BOCHUM (dpa-AFX) - Der Wohnimmobilienkonzern Vonovia hält die Vergesellschaftungspläne einer möglichen rot-grün-roten Regierungskoalition in Berlin weiterhin für untauglich zur Bekämpfung der Wohnraumknappheit. Eine Vergesellschaftung schaffe keine einzige zusätzliche Wohnung, sagte Vonovia-Vorstandschef Luka Mucic bei der Vorstellung der Quartalszahlen in Bochum. "Schon allein die Debatte darüber schwächt das Vertrauen in Eigentum, Investitionen und in den Standort Deutschland insgesamt."
"Mit den richtigen Standortbedingungen und privaten Investitionen können wir (...) auch die Probleme lösen, die die Debatte über Vergesellschaftung überhaupt erst ausgelöst haben", sagte Mucic weiter. In Deutschland fehlten rund 1,4 Millionen Wohnungen. "Viele Menschen suchen verzweifelt ein Zuhause und dieses Problem ist in der Tat echt. Aber dagegen hilft nur: Wir müssen mehr bauen und investieren."
In Berlin biete Vonovia Wohnungen für durchschnittlich 8,40 Euro pro Quadratmeter an. "Unsere Mieter in Berlin zahlen damit im Schnitt nur knapp über 500 Euro Kaltmiete. Auch bei einer Neuvermietung sind es durchschnittlich rund 670 Euro." Eine Vergesellschaftung verursache nicht nur hohe Kosten für die Übernahme der Wohnungen, denn danach müssten die Bestände auch dauerhaft instand gehalten und modernisiert werden. "Dafür braucht es Kapital, Personal und Erfahrung."
Vonovia ist Deutschlands größter Wohnimmobilienkonzern. Das Dax -Unternehmen besitzt allein in Berlin zusammen mit der Tochtergesellschaft Deutsche Wohnen gut 130.000 Wohnungen. Vonovia bewertet diesen Bestand nach Angaben von Finanzvorstand Philip Grosse mit gut 20 Milliarden Euro.
In einem Sondierungspapier vor den inzwischen begonnenen Koalitionsverhandlungen hatten die Parteien Linke, Grüne und SPD unter anderem vereinbart, im Kampf gegen "Mietabzocke" etwa 160.000 Wohnungen aus dem Besitz von fünf Konzernen zu vergesellschaften. Wirtschaftsverbände machen Front gegen die Pläne. Die schwarz-rote Bundesregierung will sie mit einem Gesetz stoppen.
Nachdem ein Gespräch mit der Linken vor einigen Wochen nicht zustande gekommen war, wiederholte Mucic seine Gesprächsbereitschaft. "Man sollte immer bereit sein, miteinander zu reden, und das sind wir nach wie vor, nur nicht in Form von einer politischen Inszenierung, sondern in Form eines konstruktiven und offenen und gerne auch kritischen, aber vertrauensvollen Austauschs", sagte er.
In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres profitierte Vonovia weiterhin von höheren Mieteinnahmen. Zudem entwickelte sich das Geschäft mit Zusatzdienstleistungen deutlich besser, wie der Dax-Konzern mitteilte. Weniger gut lief es hingegen beim Verkauf von Wohnungen und im Neubaugeschäft. Dort wirkten sich die in den letzten Monaten gestiegenen Zinsen aus. Der bereinigte Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) stieg um 3,3 Prozent auf knapp 2,2 Milliarden Euro.
"Die Nachfrage nach bezahlbaren und modernisierten Wohnungen ist unverändert hoch", sagte Mucic. Für die Vertriebssegmente bleibe das Umfeld jedoch schwierig. Höhere Finanzierungskosten bremsten den Fortschritt bei den Verkäufen. Das wirke sich auch auf die Ergebnisse in diesen Segmenten aus.
Finanzchef Grosse ergänzte: "Beim Verkauf von Eigentumswohnungen merken wir weiter, dass es eine große Zurückhaltung von vielen Käufern gibt." Das sei auch der Grund dafür, dass das Unternehmen sein angestrebtes Verkaufsvolumen nicht erreiche. "Aber wenn wir verkaufen, dann verkaufen wir zu guten Preisen."
Auch im Geschäftsfeld Development bleibe das Umfeld anspruchsvoll, sagte Grosse. Die Ergebnisse seien hier deutlich beeinflusst durch die schwache Nachfrage nach mittel- und höherpreisigen Neubauten. Die Unsicherheiten hätten durch die Krise im Nahen Osten noch einmal zugenommen. Die Finanzierungen seien teurer geworden.
Vonovia gehörten Ende September rund 527.500 Wohnungen in Deutschland, Schweden und Österreich. Der Konzern beschäftigte Ende September knapp 13.200 Menschen, 5,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Im Fokus steht bei Vonovia vor allem die Verschuldung, die deutlich reduziert werden soll. Bis Ende 2028 soll das Verhältnis zwischen der Kreditsumme und dem Wert der Immobilien, der sogenannte LTV, auf rund 40 Prozent sinken. Dazu investiere Vonovia gezielter und setze das Verkaufsprogramm konsequent fort, erläuterte Grosse. Ende September betrug der Verschuldungsgrad 46,1 Prozent.
Gleichzeitig will der Konzern sein Neubaugeschäft überprüfen. "Wir wollen Wohnungen für Menschen mit mittleren und niedrigen Einkommen bauen", erklärte der Finanzchef. Auf vielen Grundstücken finde derzeit aber kein Neubau statt. Zum einen passe das Baurecht häufig nicht, um bezahlbar zu bauen. Zum anderen seien die regulatorischen Anforderungen nach wie vor sehr hoch./tob/mne/mis




