((Aktualisierung: Der Text wurde um Aussagen von Wirtschaftswissenschaftlern und Vizekanzler Klingbeil ergänzt.)
MÜNCHEN (dpa-AFX) - Nach Benzin ist jetzt auch Diesel in Deutschland so teuer wie nie zuvor. Am Mittwoch kostete ein Liter im bundesweiten Tagesschnitt 2,453 Euro und übertraf damit den bisherigen Rekord aus dem April um 0,6 Cent, wie aus Zahlen des ADAC hervorgeht. Benzin ist bereits seit Tagen auf Rekordniveau. Am Mittwoch erreichte es sein fünftes Hoch in Folge bei 2,314 Euro pro Liter.
Allein im Vergleich zum Dienstag ist Diesel damit um 3,1 Cent teurer geworden. E10 verteuerte sich um 1,4 Cent. Die Spritpreise sind seit Beginn des Iran-Krieges Ende Februar außergewöhnlich hoch. Jüngst spitzte sich die Lage mit neuen Eskalationen am Persischen Golf und Sorgen um die Ölversorgung noch weiter zu. Insgesamt ist Diesel derzeit knapp 71 Cent teurer als am letzten Tag vor Kriegsausbruch, E10 um knapp 54 Cent. Inflationsbereinigt waren die Kraftstoffe in der Vergangenheit allerdings bereits teurer.
Debatte um Entlastung schwillt an
Wegen der Preisrekorde ist in der Politik eine neue Debatte um Entlastungen entbrannt. Sowohl aus der Union als auch der SPD kommen Vorschläge - strittig ist allerdings, welche Maßnahmen umgesetzt werden sollen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat angesichts der hohen Spritpreise Entlastungen angekündigt. Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) forderte eine schnelle Entscheidung. Das Ziel sei klar: "Die Spritpreise müssen runter und gerade die Pendlerinnen und Pendler müssen entlastet werden"
Die Bandbreite der Vorschläge ist groß: Unter anderem eine Senkung der Mehrwertsteuer oder des CO2-Aufschlags, ein Preisdeckel, Direktauszahlungen mit und ohne Anpassung an das Einkommen oder Übergewinnsteuer stehen im Raum.
Keine einfache Lösung
Eine einfache Lösung gibt es nach Ansicht von Wirtschaftswissenschaftlern aber nicht, wie unter anderem bei einer Pressekonferenz der von den Wissenschaftsakademien angestoßenen Initiative ESYS am Donnerstag klar wurde.
Laut Martin Wietschel vom Fraunhofer ISI in Karlsruhe müssten Lösungen im Idealfall nicht die Preise senken, da sonst deren dämpfender Effekt auf den Verbrauch verloren gehe. Die Unterstützung sollte stattdessen gezielt an vulnerable Gruppen ausgezahlt werden, da nicht jeder die Hilfe benötige. Zudem sollten die Maßnahmen nach Möglichkeit auf eine langfristige Veränderung der Nachfrage ausgelegt sein.
Vor diesem Hintergrund käme von den aktuell diskutierten Optionen am ehesten eine Direktauszahlung infrage - doch dafür fehlt noch immer der Mechanismus, was neben Wietschel auch Karin Pittel vom Ifo und Andreas Löschel von der Ruhr-Universität Bochum kritisieren. Wenn er in drei Monaten umgesetzt werden könne, sei es möglicherweise das beste, so lange zu warten und dann erst etwas auszuzahlen, sagt Pittel. Und Löschel betont, dass es aus ökonomischer Sicht sinnvoll sei, ein Stück weit die Füße stillzuhalten. Das Problem sei dabei eher politischer Natur.
Auch Ifo-Chef Clemens Fuest äußerte sich kritisch in Richtung pauschaler Preissenkungen, ebenso zu Übergewinnsteuern oder Preisdeckeln.
Spediteure schicken Brief an Merz - Sorgen auch bei Fischern
Eine Senkung der Mehrwertsteuer, wie zuletzt von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vorgeschlagen, haben auch Bauernverband und der Spediteursverband BGL kritisiert. Diese helfe nicht, da die Mehrwertsteuer für die Betriebe ein durchlaufender Posten sei. Der BGL fordert zudem in einem offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) staatliche Entlastung. Die Lage habe sich für das mittelständische Transportgewerbe zugespitzt - bei einer Fahrzeugflotte von 50 Lkw bedeuteten die aktuellen Dieselpreise zusätzliche Kosten von mehr als einer Million Euro im Jahr. Diese Kostensteigerungen könnten von den Betrieben kaum noch allein getragen werden.
Selbst auf die deutsche Fischerei wirken sich die Kraftstoffpreise aus - auch wenn es dabei nicht um klassischen Diesel, sondern vor allem um Marinegasöl geht. Derzeit blieben Kutter im Hafen, weil sich eine Fahrt nicht rentiere, sagte ein Sprecher des Deutschen Fischerei-Verbands. Vom Landwirtschaftsministerium angekündigte Hilfen seien "ein Tropfen auf den heißen Stein".
Große Spannbreite und vereinzelt mehr als 3 Euro
Zumindest der Rohölpreis geht derzeit nicht durch die Decke. Am Mittwoch verbilligte sich Brent-Rohöl, nachdem es Hinweise gab, dass eine wichtige Ölpipeline in Saudi-Arabien wieder in Betrieb genommen werden könnte.
Der Preis für Rohöl ist zwar der wichtigste Faktor für Änderungen beim Spritpreis. Hinzu kommen aber andere Faktoren wie Transport- und Raffineriekapazitäten. Zudem ist der Preis für Diesel krisenanfälliger - weswegen der Kraftstoff derzeit auch mehr kostet als Benzin, obwohl er niedriger besteuert wird. Laut ADAC lassen sich die aktuellen extremen Preise mit den Rohölnotierungen alleine nicht erklären.
Regional und je nach Tankstelle können die Preise deutlich abweichen. Zudem schwankt der Preis im Tagesverlauf stark - nach dem Preissprung am Mittag sind die Kraftstoffe oft mehr als 20 Cent teurer als unmittelbar davor. Am Nachmittag fallen sie dann in der Regel rasch wieder, bis sie am späten Vormittag des nächsten Tages üblicherweise ihr Tagestief erreichen.
Nimmt man alles zusammen, ergeben sich große Spannen: Während auch am Donnerstag Superbenzin der günstigen Sorte E10 am späten Vormittag an besonders günstigen Tankstellen durchaus für weniger als 2,20 Euro zu haben war, wurden kurz nach dem Preissprung um 12.00 Uhr an Autobahntankstellen für teures Premiumbenzin teilweise mehr als 3 Euro pro Liter verlangt./ruc/DP/stk
