KIEW/MOSKAU (dpa-AFX) - Bei einem Großangriff hat Russland die Ukraine massiv mit Raketen, Marschflugkörpern und Kampfdrohnen beschossen. Allein bei einem Treffer auf ein Krankenhaus in der ostukrainischen Großstadt Charkiw wurden nach Angaben der regionalen Staatsanwaltschaft mindestens 73 Menschen verletzt. 226 Patienten mussten in andere Kliniken verlegt werden.
Schwer getroffen wurde auch die südukrainische Großstadt Dnipro, in der bis zum Vormittag ein Toter und 17 Verletzte gezählt wurden. Dort wurde ebenfalls eine medizinische Einrichtung beschädigt, in der gerade 100 Menschen behandelt wurden, wie Gouverneur Olexander Hanscha berichtete.
Selenskyj: Angriff am Tag der US-Wahl
"Es sagt viel aus, dass dies am Tag der Kongresswahl in den USA passiert", schrieb der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf der Plattform X. "Die Russen glauben, dass die Amerikaner dieses Signal übersehen werden. Aber solcher Terror muss wahrgenommen und beendet werden." Am Montagabend hatte Selenskyj vor einem kommenden Großangriff gewarnt.
Hauptziel der Angriffe waren indes nach übereinstimmenden Angaben aus Kiew wie aus Moskau Energieanlagen der Ukraine. Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, es seien gezielt Wärmekraftwerke in den Gebieten Winnyzja, Dnipropetrowsk und Charkiw sowie mehrere Umspannwerke getroffen worden. Der private ukrainische Versorger DTEK teilte mit, drei seiner Kraftwerke könnten keinen Strom mehr produzieren.
Abwehrkampf gegen Raketen und Marschflugkörper
Nach Zählung der ukrainischen Luftwaffe setzte die russische Armee mehrere ballistische Raketen vom Typ Iskander-M und Zirkon, 59 Marschflugkörper verschiedener Typen und 289 Kampfdrohnen ein. Es seien 3 Raketen, 49 Marschflugkörper und 257 Drohnen abgefangen worden. Diese Militärangaben sind im Detail nicht überprüfbar, geben aber einen Eindruck vom Ausmaß der Angriffe.
Nach dem verheerenden russischen Luftangriff auf den Ort Komyschuwacha bei Saporischschja vom Montag wurden immer noch 48 Menschen vermisst, wie Gouverneur Mychajlo Semikin mitteilte. Die Zahl der gefundenen Toten stieg von 26 auf 29. In der frontnahen Ortschaft hatten sich Menschen an einer Schule versammelt, um humanitäre Hilfe zu empfangen, als Bomben einschlugen.
Ukrainische Drohnen treffen Raffinerie
Ihrerseits griff die Ukraine in der Nacht das russische Hinterland mit großen Drohnenschwärmen an. Das russische Militär teilte mit, es seien 856 feindliche Drohnen abgefangen worden. Auch diese Angabe ist nicht überprüfbar, es ist aber eine der höchsten jemals gemeldeten Zahlen.
Ein Schwerpunkt der Angriffe war die Stadt Jaroslawl etwa 250 Kilometer nordöstlich von Moskau. Dort gab es nach Angaben von Gouverneur Michail Jewrajew Schäden an der örtlichen Raffinerie, die zu den größten in Russland zählt. Die Ukraine hat sie schon mehrmals angegriffen. Zwei Mitarbeiter der Raffinerie seien verletzt worden. Für die Hauptstadt Moskau bedeutete der ukrainische Großangriff, dass an allen vier Flughäfen der Betrieb eingestellt oder eingeschränkt werden musste.
In dem seit mehr als viereinhalb Jahren dauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zeichnet sich keine Lösung ab, auch wenn beide Seiten kommende Woche ab Dienstag unter US-Vermittlung in Abu Dhabi weiter verhandeln werden. Die Gespräche sollen sich laut dem US-Sondergesandten Steve Witkoff um Sicherheitsvereinbarungen für die Zeit nach dem Krieg, Deeskalation, humanitäre Hilfsmaßnahmen und die nächsten Schritte auf dem Weg zum Frieden drehen, hieß es./fko/DP/stk
