DJ MARKT-AUSBLICK/Warsh-Rede könnte zum wichtigsten Markttest vor dem Herbst werden
Von Manuel Priego Thimmel
DOW JONES--Die anstehende Eröffnungsrede von Kevin Warsh auf dem Zentralbankertreffen in Jackson Hole droht zum Drahtseilakt für den Vorsitzenden der US-Notenbank zu werden. Die Inflation liegt weit über dem Ziel von 2,0 Prozent, und die zuletzt auf Mehrdekadenhochs gestiegenen Marktzinsen an den Anleihemärkten beunruhigen die Anleger. Das US-Finanzministerium hat deshalb Käufe von Langläufern bekannt gegeben und stößt damit in ein Terrain vor, das eigentlich der Fed vorbehalten ist. Das könnte in Zukunft für Spannungen sorgen. Dennoch steht der DAX kurz vor neuen Allzeithochs. Das starke Gewinnwachstum der Unternehmen macht es möglich, auch scheint die deutsche Wirtschaft die Kurve gekriegt zu haben.
"Für Anleger könnte die Rede von Warsh zum wichtigsten Markttest vor dem Herbst werden", sagt Robert Greil, Chefstratege bei Merck Finck. Bei der Rede gehe es um mehr als den zukünftigen Zinspfad der US-Notenbank. Warsh müsse erklären, wie unabhängig, berechenbar und entschlossen die US-Notenbank in einem Umfeld agieren wolle, in dem die Inflation hartnäckig bleibe und die Staatsverschuldung hoch sei und immer weiter steige. "Besonders groß ist die Spannung, weil Warsh die Fed-Kommunikation bisher mit deutlich weniger Forward Guidance betrieben hat als seine Vorgänger. Gerade in der aktuellen Lage kann zu viel Unschärfe zum Problem werden", so Greil.
Mit klarer Zinsansage für September ist bei Warsh nicht zu rechnen
Für die Märkte dürften laut der Commerzbank insbesondere zwei Dinge im Fokus stehen. Erstens, wie klar äußert sich Warsh mit Blick auf eine mögliche Zinsanhebung im September? Und zweitens, macht er Andeutungen, dass die Fed vielleicht im Zuge der fünf Arbeitsgruppen die Art und Weise ändern könnte, auf welche Zahl sich das Inflationsziel der Fed bezieht? "Bei ersterem mache ich mir wenig Hoffnung. Warsh hat in den letzten Wochen deutlich gemacht, dass er nichts von Forward Guidance hält und daher gehe ich nicht davon aus, dass er dies nun bereits aufweichen wird, um irgendwelche Hinweise für den September zu geben", ist Analyst Volkmar Baur überzeugt. An den Märkten wird ein Zinsschritt im September mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 30 Prozent eingepreist.
Der zweite Punkt ist laut Baur durchaus interessanter. Denn auch wenn Warsh in den vergangenen Wochen immer wieder betont habe, dass das 2-Prozent-Ziel der Fed nicht verhandelbar sei, habe er in diesem Zuge nie ausdrücklich vom PCE-Deflator gesprochen. "Es könnte also sein, dass die Fed zumindest in Erwägung zieht, einen anderen Maßstab an die Inflation anzulegen. In diesem Zuge wurde in den letzten Wochen immer mal wieder die Trimmed Mean Inflation der Dallas Fed genannt. Und diese sieht für den Moment auch deutlich besser aus als der PCE Deflator. Ein solcher Hinweis würde Zinsanhebungserwartungen vermutlich im Keim ersticken und vom Markt als taubenhaft gewertet werden. Der US-Dollar könnte entsprechend unter Druck geraten", heißt es.
Zinsentscheidungen der Fed auch ein politisches Signal
Die Inflation hat seit Ausbruch des Irankriegs wegen der stark gestiegenen Energiepreise weltweit angezogen. Das dürften auch die in der kommenden Woche anstehenden August-Preisdaten für die Eurozone zeigen - diese werden bei deutlich über 3 Prozent erwartet. Zwar werden die Effekte der direkten Energiepreise wohl schrittweise nachlassen, ist die Commerzbank überzeugt, aber dafür werden zunehmend indirekte Effekte der hohen Energiepreise auf Lebensmittel und die Kernrate eine Rolle spielen. An den Märkten ist eine Zinserhöhung durch die EZB auf ihrer September-Sitzung um 25 Basispunkte denn auch fest eingepreist. Die meisten Analysten gehen davon aus, dass die EZB in der Folge stillhalten wird.
Anders die US-Notenbank. "Gemessen an den Fed Funds Futures preisen sie eine deutliche Wahrscheinlichkeit für eine Leitzinsanhebung bis Oktober ein. Wir rechnen vor den US-Zwischenwahlen, den 'Midterms', dagegen mit keinem Zinsschritt der Fed. Ein solcher Schritt würde der ohnehin stark unter Verschuldungsdruck stehenden US-Regierung und den Interessen der Trump-Administration klar zuwiderlaufen. Diesen frühen Bruch mit dem Präsidenten dürfte Warsh in seiner noch jungen Amtszeit zu verhindern versuchen", so Robert Greil von Merck Finck. Spannend wird in diesem Zusammenhang die Veröffentlichung der US-Arbeitsmarktdaten in der kommenden Woche. Es ist die letzte Lesung vor der Leitzinsentscheidung der US-Notenbank im September.
Anstieg der Unternehmensgewinne wiegt bislang stärker als hohe Renditen
Und dennoch kratzt der DAX am Rekordhoch. Der Hauptgrund hierfür sind die stark steigenden Unternehmensgewinne. "Langfristig ist die Gewinnentwicklung der wichtigste Treiber am Aktienmarkt", heißt es bei der DZ Bank. Dies überwiegt offenbar den starken Renditeanstieg an den Anleihemärkten - zumindest bislang. Fundamental positiv, gerade für den deutschen Aktienmarkt, sind derweil die Hinweise, dass die deutsche Wirtschaft offenbar die konjunkturelle Wende geschafft hat. "Haupttreiber des recht kräftigen Wachstums in den letzten drei Quartalen war eine stärkere Nachfrage aus dem Ausland, während die staatlichen Investitionen trotz Sondervermögen bisher noch nicht nachhaltig gestiegen sind", merkt die Commerzbank an.
Das Risiko durch die hohen Renditen bleibt allerdings erhalten. Bei Kapitalkosten von viereinhalb oder fünf Prozent ist nicht jedes Geschäftsmodell tragfähig, warnt die DZ Bank. Hinzu kommt die Frage, was der eigentliche Auslöser für das hohe Zinsniveau ist: Ist es die Erwartung zukünftig hoher Wachstumsraten, wäre dies begrüßenswert. Vielmehr steht aber zu befürchten, dass die hohen Marktzinsen vor allem die Sorgen der Anleger vor einer Überschuldung vieler Länder widerspiegeln. Niemand weiß, ab welchem Schuldeniveau die Anleger in Panik verfallen und Verwerfungen an den Finanzmärkten auslösen. Immerhin, dies würde sicherlich die Zentralbanken auf den Plan rufen. Aber auch hier steigen die Kosten - mit jeder Rettungsaktion muss die Liquiditäts-Dosis erhöht werden.
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August 28, 2026 05:56 ET (09:56 GMT)
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