Eichstädt/Berlin (ots) -
Expertenrat ADHS: Social Media schafft Aufmerksamkeit für eine lange unterschätzte Störung - eine fachliche Diagnose kann es nicht ersetzen
Krankheiten stehen immer auch im kulturellen Kontext ihrer Zeit. ADHS gab es lange vor TikTok, Instagram und YouTube. Verändert hat sich aber, wie darüber gesprochen wird. Noch nie konnten so viele Menschen anderen dabei zuhören und zuschauen, wie sie ihren Alltag mit ADHS beschreiben. Und noch nie konnten sich so viele innerhalb weniger Minuten in solchen Beschreibungen wiedererkennen.
Für den Expertenrat ADHS ist diese Entwicklung zunächst einmal positiv. Die größere öffentliche Aufmerksamkeit hat dazu beigetragen, dass ADHS heute nicht mehr ausschließlich als Störung unruhiger Kinder wahrgenommen wird. Gerade Erwachsene, deren Schwierigkeiten über Jahre oder Jahrzehnte andere Erklärungen bekommen haben, können durch Social Media erstmals auf die Idee kommen, dass ADHS dahinterstecken könnte.
"Wenn jemand sich in den Erfahrungen anderer Menschen wiedererkennt und deshalb beginnt, über die eigenen Schwierigkeiten nachzudenken, ist das zunächst einmal etwas Gutes", sagt Dr. med. Matthias Rudolph (Boppard), Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Mitglied des Expertenrats ADHS. "Aber Wiedererkennen ist noch keine Diagnose."
Ein Verdacht darf irgendwo anfangen
Ob ein Verdacht durch TikTok entsteht, durch einen Podcast, ein Gespräch mit Freunden oder einen Zeitungsartikel, ist zunächst zweitrangig. Dies ist nicht anders als bei anderen Erkrankungen auch. Entscheidend ist, was daraus folgt.
Denn viele Eigenschaften, die in Social Media mit ADHS verbunden werden, kennen auch Menschen ohne ADHS: Sie vergessen Termine, verlieren Schlüssel, schieben unangenehme Aufgaben auf, können sich schlecht konzentrieren oder reagieren manchmal impulsiv. Ein einzelnes Merkmal sagt wenig darüber aus, ob eine behandlungsbedürftige Störung vorliegt.
Genau hier liegt eine Schwäche vieler Social-Media-Inhalte. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung von 177 deutschsprachigen TikTok-Videos zu sechs psychischen Störungsbildern, darunter ADHS, kam auf insgesamt mehr als 94 Millionen Aufrufe. Nur 19,2 % der Videos wurden als fachlich korrekt bewertet, ein Drittel als falsch und weitere 18,1 % als übergeneralisiert. Knapp 30 % schilderten persönliche Erfahrungen.
Für ADHS fällt das Ergebnis besonders deutlich aus. Die ADHS-Videos erreichten in der Stichprobe die höchsten Aufrufzahlen - im Mittel über eine Million pro Video - und schnitten gleichzeitig in der fachlichen Qualitätsbewertung am schlechtesten ab. Auf einer Skala von 1 bis 5 erreichten sie im Durchschnitt 1,60 Punkte. Der Unterschied zu Videos über die Posttraumatische Belastungsstörung war statistisch signifikant. Die Wissenschaftler verweisen zudem auf eine Untersuchung, nach der über 90 % der TikTok-Videos zum Thema "ADHS-Test" irreführende oder falsche Tests und Informationen enthielten.
Dass gerade ADHS schlecht abschneidet, ist nachvollziehbar: Kaum ein Störungsbild lässt sich in 30 Sekunden schwerer korrekt darstellen. Wenn Konzentrationsschwierigkeiten, Unruhe und Vergesslichkeit nahezu jeder Mensch aus eigener Erfahrung kennt, wird die Grenze zur Störung in einem kurzen Video fast zwangsläufig unscharf.
Gerade persönliche Erfahrungsberichte sind dabei nicht per se problematisch. Sie können Menschen helfen, eigene Erfahrungen überhaupt erst in Worte zu fassen. Problematisch wird es, wenn aus "Das kenne ich von mir" unbemerkt "Dann habe ich ADHS" wird - oder wenn Begriffe zirkulieren, die fachlich etwas völlig anderes bedeuten. Ein Beispiel ist der Begriff "Objektpermanenz", der in Videos als ADHS-Symptom für Vergesslichkeit gedeutet wird, tatsächlich aber ein Konzept aus der frühkindlichen Entwicklungspsychologie ist.
"Ein Verdacht ist ein guter Anlass, genauer hinzuschauen, aber noch keine Bestätigung", sagt Rudolph. "Bei einer Diagnostik müssen wir klären, welche Symptome tatsächlich bestehen, seit wann sie vorhanden sind, wie sie sich durch das Leben ziehen und ob andere Erklärungen infrage kommen."
Diagnostik ist mehr als eine Checkliste
ADHS ist eine Entwicklungsstörung. Für die Diagnose zählt deshalb nicht allein, wie ein Mensch sich heute erlebt. Zur fachlichen Abklärung gehören die Entwicklungsgeschichte und die Frage, ob charakteristische Symptome bereits in Kindheit und Jugend bestanden. Ebenso wichtig ist, in welchen Lebensbereichen Schwierigkeiten auftreten und wie stark sie den Alltag beeinträchtigen. Die Leitlinie verlangt, dass Symptome und Funktionsbeeinträchtigungen in mehreren Lebensbereichen auftreten. Zeigen sich Schwierigkeiten ausschließlich in einem einzigen Bereich, kann dies ein Hinweis auf eine andere psychische Störung sein.
Hinzu kommt die Differenzialdiagnostik. Konzentrationsprobleme, innere Unruhe, Schlafprobleme, Erschöpfung oder Schwierigkeiten bei der Organisation des Alltags können unterschiedliche Ursachen haben. Andere psychische Erkrankungen können ähnliche Beschwerden verursachen oder gleichzeitig mit einer ADHS bestehen.
Das bedeutet umgekehrt nicht, dass Menschen mit einem durch Social Media entstandenen Verdacht diesen wieder verwerfen sollten. Der Expertenrat ADHS plädiert dafür, solche Selbstbeobachtungen ernst zu nehmen und bei entsprechendem Verdacht eine strukturierte diagnostische Abklärung zu ermöglichen.
Eine Diagnose bedeutet nicht automatisch Behandlung
Und selbst eine bestätigte Diagnose beantwortet noch nicht die Frage, ob ein Mensch eine Behandlung benötigt. Für den Expertenrat ADHS ist dafür entscheidend, welche Folgen die Störung für das konkrete Leben hat.
"Wir behandeln nicht eine Checkliste", sagt Rudolph. "Entscheidend ist, ob ein Mensch unter seiner ADHS leidet oder dadurch in wichtigen Bereichen seines Lebens beeinträchtigt ist. Daran muss sich auch die Frage orientieren, ob und welche Behandlung sinnvoll ist."
Diese Zurückhaltung gilt in beide Richtungen. Wer Beeinträchtigungen erlebt, sollte nicht durch Botschaften wie "ADHS ist keine Störung, sondern eine Superkraft" davon abgehalten werden, sich Hilfe zu suchen. Die Autorinnen und Autoren der TikTok-Untersuchung benennen genau dieses Risiko ausdrücklich.
Damit ergibt sich eine klare Grenze, ohne Social Media abzuwerten: TikTok und andere Plattformen können Aufmerksamkeit schaffen, Erfahrungen sichtbar machen und Menschen auf die Idee bringen, professionelle Hilfe zu suchen. Sie können aber weder die individuelle Lebensgeschichte erheben noch andere Ursachen ausschließen oder die Behandlungsbedürftigkeit beurteilen.
Social Media kann einen Verdacht wecken. Ob daraus eine Diagnose wird - und ob eine Behandlung notwendig ist -, muss sich am einzelnen Menschen entscheiden.
- Mross AL, Takahashi H, Koelkebeck K, Langenbach BP: Insufficient Quality of Mental Health Information on German-Speaking TikTok: A Content Analysis. Clinical Psychology in Europe. 2026;8(1):e17279 (https://dx.doi.org/10.32872/cpe.17279).
- Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte S3-Leitlinie "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter", AWMF-Register-Nr. 028-045 (https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-045).
- Expertenrat ADHS: Podcast "ADHS? Kein Grund zur Panik. Aus der Praxis für die Praxis". Verschiedene Folgen mit Dr. med. Matthias Rudolph (https://www.expertenrat-adhs.de/podcast/).
Pressekontakt:
Expertenrat ADHS
Rainer H. Bubenzer
+49 - 030 - 12053790
bubenzer@expertenrat-adhs.de
www.expertenrat-adhs.de
Original-Content von: Expertenrat ADHS, übermittelt durch news aktuell
Originalmeldung: https://www.presseportal.de/pm/181931/6361354
Expertenrat ADHS: Social Media schafft Aufmerksamkeit für eine lange unterschätzte Störung - eine fachliche Diagnose kann es nicht ersetzen
Krankheiten stehen immer auch im kulturellen Kontext ihrer Zeit. ADHS gab es lange vor TikTok, Instagram und YouTube. Verändert hat sich aber, wie darüber gesprochen wird. Noch nie konnten so viele Menschen anderen dabei zuhören und zuschauen, wie sie ihren Alltag mit ADHS beschreiben. Und noch nie konnten sich so viele innerhalb weniger Minuten in solchen Beschreibungen wiedererkennen.
Für den Expertenrat ADHS ist diese Entwicklung zunächst einmal positiv. Die größere öffentliche Aufmerksamkeit hat dazu beigetragen, dass ADHS heute nicht mehr ausschließlich als Störung unruhiger Kinder wahrgenommen wird. Gerade Erwachsene, deren Schwierigkeiten über Jahre oder Jahrzehnte andere Erklärungen bekommen haben, können durch Social Media erstmals auf die Idee kommen, dass ADHS dahinterstecken könnte.
"Wenn jemand sich in den Erfahrungen anderer Menschen wiedererkennt und deshalb beginnt, über die eigenen Schwierigkeiten nachzudenken, ist das zunächst einmal etwas Gutes", sagt Dr. med. Matthias Rudolph (Boppard), Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Mitglied des Expertenrats ADHS. "Aber Wiedererkennen ist noch keine Diagnose."
Ein Verdacht darf irgendwo anfangen
Ob ein Verdacht durch TikTok entsteht, durch einen Podcast, ein Gespräch mit Freunden oder einen Zeitungsartikel, ist zunächst zweitrangig. Dies ist nicht anders als bei anderen Erkrankungen auch. Entscheidend ist, was daraus folgt.
Denn viele Eigenschaften, die in Social Media mit ADHS verbunden werden, kennen auch Menschen ohne ADHS: Sie vergessen Termine, verlieren Schlüssel, schieben unangenehme Aufgaben auf, können sich schlecht konzentrieren oder reagieren manchmal impulsiv. Ein einzelnes Merkmal sagt wenig darüber aus, ob eine behandlungsbedürftige Störung vorliegt.
Genau hier liegt eine Schwäche vieler Social-Media-Inhalte. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung von 177 deutschsprachigen TikTok-Videos zu sechs psychischen Störungsbildern, darunter ADHS, kam auf insgesamt mehr als 94 Millionen Aufrufe. Nur 19,2 % der Videos wurden als fachlich korrekt bewertet, ein Drittel als falsch und weitere 18,1 % als übergeneralisiert. Knapp 30 % schilderten persönliche Erfahrungen.
Für ADHS fällt das Ergebnis besonders deutlich aus. Die ADHS-Videos erreichten in der Stichprobe die höchsten Aufrufzahlen - im Mittel über eine Million pro Video - und schnitten gleichzeitig in der fachlichen Qualitätsbewertung am schlechtesten ab. Auf einer Skala von 1 bis 5 erreichten sie im Durchschnitt 1,60 Punkte. Der Unterschied zu Videos über die Posttraumatische Belastungsstörung war statistisch signifikant. Die Wissenschaftler verweisen zudem auf eine Untersuchung, nach der über 90 % der TikTok-Videos zum Thema "ADHS-Test" irreführende oder falsche Tests und Informationen enthielten.
Dass gerade ADHS schlecht abschneidet, ist nachvollziehbar: Kaum ein Störungsbild lässt sich in 30 Sekunden schwerer korrekt darstellen. Wenn Konzentrationsschwierigkeiten, Unruhe und Vergesslichkeit nahezu jeder Mensch aus eigener Erfahrung kennt, wird die Grenze zur Störung in einem kurzen Video fast zwangsläufig unscharf.
Gerade persönliche Erfahrungsberichte sind dabei nicht per se problematisch. Sie können Menschen helfen, eigene Erfahrungen überhaupt erst in Worte zu fassen. Problematisch wird es, wenn aus "Das kenne ich von mir" unbemerkt "Dann habe ich ADHS" wird - oder wenn Begriffe zirkulieren, die fachlich etwas völlig anderes bedeuten. Ein Beispiel ist der Begriff "Objektpermanenz", der in Videos als ADHS-Symptom für Vergesslichkeit gedeutet wird, tatsächlich aber ein Konzept aus der frühkindlichen Entwicklungspsychologie ist.
"Ein Verdacht ist ein guter Anlass, genauer hinzuschauen, aber noch keine Bestätigung", sagt Rudolph. "Bei einer Diagnostik müssen wir klären, welche Symptome tatsächlich bestehen, seit wann sie vorhanden sind, wie sie sich durch das Leben ziehen und ob andere Erklärungen infrage kommen."
Diagnostik ist mehr als eine Checkliste
ADHS ist eine Entwicklungsstörung. Für die Diagnose zählt deshalb nicht allein, wie ein Mensch sich heute erlebt. Zur fachlichen Abklärung gehören die Entwicklungsgeschichte und die Frage, ob charakteristische Symptome bereits in Kindheit und Jugend bestanden. Ebenso wichtig ist, in welchen Lebensbereichen Schwierigkeiten auftreten und wie stark sie den Alltag beeinträchtigen. Die Leitlinie verlangt, dass Symptome und Funktionsbeeinträchtigungen in mehreren Lebensbereichen auftreten. Zeigen sich Schwierigkeiten ausschließlich in einem einzigen Bereich, kann dies ein Hinweis auf eine andere psychische Störung sein.
Hinzu kommt die Differenzialdiagnostik. Konzentrationsprobleme, innere Unruhe, Schlafprobleme, Erschöpfung oder Schwierigkeiten bei der Organisation des Alltags können unterschiedliche Ursachen haben. Andere psychische Erkrankungen können ähnliche Beschwerden verursachen oder gleichzeitig mit einer ADHS bestehen.
Das bedeutet umgekehrt nicht, dass Menschen mit einem durch Social Media entstandenen Verdacht diesen wieder verwerfen sollten. Der Expertenrat ADHS plädiert dafür, solche Selbstbeobachtungen ernst zu nehmen und bei entsprechendem Verdacht eine strukturierte diagnostische Abklärung zu ermöglichen.
Eine Diagnose bedeutet nicht automatisch Behandlung
Und selbst eine bestätigte Diagnose beantwortet noch nicht die Frage, ob ein Mensch eine Behandlung benötigt. Für den Expertenrat ADHS ist dafür entscheidend, welche Folgen die Störung für das konkrete Leben hat.
"Wir behandeln nicht eine Checkliste", sagt Rudolph. "Entscheidend ist, ob ein Mensch unter seiner ADHS leidet oder dadurch in wichtigen Bereichen seines Lebens beeinträchtigt ist. Daran muss sich auch die Frage orientieren, ob und welche Behandlung sinnvoll ist."
Diese Zurückhaltung gilt in beide Richtungen. Wer Beeinträchtigungen erlebt, sollte nicht durch Botschaften wie "ADHS ist keine Störung, sondern eine Superkraft" davon abgehalten werden, sich Hilfe zu suchen. Die Autorinnen und Autoren der TikTok-Untersuchung benennen genau dieses Risiko ausdrücklich.
Damit ergibt sich eine klare Grenze, ohne Social Media abzuwerten: TikTok und andere Plattformen können Aufmerksamkeit schaffen, Erfahrungen sichtbar machen und Menschen auf die Idee bringen, professionelle Hilfe zu suchen. Sie können aber weder die individuelle Lebensgeschichte erheben noch andere Ursachen ausschließen oder die Behandlungsbedürftigkeit beurteilen.
Social Media kann einen Verdacht wecken. Ob daraus eine Diagnose wird - und ob eine Behandlung notwendig ist -, muss sich am einzelnen Menschen entscheiden.
- Mross AL, Takahashi H, Koelkebeck K, Langenbach BP: Insufficient Quality of Mental Health Information on German-Speaking TikTok: A Content Analysis. Clinical Psychology in Europe. 2026;8(1):e17279 (https://dx.doi.org/10.32872/cpe.17279).
- Interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte S3-Leitlinie "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter", AWMF-Register-Nr. 028-045 (https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-045).
- Expertenrat ADHS: Podcast "ADHS? Kein Grund zur Panik. Aus der Praxis für die Praxis". Verschiedene Folgen mit Dr. med. Matthias Rudolph (https://www.expertenrat-adhs.de/podcast/).
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bubenzer@expertenrat-adhs.de
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