FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Die Renditen für Staatsanleihen sind teilweise so hoch wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht. Die Aufwärtsbewegung ist aber zuletzt zum Halt gekommen. Im Handel mit Unternehmensanleihen sind RWE und Depfa gefragt, Hello Fresh und Deutsche Entertainment verlieren.
4. September 2026. FRANKFURT (Deutsche Börse). Hoher Ölpreis, hohe Inflation, hohe Staatsverschuldungen - die Renditen bleiben weltweit auf dem höchsten Stand seit vielen Jahren oder sogar Jahrzehnten. Etwas Entspannung gibt es jetzt aber. "Die Erholung geht von den USA aus", berichtet Rainer Petz, der für Oddo BHF Anleihen handelt.
Nach der Rede von US-Notenbankchef Kevin Warsh in Jackson Hole vor einer Woche waren die Märkte fest von einer baldigen Leitzinserhöhung in den USA ausgegangen. Diese Woche gingen die Erwartungen aber wieder etwas zurück. Auslöser waren unter anderem Äußerungen von Fed-Direktor Christopher Waller, die nicht auf eine Erhöhung hindeuteten. Neue Impulse diesbezüglich könnte es heute geben. Um 14.30 Uhr deutscher Zeit werden die aktuellen US-Arbeitsmarktzahlen veröffentlicht. Für die kommende Woche anstehende EZB-Sitzung wird am Markt fest mit einer Zinserhöhung gerechnet.
US-Zinsen: Niveaus wie zuletzt während der Finanzkrise
Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen war diese Woche kurzzeitig auf fast 3,40 Prozent gestiegen. Am Freitagmittag sind es 3,35 Prozent, immer noch der höchste Stand seit 2011. Die Rendite dreißigjähriger US-Treasuries liegt mit aktuell 5,23 Prozent sogar so hoch wie zuletzt 2007. "Britische Staatsanleihen mit Laufzeit von zehn Jahren zahlen so viel Rendite wie zuletzt 2008 und japanische wie 1996", bemerkt Robert Halver von der Baader Bank.
Unternehmensanleihen als neuer sicherer Hafen?
Die Wahrnehmung von Staatsanleihen als sichere Bank bekommt erste Risse, wie die DZ Bank in ihrem Blog schreibt. "Dauerhaft hohe Defizite, Reformstau, politische Unsicherheiten und die Alterung der Gesellschaft belasten die Kreditwürdigkeit vieler Industrieländer", heißt es. Viele Top-Unternehmen wie Microsoft oder Johnson & Johnson wiesen hingegen stabile Bonitätsprofile auf. Als neuer sicherer Hafen eigneten sich Corporate Bonds aber nicht. Ihnen fehlten die Marktgröße und Liquidität von Staatsanleihen. Außerdem müssten Banken und Versicherer aus Regulierungsgründen oft auf Staatsanleihen setzen.
Mehr dazu: dzresearchblog.dzbank.de
Im Anleihehandel überwiegt aktuell die Kaufseite, wie Anleihehändler Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank berichtet. "Das geht kreuz und quer." Zugegriffen werde etwa bei französischen Staatsanleihen mit Fälligkeit 2057 und aktueller Rendite von 4,96 Prozent (FR0014016XXX).
RWE und Depfa gesucht, Ruhe bei VW
Auch Unternehmensanleihen kommen Daniel zufolge gut an. Beispiele sind Bonds von RWE mit Fälligkeit 2037 und aktueller Rendite von 4,40 Prozent (XS3430748XXX) und der Deutschen Pfandbriefbank 2029 und aktuell 4,28 Prozent (DE000A382XXX).
Während die VW-Aktie nach Zustimmung des Aufsichtsrats zum Sanierungskonzept deutlich zulegt, bleibt es bei den Anleihen noch ruhig, wie Oddo-Händler Petz und auch Walter Ludwig-Händler Daniel berichten. Der Autobauer hat am gestrigen Donnerstagabend nach wochenlangen Auseinandersetzungen einstimmig weite Teile eines Sanierungskonzepts akzeptiert.
Hello Fresh und DEAG lassen Federn
Kräftig nach unten ging es für die erst im Juli emittierte Anleihe des Kochboxenlieferanten HelloFresh (XS3435244XXX), wie Petz meldet. Diese wird jetzt nur noch zu 86 Prozent gehandelt. Dem Unternehmen fehlen neue Kunden. Im zweiten Quartal schrumpfte der Umsatz, das bereinigte Betriebsergebnis brach ein.
Deutlich verloren hat laut Daniel auch DEAG Deutsche Entertainment (NO0013639XXX). Hintergrund ist eine Barkapitalerhöhung der Apeiron Investment Group, die dadurch Mehrheitseigner würde. Das würde ein Kündigungsrecht der Anleihegläubiger auslösen. "Das Unternehmen bittet Anleiheinvestoren, auf das Kündigungsrecht zu verzichten", berichtet Daniel. Für diesen Verzicht biete DEAG eine Kompensation von einmalig 0,10 Prozent des Anleihenominalwertes.
"Fremdwährungen immer gefragter"
Auch Fremdwährungsanleihen sind weiter Thema. "Sie werden immer gefragter", erklärt Daniel und nennt türkische Lira, brasilianische Real sowie kanadische, australische und neuseeländische Dollar als Beispiele. Weiterhin gekauft werde die auf türkische Lira lautende Anleihe der European Bank for Reconstruction and Development (XS3457420XXX) mit Laufzeit bis 2028 und aktueller Rendite von 39 Prozent. Allerdings lag die Inflation in der Türkei im Juli immer noch bei 31,8 Prozent.
Von Anna-Maria Borse, 4. September 2026, Deutsche Börse AG
(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)




