Wien (ots) -
DIE AUSSTELLUNG PRÄSENTIERT - SEITE AN SEITE - AUSGEWÄHLTE MEISTERWERKE DES MALERS BOECKL UND DES BILDHAUERS JOSEPHSOHN
In der dialogisch konzipierten Ausstellung
Herbert Boeckl / Hans Josephsohn. Archetypen des Figuralen
werden erstmals Werke von zwei bedeutenden Vertretern der Moderne, dem österreichischen Maler Herbert Boeckl (1894-1966) und dem Schweizer Bildhauer Hans Josephsohn (1920-2012), gegenübergestellt. Anhand von mehr als 80 Objekten aus den Bereichen Malerei, Skulptur und Grafik präsentiert die Schau eine spannungsreiche Auseinandersetzung über Form, Figur, Material und Fragen der menschlichen Existenz.
"Das Aufeinandertreffen zweier in so unterschiedlichen Kategorien arbeitender Künstler bedeutet, einen experimentellen Vorgang einzuleiten, mit der Intention, neue Erkenntnisse der jeweils anderen künstlerischen Position zu gewinnen. Dieser wahlverwandtschaftliche Dialog eröffnet assoziative Interpretationsräume und ermöglicht ein Einlassen auf neue formale wie inhaltliche Perspektiven, vor allem aber auch die Auseinandersetzung mit dem Bestreben das flüchtige menschliche Dasein in eine bleibende, universelle und zeitlose Form zu transformieren."
Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museum und Kurator der Ausstellung
Diese außergewöhnliche Gegenüberstellung, am Schnittpunkt von Malerei und Bildhauerkunst, eröffnet die Möglichkeit das Oeuvre von zwei herausragenden Kunstschaffenden aus einem völlig neuen Blickwinkel zu betrachten. Das zeitlebens von Gegenständlichkeit bestimmte Werk beider Künstler befruchtet sich gegenseitig, trotz historischer, räumlicher und kultureller Unterschiede. Für Boeckl wie Josephsohn bildete das persönliche Umfeld und das konkrete Gegenüber die Basis ihres künstlerischen Wirkens. Boeckls wichtigste Muse war seine Frau Maria, die ihm häufig auch als Modell zur Verfügung stand. Josephsohn bevorzugte ebenfalls ihm nahestehende Menschen als inspirierende Modelle, so etwa seine erste Frau Mirjam Abeles, seine Partnerin Ruth Jacob und seine zweite Frau Verena Wunderlin. Darüber hinaus beschäftigte er sich mit der Darstellung von Freund*innen oder von Menschen, die sein Interesse weckten, wie etwa der Arbeiter Ernst Baumann. Beide Künstler ließen sich nicht von Trends und Moden des Kunstbetriebs beeinflussen. Während Boeckl Teil des Kunstnetzwerkes seiner Zeit war, blieb Josephsohn als Künstler ein Einzelgänger. Erst im Jahr 2000 nahm eine Galerie den zu dieser Zeit bereits 80-jährigen Künstler ins Programm auf. Heute gilt Hans Josephsohn neben Alberto Giacometti als zweiter bedeutender Plastiker der Schweiz.
Archaik als Referenz
Die Ausstellungsobjekte - Gemälde und Arbeiten auf Papier von Boeckl und mit diesen in Beziehung gesetzte Skulpturen in Gips und Messing von Josephsohn - ergeben einen Zusammenklang von Werken, der voller überraschender formalästhetischer Analogien ist. Beide Künstler bedienen sich einer Rezeptionsästhetik, die von vormodernen, antiken und mittelalterlichen Bildprogrammen inspiriert ist. Josephsohn beschäftigte sich in den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren intensiv mit der Reduktion der menschlichen Figur. Ausgehend vom Modell vereinfachte er den Körper zu einer kompakten, blockhaften Form. Die archaisch anmutenden, stelenhaft reduzierten Figuren rufen Assoziationen zu ägyptischen, griechischen und etruskischen Skulpturen hervor.
Wirkung von Farbe und Form
Obwohl formale Bezüge zu Schiele und Kokoschka erkennbar sind, emanzipierte sich Boeckl ab 1920 zunehmend durch eine ausgeprägte "Elementarwirkung der Farbe", wie es der Kunsthistoriker Fritz Novotny formulierte. Sowohl Boeckl als auch Josephsohn schätzten die Werke von Cezanne und die Skulpturen des Bildhauers Aristide Maillol, insbesondere die Reduktion auf die formale Geschlossenheit des menschlichen Körpers. So wie sich bei Boeckl die Konturen verflüchtigten, löste sich auch bei Josephsohns Skulpturen die Form nach und nach auf. Zwischen beiden Künstlern zeigen sich immer wieder faszinierende Analogien: Während Boeckls Landschaften wie Körper wirken, erscheinen Josephsohns liegende Skulpturen wie monumentale Bergformationen.
Farbmassen und Überformungen
Ein radikaler Spät-Expressionismus manifestiert sich in Boeckls Schlüsselwerk Gruppe am Waldrand (1920) aus der Sammlung des Leopold Museum, in dem sich der Künstler zusammen mit seiner jungen Frau Maria darstellte. Seine Gemälde dieser Zeit muten durch den extrem dicken Farbauftrag reliefartig an. Während Boeckl in seinen Bildern Farbmassen aufschichtete, überformte Josephsohn die menschliche Anatomie in seinen Skulpturen. Boeckl begriff die Farbpaste wie eine plastische Masse, brachte sie teils direkt aus der Tube auf den Bildträger auf und modellierte die Figuren. Josephsohn agierte ähnlich beim Aufbau seiner dreidimensionalen Kompositionen, die er als Gipsmodelle in seinem Atelier in Zürich kreierte. Im Porträt Josef von Wertheimstein (1921), seinem vielleicht radikalsten Bildnis, reduzierte Boeckl den Dargestellten auf wenige bildgebende Elemente. Die Figur tritt aus dem Dunkel des pastosen Bildgrundes hervor als wäre sie der zähen Grundsubstanz des Urschlamms entstiegen. Auch Josephsohn konzentriert sich nicht auf die reale Wiedergabe einer Person, sondern auf das ganzheitliche Erfassen eines Gegenübers.
Suche nach neuer visueller Sprache
Nach den unsäglichen Schrecken des Zweiten Weltkriegs stand auch die Kunstwelt vor einem Trümmerfeld, das traditionelle Darstellungsformen verunmöglichte. Boeckl begann nach dieser Menschheitskatastrophe mit seinen "Metamorphosen" eine neue Schaffensphase. Unter dem Eindruck abstrakter Experimente sucht er nach einer neuen visuellen Sprache und zerlegte die Bildgegenstände systematisch in farbige Flächen und Flecken. Josephsohn schuf zwischen 1951 und 1953, ausgelöst durch den Koreakrieg, stark abstrahierte und geometrisch reduzierte Flachreliefs, die persönliche Traumatisierungen aus dem Zweiten Weltkrieg wachrufen. In seinem Spätwerk begann Josephsohn erneut einen Abstraktionsprozess. Statt seine Figuren zu reduzieren, überformte er sie durch den gezielten Aufbau von Material. Anatomische Details, individuelle Merkmale und natürliche Proportionen treten zugunsten einer archetypischen Formensprache zurück.
Zeitlose Form
Erinnerung, Begegnung und flüchtige Momente tiefen Erkennens verdichten sich im Werk beider Künstler zu einer zeitlosen Form. Die Lebenswege Boeckls und Josephsohns wurden von den tiefgreifenden Umbrüchen des 20. Jahrhunderts geprägt. Boeckl erlebte als junger Mann die Schrecken des Ersten Weltkriegs, Josephsohn musste als Sohn jüdischer Eltern, die im Konzentrationslager ermordet wurden, vor der nationalsozialistischen Verfolgung über Italien in die Schweiz fliehen. Auch wenn Josephsohn eine biografische Deutung seines Werks im Kontext der Shoa stets ablehnte, hinterließen Krieg, Verlust und existenzbedrohende Erlebnisse bei ihm wie auch bei Boeckl tiefe Spuren.
Katalog zur Ausstellung
Zu der von Leopold Museum-Direktor Hans-Peter Wipplinger kuratierten Ausstellung ist im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln ein umfangreicher Katalog in deutscher und englischer Sprache erschienen, mit Beiträgen von Matthias Boeckl, Lili-Vienne Debus, Ulrich Meinherz und Hans-Peter Wipplinger.
Kurator: Hans-Peter Wipplinger
HERBERT BOECKL / HANS JOSEPHSOHN
ARCHETYPEN DES FIGURALEN
24.07.2026-10.01.2027 I EBENE -1
LINK ZUR WEBSITE DER AUSSTELLUNG:
leopoldmuseum.org/boeckl-josephsohn (https://www.leopoldmuseum.org/de/ausstellungen/digitale-ausstellungen/boeckl-josephsohn/de)
Presseunterlagen und Bildmaterial (https://www.leopoldmuseum.org/de/presse/presseunterlagen/1455/HERBERT-BOECKL--HANS-JOSEPHSOHN)
Fotogalerie der Ausstellungseröffnung (https://www.apa-fotoservice.at/galerie/39707)
Weitere Bilder in der APA-Fotogalerie (https://www.apa-fotoservice.at/galerie/39707)
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DIE AUSSTELLUNG PRÄSENTIERT - SEITE AN SEITE - AUSGEWÄHLTE MEISTERWERKE DES MALERS BOECKL UND DES BILDHAUERS JOSEPHSOHN
In der dialogisch konzipierten Ausstellung
Herbert Boeckl / Hans Josephsohn. Archetypen des Figuralen
werden erstmals Werke von zwei bedeutenden Vertretern der Moderne, dem österreichischen Maler Herbert Boeckl (1894-1966) und dem Schweizer Bildhauer Hans Josephsohn (1920-2012), gegenübergestellt. Anhand von mehr als 80 Objekten aus den Bereichen Malerei, Skulptur und Grafik präsentiert die Schau eine spannungsreiche Auseinandersetzung über Form, Figur, Material und Fragen der menschlichen Existenz.
"Das Aufeinandertreffen zweier in so unterschiedlichen Kategorien arbeitender Künstler bedeutet, einen experimentellen Vorgang einzuleiten, mit der Intention, neue Erkenntnisse der jeweils anderen künstlerischen Position zu gewinnen. Dieser wahlverwandtschaftliche Dialog eröffnet assoziative Interpretationsräume und ermöglicht ein Einlassen auf neue formale wie inhaltliche Perspektiven, vor allem aber auch die Auseinandersetzung mit dem Bestreben das flüchtige menschliche Dasein in eine bleibende, universelle und zeitlose Form zu transformieren."
Hans-Peter Wipplinger, Direktor des Leopold Museum und Kurator der Ausstellung
Diese außergewöhnliche Gegenüberstellung, am Schnittpunkt von Malerei und Bildhauerkunst, eröffnet die Möglichkeit das Oeuvre von zwei herausragenden Kunstschaffenden aus einem völlig neuen Blickwinkel zu betrachten. Das zeitlebens von Gegenständlichkeit bestimmte Werk beider Künstler befruchtet sich gegenseitig, trotz historischer, räumlicher und kultureller Unterschiede. Für Boeckl wie Josephsohn bildete das persönliche Umfeld und das konkrete Gegenüber die Basis ihres künstlerischen Wirkens. Boeckls wichtigste Muse war seine Frau Maria, die ihm häufig auch als Modell zur Verfügung stand. Josephsohn bevorzugte ebenfalls ihm nahestehende Menschen als inspirierende Modelle, so etwa seine erste Frau Mirjam Abeles, seine Partnerin Ruth Jacob und seine zweite Frau Verena Wunderlin. Darüber hinaus beschäftigte er sich mit der Darstellung von Freund*innen oder von Menschen, die sein Interesse weckten, wie etwa der Arbeiter Ernst Baumann. Beide Künstler ließen sich nicht von Trends und Moden des Kunstbetriebs beeinflussen. Während Boeckl Teil des Kunstnetzwerkes seiner Zeit war, blieb Josephsohn als Künstler ein Einzelgänger. Erst im Jahr 2000 nahm eine Galerie den zu dieser Zeit bereits 80-jährigen Künstler ins Programm auf. Heute gilt Hans Josephsohn neben Alberto Giacometti als zweiter bedeutender Plastiker der Schweiz.
Archaik als Referenz
Die Ausstellungsobjekte - Gemälde und Arbeiten auf Papier von Boeckl und mit diesen in Beziehung gesetzte Skulpturen in Gips und Messing von Josephsohn - ergeben einen Zusammenklang von Werken, der voller überraschender formalästhetischer Analogien ist. Beide Künstler bedienen sich einer Rezeptionsästhetik, die von vormodernen, antiken und mittelalterlichen Bildprogrammen inspiriert ist. Josephsohn beschäftigte sich in den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren intensiv mit der Reduktion der menschlichen Figur. Ausgehend vom Modell vereinfachte er den Körper zu einer kompakten, blockhaften Form. Die archaisch anmutenden, stelenhaft reduzierten Figuren rufen Assoziationen zu ägyptischen, griechischen und etruskischen Skulpturen hervor.
Wirkung von Farbe und Form
Obwohl formale Bezüge zu Schiele und Kokoschka erkennbar sind, emanzipierte sich Boeckl ab 1920 zunehmend durch eine ausgeprägte "Elementarwirkung der Farbe", wie es der Kunsthistoriker Fritz Novotny formulierte. Sowohl Boeckl als auch Josephsohn schätzten die Werke von Cezanne und die Skulpturen des Bildhauers Aristide Maillol, insbesondere die Reduktion auf die formale Geschlossenheit des menschlichen Körpers. So wie sich bei Boeckl die Konturen verflüchtigten, löste sich auch bei Josephsohns Skulpturen die Form nach und nach auf. Zwischen beiden Künstlern zeigen sich immer wieder faszinierende Analogien: Während Boeckls Landschaften wie Körper wirken, erscheinen Josephsohns liegende Skulpturen wie monumentale Bergformationen.
Farbmassen und Überformungen
Ein radikaler Spät-Expressionismus manifestiert sich in Boeckls Schlüsselwerk Gruppe am Waldrand (1920) aus der Sammlung des Leopold Museum, in dem sich der Künstler zusammen mit seiner jungen Frau Maria darstellte. Seine Gemälde dieser Zeit muten durch den extrem dicken Farbauftrag reliefartig an. Während Boeckl in seinen Bildern Farbmassen aufschichtete, überformte Josephsohn die menschliche Anatomie in seinen Skulpturen. Boeckl begriff die Farbpaste wie eine plastische Masse, brachte sie teils direkt aus der Tube auf den Bildträger auf und modellierte die Figuren. Josephsohn agierte ähnlich beim Aufbau seiner dreidimensionalen Kompositionen, die er als Gipsmodelle in seinem Atelier in Zürich kreierte. Im Porträt Josef von Wertheimstein (1921), seinem vielleicht radikalsten Bildnis, reduzierte Boeckl den Dargestellten auf wenige bildgebende Elemente. Die Figur tritt aus dem Dunkel des pastosen Bildgrundes hervor als wäre sie der zähen Grundsubstanz des Urschlamms entstiegen. Auch Josephsohn konzentriert sich nicht auf die reale Wiedergabe einer Person, sondern auf das ganzheitliche Erfassen eines Gegenübers.
Suche nach neuer visueller Sprache
Nach den unsäglichen Schrecken des Zweiten Weltkriegs stand auch die Kunstwelt vor einem Trümmerfeld, das traditionelle Darstellungsformen verunmöglichte. Boeckl begann nach dieser Menschheitskatastrophe mit seinen "Metamorphosen" eine neue Schaffensphase. Unter dem Eindruck abstrakter Experimente sucht er nach einer neuen visuellen Sprache und zerlegte die Bildgegenstände systematisch in farbige Flächen und Flecken. Josephsohn schuf zwischen 1951 und 1953, ausgelöst durch den Koreakrieg, stark abstrahierte und geometrisch reduzierte Flachreliefs, die persönliche Traumatisierungen aus dem Zweiten Weltkrieg wachrufen. In seinem Spätwerk begann Josephsohn erneut einen Abstraktionsprozess. Statt seine Figuren zu reduzieren, überformte er sie durch den gezielten Aufbau von Material. Anatomische Details, individuelle Merkmale und natürliche Proportionen treten zugunsten einer archetypischen Formensprache zurück.
Zeitlose Form
Erinnerung, Begegnung und flüchtige Momente tiefen Erkennens verdichten sich im Werk beider Künstler zu einer zeitlosen Form. Die Lebenswege Boeckls und Josephsohns wurden von den tiefgreifenden Umbrüchen des 20. Jahrhunderts geprägt. Boeckl erlebte als junger Mann die Schrecken des Ersten Weltkriegs, Josephsohn musste als Sohn jüdischer Eltern, die im Konzentrationslager ermordet wurden, vor der nationalsozialistischen Verfolgung über Italien in die Schweiz fliehen. Auch wenn Josephsohn eine biografische Deutung seines Werks im Kontext der Shoa stets ablehnte, hinterließen Krieg, Verlust und existenzbedrohende Erlebnisse bei ihm wie auch bei Boeckl tiefe Spuren.
Katalog zur Ausstellung
Zu der von Leopold Museum-Direktor Hans-Peter Wipplinger kuratierten Ausstellung ist im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln ein umfangreicher Katalog in deutscher und englischer Sprache erschienen, mit Beiträgen von Matthias Boeckl, Lili-Vienne Debus, Ulrich Meinherz und Hans-Peter Wipplinger.
Kurator: Hans-Peter Wipplinger
HERBERT BOECKL / HANS JOSEPHSOHN
ARCHETYPEN DES FIGURALEN
24.07.2026-10.01.2027 I EBENE -1
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leopoldmuseum.org/boeckl-josephsohn (https://www.leopoldmuseum.org/de/ausstellungen/digitale-ausstellungen/boeckl-josephsohn/de)
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Fotogalerie der Ausstellungseröffnung (https://www.apa-fotoservice.at/galerie/39707)
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