DJ MARKT-AUSBLICK/DAX schafft Befreiungsschlag - Reformpaket sei dank
Von Manuel Priego Thimmel
Es ist geschafft. Der DAX hat das bisherige Allzeithoch von 25.508 Punkten überzeugend geknackt. Nachdem der Iran-Krieg für die Märkte in den vergangenen Wochen zunehmend an Bedeutung verloren hat, war es das von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte Reformprogramm, welches neue Hochs ermöglichte. Der DAX hat nun gute Chancen, weiter zu laufen. Der Ölpreis ist in der Zwischenzeit auf die Niveaus vor Ausbruch des Kriegs im Nahen Osten gefallen, die Inflation dürfte bald folgen. Das nimmt Druck von den Zentralbanken, die Zinsen anzuheben. Die Aufmerksamkeit richtet sich nun auf die bald beginnende Berichtssaison, diese könnte den Börsen neue Unterstützung liefern.
Nach Einschätzung der Deutschen Bank hat die Regierung nicht nur eines ihrer wichtigsten Wahlversprechen eingelöst - die steuerliche Entlastung von Gering- und Mittelverdienern -, sondern auch ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt, sich auf wichtige Strukturreformen zu einigen, darunter Anpassungen des Rentensystems und mehr Flexibilität im Arbeitsrecht. "Das Reformpaket zeigt, dass beide Koalitionspartner kompromissbereit waren und die Regierung Strukturreformen auf den Weg bringt, die bis zum Jahresende umgesetzt werden sollen. Dies dürfte sich positiv auf die Stimmung auswirken und deckt sich mit unserer Prognose, dass das Wachstum in der zweiten Jahreshälfte anziehen wird", so die Analysten. Berenberg schätzt, dass das deutsche Trendwachstum auf 0,7 von 0,4 Prozent steigen könnte.
"Derzeit herrscht an der Börse eine Mischung aus KI-Euphorie und Konjunkturoptimismus vor", heißt es bei CMC. Zwar hat der DAX auf der KI-Seite vergleichsweise wenig zu bieten, profitiert aber von einem wieder steigenden Konjunkturoptimismus. Anleger fokussierten sich auch deshalb seit einigen Tagen wieder verstärkt auf die zyklischen Branchen und griffen bei Aktien von BASF, BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen zu, so CMC. "Die Hoffnung auf eine Stabilisierung der deutschen Konjunktur in Kombination mit wieder fallenden Energiepreisen lässt die konjunktursensitiven Sektoren in einem positiveren Licht erscheinen."
Die in der kommenden Woche anstehenden Wirtschaftsdaten laufen der Entwicklung noch hinterher. Die Mai-Zahlen für die Auftragseingänge der deutschen Industrie werden nach Einschätzung der Commerzbank noch zeigen, wie stark die Verunsicherung durch den Iran-Krieg und die höheren Energiepreise die Geschäfte gebremst haben. Die Analysten rechnen mit einem Rückgang um 1 Prozent, ein weiteres Indiz dafür, dass die um die Jahreswende zu erkennende moderate Belebung der Konjunktur erst einmal unterbrochen wurde. "Mit dem in den vergangenen Wochen deutlich gefallenen Ölpreis sind aber die Chancen gestiegen, dass Wirtschaft im weiteren Verlauf dieses Jahres wieder zulegen wird", heißt es.
Positive Impulse für die Börsen könnte aber bereits die in Kürze beginnende Berichtssaison liefern. Denn das Gewinnwachstum in Europa dürfte sich im zweiten Quartal laut den Konsensschätzungen am Markt auf 12 Prozent im Jahresvergleich beschleunigt haben. Die Deutsche Bank erwartet sogar ein Gewinnwachstum von 14 Prozent. Diese Dynamik werde zwar stark vom Energiesektor getrieben, während das zugrunde liegende Wachstum ohne Energie voraussichtlich im mittleren einstelligen Prozentbereich bleiben werde. Für das Gesamtjahr 2026 bewegten sich die Gewinnrevisionen aber leicht nach oben und hätten sich zudem auf zyklische Sektoren ausgeweitet, während die Konsumsektoren vorerst unter Druck blieben.
Die USA könnten laut den Analysten zwar erneut eine sehr starke Berichtssaison erleben, so die Deutsche Bank weiter. "Nach dem hervorragenden ersten Quartal liegt die Messlatte für eine ähnlich starke Saison jedoch hoch. Wir gehen davon aus, dass sich die Kluft beim Gewinnwachstum zwischen den USA und Europa ab dem zweiten Quartal verringern und sich im vierten Quartal schließen könnte." Die Analysten haben daher jüngst ihre Präferenz für US- gegenüber europäischen Aktien beendet, unter anderem aufgrund der voraussichtlichen Verringerung dieser Kluft beim Gewinnwachstum.
Auch charttechnisch steht die DAX-Börsenampel auf grün. "Das Aktienbarometer hat (...) den Deckel der letzten Monate endlich gelüftet", so HSBC. Die Bedeutung des aktuellen Vorstoßes in "uncharted territory" könne nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wenn man die Kursentwicklung seit Anfang Juni als sogenanntes 1-2-3-Tief interpretiere, dann ergebe sich daraus ein Anschlusspotenzial von 1.130 Punkten. "Perspektivisch führt diese Formation somit zu einem Kursziel von rund 26.300 Punkten. Unter Tradinggesichtspunkten kann der Stop-Loss auf die Ausbruchsmarken bei 25.500 Punkten nachgezogen werden." Eher strategische Absicherungen bestehen in Form der 50-Tagelinie bzw. der 200-Periodenglättung bei 24.657 und 24.265 Punkten.
Was kann schief gehen? Das Hauptrisiko bleibt der Nahe Osten. Wenngleich nicht perfekt, so hat die zwischen dem Iran und den USA vereinbarte Waffenruhe doch bislang weitgehend gehalten. Das zeigt vor allem der deutliche Anstieg der Containertransfers durch die Straße von Hormus in den vergangenen Tagen. Niemand weiß, wie es nach dem Ende des 60-tägigen Waffenstillstands weitergehen wird. Die Verhandlungen über heikle Punkte wie das iranische Atomprogramm verlaufen zwar nur stockend. Aber beide Länder haben ein Interesse an einem Ende des Konflikts. US-Präsident Donald Trump braucht mit Blick auf die Zwischenwahlen im November niedrigere Energiepreise, während der Iran eine Lockerung der Sanktionen möchte, auch um langfristig eigenes Öl an den Weltmärkten zu verkaufen.
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