WOLFSBURG/BERLIN (dpa-AFX) - VW -Chef Oliver Blume hat höhere Arbeitszeiten für die rund 130.000 Beschäftigten des Autobauers in Deutschland ins Gespräch gebracht. Die Arbeitskosten in Deutschland liegen etwa doppelt so hoch wie in anderen europäischen Ländern, in denen VW aktiv sei, sagte Blume dem Portal "The Pioneer", das das Gespräch in einem Podcast veröffentlicht hat. Da müsse man in der heutigen Wettbewerbssituation einige Themen hinterfragen.
Blume zufolge gibt es mehrere Ansatzpunkte, wie die Arbeitskosten gesenkt werden können: Neben einer höheren Jahresarbeitszeit - zum Beispiel durch weniger Urlaubstage - gehe es möglicherweise auch um eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit ohne Lohnausgleich. "Das gilt es jetzt in den nächsten Wochen und Monaten zu verhandeln", sagte der Manager.
Fast alle Tarifverträge gekündigt
Am Mittwoch hatte Volkswagen zehn Tarifverträge gekündigt - darunter auch den wichtigen Manteltarifvertrag. Dieser regelt unter anderem die Arbeitszeit und Urlaubstage. Aus Unternehmenssicht gebe es verschiedene Regelungen, die mit Blick auf den Kostendruck anzupassen seien. Mit der Kündigung öffne man den Raum für Verhandlungen. Die Arbeitnehmer kritisierten den Schritt als "Foul an der Belegschaft" - und kündigten Widerstand an.
Vor rund einem Monat hatte der VW-Aufsichtsrat einem Plan zugestimmt, der umfangreiche Sparmaßnahmen vorsieht - unter anderem auch Milliarden beim Personal. Der Vorstand will dazu auch Zehntausende Stellen abbauen.
Eine konkrete Forderung, wie viel länger VW-Beschäftigte pro Woche arbeiten sollen, gab es nach dpa-Informationen zuletzt aber noch nicht. Eine höhere Wochenarbeitszeit könnte Volkswagen zum Beispiel in Bereichen helfen, wo aktuell Mehrarbeit anfällt und der Autobauer zusätzliche Menschen einstellen muss. Mehr reguläre Stunden würden die Kosten so unmittelbar senken. In Bereichen mit Personalüberhängen würde eine Verlängerung der Arbeitszeit hingegen keinen Sinn ergeben, hieß es aus Konzernkreisen.
IG Metall mit "aller Macht" gegen Arbeitszeiterhöhung
Die IG Metall in Niedersachsen kritisierte die Kommunikation des Managements gegenüber den Beschäftigten. Bereits die Kündigungen der Tarifverträge sei zunächst über die Medien lanciert worden. Erst auf mehrfache Nachfrage sei die Arbeitgeberseite damit um die Ecke gekommen. "Konkrete Forderungen, die mit den Kündigungen verbunden sind? Fehlanzeige", sagte ein Sprecher. Kaum sei das geschehen, "schwadroniere" der Vorstandsvorsitzende öffentlich über längere Arbeitszeiten. "Eine Erklärung gegenüber der Belegschaft? Mal wieder Fehlanzeige. Die dürfen alles im Internet oder in der Zeitung lesen."
Die Gewerkschaft positioniert sich klar gegen eine Arbeitszeiterhöhung: "Die IG Metall wird sich mit aller Macht gegen ein Rütteln an der 35-Stunden-Woche stemmen", sagte der Sprecher. Wer bei unausgelasteten Kapazitäten längere Arbeitszeiten fordere, sei auf dem Holzweg.
Alte Grundsatzdebatte neu entfacht
Die 35-Stunden-Woche ist in der deutschen Autoindustrie bei tarifgebundenen Unternehmen Standard. Gesetzlich verpflichtend ist sie nicht. Mercedes-Benz hatte im Sommer eine grundsätzliche Diskussion über Arbeitszeiten entfacht. Aufsichtsratschef Martin Brudermüller regte in einem Interview mit dem "Handelsblatt" die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche an - für dasselbe Gehalt.
Nach Ansicht des Mercedes-Vorstands muss die Arbeitsstunde günstiger werden. "Der direkteste und in unseren Augen fairste Weg: Wir sollten in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr arbeiten", hieß es Ende Juni in einem Schreiben des Vorstands an die Beschäftigten in Deutschland.
Auch der neue BMW -Chef Milan Nedeljkovic und Unternehmer aus der Industrie hatten die 35-Stunden-Woche zuletzt infrage gestellt. Die IG Metall hat bereits deutlich gemacht, die Regelung nicht kampflos aufzugeben. Neben Protesten bei Mercedes forderte die Gewerkschaft bei einem Auto-Aktionstag mit rund 175.000 Teilnehmern zuletzt: "Finger weg von der 35-Stunden-Woche!".
Gewerkschaft befürchtet weiteren Jobabbau
Die IG Metall befürchtet, dass durch eine höhere Wochenarbeitszeit noch mehr Stellen gestrichen werden könnten. "Bei 40 statt 35 Stunden wären das 14,3 Prozent mehr Arbeitszeit - eine indirekte Entgeltsenkung durch die Hintertür", sagte der Sprecher. Die Rechnung dahinter sei ebenso simpel wie durchsichtig: Wenn bei gleicher Auslastung jeder Beschäftigte mehr arbeiten solle, sinke der rechnerische Personalbedarf. "Mehr Arbeitszeit pro Kopf bedeutet dann auch: weniger Köpfe werden gebraucht"./jwe/DP/nas




