kommt der Sonderfall der US-Zwischenwahlen am 3. November. Um dem Eindruck einer politischen Einflussnahme zu entgehen, dürfte es keine Zinserhöhung geben. Trotz explodierender US-Inflation setzen aktuell 90 Prozent der Marktteilnehmer darauf, obwohl die US-Verbraucherpreise zuletzt mit 3,7 Prozent fast doppelt so stark wie das Inflationsziel der US-Notenbank von 2 Prozent stiegen. Die Inflationssorgen der Börse dürften daher mit den üblichen "falkenhaften Lippenbekenntnisen" gedämpft werden.
US-Wahlen, Iran und Ölpreis als Gesamtpaket
Die US-Wahlen hängen ohnehin als schwarze Wolke über den Börsen. Die Politik von US-Präsident Donald Trump dürfte bis dahin immer erratischer und unkalkulierbarer werden. Trump dürfte alles tun, um die Wahlen zu seinen Gunsten zu beeinflussen, heißt es am Markt. Schon die Anregung möglicher Ukraine-Gespräche mit Russlands Putin und Chinas Xi, allerdings ohne die Ukraine und Europa, machte dies deutlich.
Entsprechend werden auch alle Gerüchte in Richtung Iran für denkbar gehalten: Einen erneuten Angriff nach den Wahlen hat Trump bereits angekündigt, das US-Militär dürfte wie üblich widerspruchslos folgen. Der Ölpreis von fast 114 Dollar beim Brent preist das Kriegsrisiko schon ein.
Umgekehrt würde ein spontaner Frieden vor den Wahlen gut aussehen für Trump: Auch dies hält der Ölmarkt nicht für unmöglich und preist Öl mit Liefertermin im kommenden Frühjahr nur mit um die 95 Dollar. Marktteilnehmer sollten einfach auf "alles" gefasst sein. Bis dahin sorgt jede Änderung beim Ölpreis und den jeweiligen Länder-Renditen für unkalkulierbare Richtungswechsel an den Börsen.
EZB mit Frankreich im Blick
Die Inflationsdaten aus der Eurozone kommende Woche stehen daher genau im Fokus, vor allem mit Blick auf Frankreich und deren Lage nach den Unruhen. Die Rendite der 10-jährigen französischen Staatsanleihen sprang bereits über die gefürchtete 5-Prozent-Marke. Der Markt blickt daher mit Spannung auf die Aussagen von EZB-Präsidentin Christine Lagarde zu diesem Thema.
Eine Zinserhöhung von der EZB erwartet kaum jemand, obwohl die Inflation in der Eurozone in den kommenden Monaten auf "mindestens 4 Prozent" ansteigen dürfte, wie Ulrike Kastens, Europa-Volkswirtin des Vermögensverwalters DWS, sagt. Fragen zu Frankreich dürften die Pressekonferenz der EZB dominieren.
Dazu kommen noch viele weitere Notenbanken-Sitzungen rund um den Globus. Von Kanada, über Neuseeland bis zur Bank of Japan wird der Markt genau auf Inflations-Ausblicke achten. Mit Ifo-Konjunkturindex bis hin zu frischen Einkaufsmanager-Indizes aus China stehen auch noch die wichtigsten Konjunkturdaten an. Und auf Ebene der Einzelunternehmen tobt ohnehin die Berichtssaison. Anleger sollten sich angesichts dieser Flut an Risikofaktoren genau fragen, ob man aktuell unbedingt am Markt investiert sein muss.
Kontakt zum Autor: maerkte.de@dowjones.com
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