MOSKAU/BERLIN (dpa-AFX) - Russische Menschenrechtler fürchten um das Leben des zu 15 Jahren Lagerhaft verurteilten Historikers Juri Dmitrijew. Der 70-Jährige sei als Notfallpatient aus seinem Straflager in der Teilrepublik Mordwinien in ein Gefängnisspital verlegt worden, berichtete die Bürgerrechtsorganisation Zaprava. Es gebe den Verdacht auf einen Schlaganfall. Auch die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Organisation Memorial verbreitete diese Information.
Einem Anwalt sei der Zugang zu Dmitrijew verweigert worden, teilte Zaprava mit. Ihm sei in dem Gefängniskrankenhaus von Baraschewo lediglich mitgeteilt worden, dass Dmitrijew am Leben sei. Die Bürgerrechtler forderten, ihn in ein besser ausgestattetes städtisches Krankenhaus zu verlegen. In Mordwinien, 500 Kilometer südöstlich von Moskau, unterhält Russland viele Straflager.
Historiker deckte Stalin-Verbrechen auf
Der Historiker hat 1997 in der nordrussischen Teilrepublik Karelien eine Hinrichtungsstätte entdeckt. Unter Sowjetdiktator Josef Stalin hatte der Geheimdienst 1937/38 in dem Waldgebiet Sandarmoch etwa 10.000 Menschen erschossen.
Seit 2016 ist Dmitrijew fast dauernd in Haft und wurde mit mehreren Prozessen wegen angeblicher Misshandlung seiner Adoptivtochter überzogen. Das endgültige Urteil von 2021 lautet auf 15 Jahre Haft. Die hohe Strafe soll nach Einschätzung von Bürgerrechtlern andere Wissenschaftler von einer Aufdeckung der Stalin-Verbrechen abschrecken.
EU sieht Opfer von Justizwillkür
Die EU sieht Dmitrijew als Opfer von Justizwillkür und fordert seit langem seine Freilassung. Memorial stuft ihn als politischen Gefangenen ein. Nach diesen Angaben ist der Häftling seit langem krank.
"Juri Dmitrijew wird der nächste politische Gefangene sein, den das russische Gefängnissystem umbringt, ein System, das absichtlich auf Folter aufbaut", schrieb der Vize-Vorsitzende der Exilorganisation Zukunft Memorial, Jens Siegert, auf dem Portal X. In russischer Haft kommen immer wieder politische Gefangene ums Leben. 2024 starb der Kremlgegner Alexej Nawalny. Er wurde nach jüngsten Einschätzung mehrerer EU-Außenministerien mit Gift getötet./fko/DP/zb
