DJ MARKT-AUSBLICK/DAX geht optimistisch in US-Zwischenwahlen
Von Manuel Priego Thimmel
DOW JONES--Der DAX zeigt Stärke. Mit Notierungen von zeitweise über 26.000 Punkten ist das Allzeithoch wieder in Sichtweite gerückt. Der KI-arme Index ist von der Korrektur im Technologiesektor weitgehend verschont geblieben. Ein bislang insgesamt guter Verlauf der Berichtssaison für das dritte Quartal macht es möglich. Mit den US-Zwischenwahlen in der kommenden Woche rücken die geopolitischen Risiken aber wieder stärker in den Blick.
Erwartungsgemäß haben die US-Notenbank und die Europäische Zentralbank (EZB) auf ihren jüngsten Sitzungen das Leizinsniveau bestätigt. Aber es gilt, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die in der kommenden Woche anstehenden europäischen Verbraucherpreise für Oktober dürften mit voraussichtlich 3,8 Prozent einen weit über dem EZB-Ziel von 2 Prozent liegenden Inflationsdruck zeigen. An den Märkten wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eingepreist, dass beide Notenbanken die Leitzinsen im Dezember anheben werden.
Lagarde macht vorzeitig Platz
Die Geldpolitik war auf der EZB-Sitzung aber nur von untergeordneter Bedeutung. Im Fokus stand vielmehr der vorzeitige Abschied von EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Hintergrund dürfte sein, dass ein Nachfolger das Amt noch vor den französischen Präsidentschaftswahlen antreten kann. In Umfragen liegen die euro-kritischen Marine Le Pen und Jean-Luc Melenchon vorne. Deren Wahl könnte ein Erdbeben in der Eurozone und an den globalen Finanzmärkten auslösen.
Wie hochpolitisch die Märkte sind, könnten auch die in der kommenden Woche anstehenden US-Zwischenwahlen zeigen. Als ausgemacht gilt, dass die Demokraten das Repräsentantenhaus im Kongress gewinnen werden. Nun zeichnet sich aber ab, dass die Partei auch den Senat gewinnen könnte. Das birgt erhebliche Risiken für die Börsen, nicht zuletzt in einem Szenario, in dem die Republikaner den Wahlausgang wegen angeblichen Wahlbetrugs nicht anerkennen könnten.
Eine "lahme Ente" Trump könnte sein Heil in der Außenpolitik suchen
Aber selbst ohne "Wahlbetrug", bedarf es keiner großen Fantasie, sich Komplikationen für die Börsen auszumalen. Die Versuchung einer nach einem Demokraten-Sieg "lahmen Ente" Donald Trump sein Heil in außenpolitischen Abenteuern zu suchen, ist groß. Berichte über Vorbereitungen auf neue US-israelische Militärschläge gegen den Iran haben sich zuletzt verdichtet. Dass diese erfolgreicher sein werden darf bezweifelt werden. Ein weiterer Anstieg der Energiepreise könnte aber schmerzhaft werden.
Auch ohne außenpolitische Kapriolen äußern einige Strategen Bedenken angesichts eines möglichen Doppelsiegs der Demokraten. So könnten etwa die Proteste gegen den Bau von KI-Rechenzentren stark an Dynamik gewinnen, die in der Bevölkerung wegen des hohen Stromverbrauchs und der Umweltproblematik sehr unpopulär sind. Geringere KI-Investitionen kämen an der Börse aber nicht gut an, schon allein deswegen, weil der Sektor in der Zwischenzeit eine herausragende Rolle für die US-Wirtschaft spielt.
"Geteilte US-Regierungen" häufig günstig für Börsen
Die Commerzbank wendet aber ein, dass eine "geteilte Regierung", bei der die Partei des Präsidenten im Kongress nicht über eine Mehrheit verfügte, in den vergangenen 50 Jahren eher die Regel als die Ausnahme gewesen sei. Für die Kapitalmärkte seien das keine schlechte Zeiten gewesen, da extremen ideologischen Ansätzen der Boden entzogen worden sei. Der S&P-500 sei seit 1969 im Schnitt bei einem "Divided Government" mit 9 Prozent im Jahr stärker gestiegen, bei einem "Unified Government" nur 5 Prozent.
Dass sich der DAX trotz aller politischen Unsicherheiten so wacker schlägt, liegt vor allem am soliden Verlauf der Berichtssaison. Die Korrektur im Technologiesektor perlt am KI-armen DAX bislang ab, macht die deutschen Blue Chips für einige Anleger sogar wieder interessanter. Klar ist, dass ein Crash im KI-Universum oder ein neuer Schlagabtausch im Nahen Osten, den DAX mit nach unten reißen würde genauso wie eine französische Schuldenkrise. Aber vielleicht kommt ja alles auch ganz anders.
Kontakt zum Autor: maerkte.de@dowjones.com
DJG/mpt/ros
(END) Dow Jones Newswires
October 30, 2026 07:50 ET (11:50 GMT)
Copyright (c) 2026 Dow Jones & Company, Inc.
