BERLIN (dpa-AFX) - Viele Beschäftigte von Kitas und Jugendämtern klagen in einer neuen Studie über Personallücken und Überforderung im Job. Laut der Studie der Gewerkschaft Verdi herrscht bei der großen Mehrheit der Beschäftigten-Teams in den Einrichtungen der sogenannten Sozialen Arbeit in Deutschland die Meinung vor, sie könnten ihren Aufgaben nicht mehr gerecht werden. Die Gewerkschaft hatte in einem "Realitäts-Check Soziale Arbeit" mit Professoren aus Mannheim und Fulda Meinungen von Kita-, Jugendamt- und weiteren Beschäftigten eingeholt.
"Er macht sichtbar, wie die Teams ihre Arbeitsbedingungen einschätzen, und darin zeigen sich auch wiederkehrende und konstante Belastungsmuster", sagte der Mannheimer Makrosoziologe Yalç?n Kutlu. So komme es in den Diensten der Jugendämter zu einem "schleichenden Verlust von Professionalität und Handlungsfähigkeit". In den Kitas herrschen in den Augen vieler Beschäftigten Fachkräftemangel, Personallücken und häufige Ausfälle. Sorge um die eigene berufliche Zukunft ist laut Kutlu "keine abstrakte Angst" - sie beruhe auf Erfahrungen mit Sparvorgaben und Unterbesetzung.
Wie die Meinungsbilder erhoben wurden
Bei der Erhebung handelt es sich laut Kutlu um eine "explorative Studie", also eine Studie, um ein Themenfeld mit neuen Erkenntnissen zu erschließen. Nicht einzelne Beschäftigte wurden befragt, erhoben wurden Meinungsbilder von Teams oder einzelnen kleineren Einrichtungen. Dazu bekam ein Vertreter oder eine Vertreterin pro Team die Aufgabe, mit einem zehnseitigen Fragebogen ein Meinungsbild einzuholen, etwa in einer Teamsitzung oder Kollegen-Gesprächen. Ausgewertet worden seien 373 Team-Meinungsbilder.
"Bedrückendes Bild"
In 77 Prozent der Teams herrscht etwa die Ansicht vor, sie könnten den Rechten oder Bedürfnissen der Kinder, Jugendlichen oder Familien nicht mehr gerecht werden. Durch Armut und Arbeitslosigkeit nähmen auch die Komplexität der Fälle und der Bedarf an Unterstützung zu, so die Studienautoren. Verdi-Vizechefin Christine Behle sprach von einem "bedrückenden Bild". In Jugendämtern könnten sich die Beschäftigten etwa oft "nur noch um Menschen in absoluten Krisen" kümmern. "Alle anderen müssen warten, bis Zeit ist."
Viele Erzieherinnen und Erzieher fehlen
Erst im September hatte der Paritätische Wohlfahrtsverband in einem Kita-Bericht sinkende Kinderzahlen in Deutschland festgestellt. In vielen Städten vor allem in Ost-, aber auch in Westdeutschland betreffen sinkende Anmeldezahlen längst die Kitaplanung, wie Medienberichte zeigen. Der Paritätische schreibt von bundesweit mehr als 550.000 ungenutzten Kita-Plätzen - trotzdem herrsche Fachkräftemangel; bundesweit fehlten mehr als 100.000 pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Die Geburtenrate in Deutschland sinkt seit 2022 kontinuierlich und war laut Statistischem Bundesamt zuletzt vor knapp 20 Jahren auf einem ähnlich niedrigen Niveau. 2025 lag sie mit 1,32 Kindern je Frau um 2,7 Prozent niedriger als im Vorjahr./bw/DP/jha
