KIEW (dpa-AFX) - Nach Krawallen nahe einem provisorischen Militärgefängnis bei Kiew geht die ukrainische Justiz dem Verdacht der Misshandlung festgenommener Deserteure nach. Ermittelt werde, ob Militärangehörige ihre Befugnisse überschritten haben, teilte das Nationale Ermittlungsbüro in Kiew mit. Der Leiter des Präsidialamtes der Ukraine, Kyrylo Budanow, sprach aber auch von Hinweisen auf eine versuchte Gefangenenbefreiung.
Junge Männer schlagen auf Polizeibus ein
Am Vortag hatten Hunderte Menschen im Vorort Petropawliwska Borschtschahiwka den Militärstützpunkt in einem Privathaus belagert. Videos zeigten, wie aufgebrachte junge Männer auf einen Polizeibus einschlugen und ihn umzustürzen versuchten. Rauchbomben und Eier wurden geworfen. Auf Aufnahmen des öffentlich-rechtlichen Senders Suspilne waren Warnschüsse zu hören. Zur Beruhigung der Menge begab sich Budanow in den Ort am westlichen Stadtrand von Kiew.
Nach Angaben des Kommandeurs der Nationalgarde, Olexander Piwnenko, dient das Haus als provisorische Kaserne. Dort würden die Dokumente eingezogener Soldaten und Fahnenflüchtiger überprüft, um sie anschließend auf ein Übungsgelände zu schicken.
Verwandte forderten Freilassung von Gefangenen
Auslöser des Aufruhrs war nach Medienberichten ein nicht überprüfbares Video eines Inhaftierten, der über Bauchschmerzen klagte und deutliche Spuren von Prügel zeigte. Verwandte forderten seine Freilassung, was Internetvideos zufolge zu einer Menschenansammlung führte. Vier Männer, darunter ein Schwerverletzter, wurden auf den Druck der Menschenmenge in ein Krankenhaus gebracht. Mehr als ein Dutzend weitere Gefängnisinsassen wurden an einen anderen Ort verlegt.
Die Zwangsrekrutierung von Männern auf der Straße ist in der ukrainischen Bevölkerung extrem unbeliebt. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Reformen angekündigt, an der Praxis hat sich aber wenig geändert. Seit dem russischen Einmarsch vom Februar 2022 gilt in der Ukraine das Kriegsrecht, eine Mobilmachung wurde angeordnet./ast/DP/zb
