
© Foto: Redaktion – mithilfe von KI generiertes Symbolbild
Bei Volkswagen geht es momentan drunter und drüber. Die negativen Schlagzeilen bestimmen das Gesamtbild des Autobauers derzeit. Vier Werke sollen schrittweise verschwinden, Zehntausende Jobs stehen auf der Kippe, und die Belegschaft macht ihrem Ärger mittlerweile ganz offen Luft. Am 4. September fällt im Aufsichtsrat eine Entscheidung, die über Jahre hinweg nachwirken könnte. Gleichzeitig zeigt sich die Aktie erstaunlich etwas freundlicher und hat sich von ihrem Tief bei 69,20 Euro ein paar Prozent erholt. Reicht das aber schon für eine nachhaltige und echte Trendwende, oder ist es nur eine Verschnaufpause vor dem nächsten Rückschlag? Wir werfen einen Blick auf die Lage und schauen uns nach Lösungen um.
Werksschließung und Widerstand
Volkswagen steckt mitten im größten Umbau seiner Geschichte. Vier deutsche Standorte, dazu gehören Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm, sollen bis 2034 schrittweise wegfallen. Bis zu 50.000 Stellen sind betroffen, die Hälfte davon in Deutschland. Der Vorstand kann das ohne Aufsichtsrat durchziehen, was den Streit mit Betriebsrat und Politik weiter anstachelt. Bei einer Betriebsversammlung buhten über 10.000 Beschäftigte Konzernchef Blume aus. Er selbst nennt die Lage "mehr als kritisch". Am 4. September soll der Aufsichtsrat über einen überarbeiteten Sparplan entscheiden. Die Arbeitnehmerseite hat bereits einen eigenen Gegenentwurf vorgelegt, der die Werksschließungen infrage stellt. Fachleute mahnen zur Eile, da die Sparprogramme branchenweit unvermeidbar seien. Nur wer schnell handle, könne sich wieder auf neue Modelle und Technologien konzentrieren, statt sich in der Kostendebatte zu verlieren.
Rettungsanker Rüstung?
Ausgerechnet die Waffenindustrie könnte VW aus der Patsche helfen. So denken zumindest einige Akteure. Für das kriselnde Werk in Osnabrück wird über eine Kooperation mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael spekuliert. Gebaut werden sollen dort Komponenten für das Luftabwehrsystem Iron Dome. Finanziell würde das den Konzern aber kaum spürbar entlasten, dafür ist der Auftrag schlicht zu klein. Trotzdem steckt darin eine größere Botschaft. Diese könnte lauten: VW-Werke müssen künftig nicht mehr zwingend nur Autos bauen. Wer seine Standorte flexibler nutzt, tut sich beim Umbau leichter und sichert gleichzeitig Industriearbeitsplätze hierzulande. Während die klassische Autosparte mit Absatzschwäche und Preisdruck kämpft, boomt die europäische Rüstungsbranche. Ein echter Befreiungsschlag für die Aktie wäre das Geschäft zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht. Dafür müsste Volkswagen vor allem eines liefern, nämlich dauerhaft niedrigere Kosten und eine spürbar bessere Marge im Kerngeschäft. Aber man merkt, dass man in der Krise gut beraten ist, in alle Richtungen zu denken. Vom Kopf her offen bleiben, nicht beschränkt und stur, könnte künftig Türen öffnen.

Charttechnik
Der Kurs hat sich von seinem jüngsten Tief bei unter 70 Euro bereits ein gutes Stück nach oben gearbeitet. Das sieht auf den ersten Blick nach etwas Entspannung aus, ist es aber nur bedingt. Denn der Puffer nach unten bleibt dünn. Schon zwei oder drei schwache Handelstage könnten ausreichen, um die Aktie wieder gefährlich nah an die alte Tiefmarke heranzuführen. Auf Jahressicht bleibt weiterhin ein deutliches Minus beim Aktienkurs bestehen. Der Abstand zum 52-Wochen-Hoch bleibt aber auf der anderen Seite groß. Ganz zu schweigen davon, dass die Aktie in 2024 bei fast 130 Euro stand. Kurzfristige Erholungsbewegungen wie zuletzt sind in einem solchen Umfeld keine Seltenheit, ändern aber wenig an der grundsätzlich schwachen und eher zerbrechlich wirkenden Lage. Erst ein nachhaltiger Ausbruch über die vor Monaten erreichten Kursniveaus bei über 95 Euro würde für etwas mehr Sicherheit sorgen. Auch der RSI liegt bei müden 46 Punkten. Nicht Fleisch nicht Fisch.
Was tun?
Ein einfaches Ja oder Nein gibt die aktuelle Lage leider so einfach dann doch nicht her. Operativ belastet der Gewinnrückgang im ersten Halbjahr, ebenso die schwache Nachfrage aus China. Auf der anderen Seite gilt die Aktie mit Blick auf klassische Bewertungskennzahlen wie das KGV weiterhin als eher günstig im Vergleich zu anderen Autowerten. Der Kapitalmarkt honoriert offenbar erste konkrete Schritte beim Konzernumbau, etwa den Verkauf der Großmotorentochter Everllence. Die anstehende Aufsichtsratssitzung könnte schon richtungsweisend sein, ganz gleich wie sie ausgeht, wenigstens wäre es wichtig eine Tendenz zu erkennen. Wer über einen Einstieg nachdenkt, könnte mit einer Entscheidung noch abwarten, bis nach dem 4. September mehr Klarheit über die Zukunft der Werke und den weiteren Sparkurs herrscht. Volkswagen bleibt vorerst eine Wette auf den Turnaround, mit Chancen, aber auch mit spürbarem Risiko.
Autor: Felix Goldbach, FinanzNachrichten-Redaktion
Haftungsausschluss/Disclaimer
Die hier angebotenen Artikel dienen ausschließlich der Information und stellen keine Kauf- bzw. Verkaufsempfehlungen dar. Sie sind weder explizit noch implizit als Zusicherung einer bestimmten Kursentwicklung der genannten Finanzinstrumente oder als Handlungsaufforderung zu verstehen. Der Erwerb von Wertpapieren birgt Risiken, die zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals und - je nach Art des Investments - sogar zu darüber hinausgehenden Verpflichtungen, bspw. Nachschusspflichten, führen können. Die Informationen ersetzen keine auf die individuellen Bedürfnisse ausgerichtete fachkundige Anlageberatung. Eine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit, Angemessenheit und Vollständigkeit der zur Verfügung gestellten Informationen sowie für Vermögensschäden wird weder ausdrücklich noch stillschweigend übernommen. Finanznachrichten.de hat auf die veröffentlichten Inhalte keinerlei Einfluss. Finanznachrichten.de hat bis zur Veröffentlichung der Artikel keine Kenntnis über Inhalt und Gegenstand der Artikel. Die Veröffentlichungen erfolgen durch externe Autoren bzw. Datenlieferanten. Infolgedessen können die Inhalte der Artikel auch nicht von Anlageinteressen von Finanznachrichten.de und/oder seinen Mitarbeitern oder Organen bestimmt sein.




