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Rund neun von zehn Wirkstoffkandidaten, die in die klinische Entwicklung eintreten, erreichen niemals die Zulassung. Hinter dieser Quote stehen fehlende Wirksamkeit, Sicherheitsprobleme, falsche Dosierungen und Studien, in denen ein möglicher Behandlungseffekt in einer zu heterogenen Patientengruppe untergeht. Jeder Fehlschlag kostet Zeit und Kapital. Vor allem verzögert er Therapien für Patienten, denen bislang wirksame Behandlungsoptionen fehlen.
Genau an diesem Engpass setzt eine neue Technologieoffensive an. Nvidia und Bristol Myers Squibb investieren in enorme Rechenleistung, Recursion verbindet künstliche Intelligenz mit automatisierten Laboren und klinischen Programmen. NeuroThera Labs will über seine Mehrheitsbeteiligung an CliniQuantum noch einen Schritt weitergehen und Quantenverfahren auf komplexe Studiendaten anwenden. Die Ansätze unterscheiden sich deutlich, verfolgen aber dasselbe Ziel: früher erkennen, welcher Wirkstoff bei welchen Patienten funktionieren könnte.
Nvidia baut die Infrastruktur für das digitale Labor
NVIDIA Corporation (ISIN: US67066G1040) positioniert BioNeMo als Plattform für KI-gestützte Biologie und Wirkstoffentwicklung. Gemeinsam mit Eli Lilly and Company (ISIN: US5324571083) will der Chipkonzern innerhalb von fünf Jahren bis zu 1 Milliarde US-Dollar in ein gemeinsames Forschungslabor investieren. Wissenschaftler, KI-Entwickler und automatisierte Laborsysteme sollen dort in einem kontinuierlichen Kreislauf zusammenarbeiten. Modelle schlagen Moleküle oder Experimente vor, das Labor erzeugt neue Daten und diese verbessern wiederum die Modelle. Schnelleres Rechnen allein garantiert allerdings keinen medizinischen Durchbruch. Entscheidend bleibt, ob die digitale Vorauswahl später in realen Patienten belastbare Ergebnisse liefert.
Bristol Myers Squibb bringt die Rechenleistung in den Pharmakonzern
Bristol-Myers Squibb Company (ISIN: US1101221083) verfolgt einen industrielleren Ansatz. Der Pharmakonzern erweitert seine Infrastruktur um einen Nvidia DGX SuperPOD auf Basis der Vera-Rubin-Architektur. Das System soll laut Unternehmensangaben bis zu zehnmal mehr Rechenleistung je Megawatt als die vorherige Infrastruktur liefern. Bristol Myers Squibb möchte damit eigene biologische Daten auswerten, Wirkstoffziele prüfen und Hypothesen vor dem ersten Laborexperiment priorisieren. KI-Agenten übernehmen datenintensive Analysen, während Wissenschaftler die Ergebnisse bewerten und Entwicklungsentscheidungen treffen. Die Investition kann Entwicklungszyklen verkürzen, muss ihren Wert aber letztlich durch bessere klinische Erfolgsquoten beweisen.
Recursion bringt KI-Kandidaten bis in die Klinik
Recursion Pharmaceuticals, Inc. (ISIN: US75629V1044) ist kein klassischer Pharmakonzern mit ergänzender KI-Abteilung. Das Unternehmen hat seine gesamte Entwicklungsplattform um große biologische Datensätze, maschinelles Lernen und automatisierte Experimente aufgebaut. REC-4881 wird inzwischen in einer Phase-II-Studie bei familiärer adenomatöser Polyposis untersucht. Recursion meldete in einer kleinen offenen Patientengruppe eine mediane Verringerung der Polypenlast um 43 Prozent nach 13 Wochen und um 53 Prozent nach 25 Wochen. Zudem überführte Genentech 2026 erstmals ein von der Recursion-Plattform identifiziertes Ziel aus der Neurologie in ein gemeinsames frühes Forschungsprogramm. Eine Medikamentenzulassung hat die Technologie bislang dennoch nicht hervorgebracht.
NeuroThera sucht nach verborgenen Patientengruppen
NeuroThera Labs Inc. (ISIN: CA64136J2002) nähert sich dem Problem von einer anderen Seite. Das Unternehmen hält seit 2026 einen Anteil von 54,01 Prozent an CliniQuantum, einem Entwickler quantengestützter Analysen für klinische Studien. NeuroThera bezahlte die Beteiligung mit Aktien, denen bei Abschluss der Transaktion ein Wert von rund 9,46 Millionen CAD zugerechnet wurde. Das Konzept richtet sich weniger auf die Entwicklung neuer Moleküle als auf die Auswertung bereits vorhandener klinischer Daten.
CliniQuantum will mit Quantenalgorithmen verborgene biologische Muster und Patientengruppen identifizieren, die auf eine Behandlung unterschiedlich reagieren. Für NeuroThera könnte das grundsätzlich relevant sein. Kleine Patientenzahlen und heterogene Reaktionen spielen sowohl bei Tourette als auch bei Alzheimer-bedingter Agitation oder Autismus eine zentrale Rolle. Eine genauere Unterteilung in Responder und Nicht-Responder könnte bei der Planung späterer Studien helfen und Signale sichtbar machen, die in einer Durchschnittsbetrachtung verschwinden.
Der Abstand zu Nvidia, Bristol Myers Squibb und Recursion bleibt jedoch erheblich. CliniQuantum verfügt bislang weder über ein zugelassenes Produkt noch über einen unabhängig belegten Quantenvorteil bei klinischen Studien. Auch eine interne technische Validierung beweist noch nicht, dass sich Studiendauer, Kosten oder Zulassungswahrscheinlichkeit tatsächlich verbessern. NeuroThera besitzt damit eine interessante Technologieoption, aber noch keine nachgewiesene Plattform.
Rechenleistung ersetzt den klinischen Beweis nicht
Die Ausfallquote von rund 90 Prozent erklärt, warum Pharmakonzerne und Technologieunternehmen Milliarden in bessere Entwicklungsmodelle investieren. Nvidia liefert die Infrastruktur, Bristol Myers Squibb integriert sie in einen großen Pharmakonzern und Recursion versucht, daraus eine durchgängige Entwicklungsmaschine zu bauen. NeuroThera setzt mit CliniQuantum später im Prozess an und will komplexe Studiendaten genauer aufschlüsseln.
Für NeuroThera wären dokumentierte Ergebnisse aus realen Datensätzen der nächste relevante Schritt. Danach müsste sich zeigen, ob die Plattform tatsächlich bessere Patientenselektion, klarere Endpunkte oder effizientere Studien ermöglicht. Erst solche Nachweise würden aus einer technologischen Hypothese einen operativen Vorteil für die klinische Pipeline machen.
Quellen
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9293739/
https://nvidianews.nvidia.com/news/nvidia-and-lilly-announce-co-innovation-lab-to-reinvent-drug-discovery-in-the-age-of-ai
https://news.bms.com/news/corporate-financial/2026/Bristol-Myers-Squibb-to-Build-the-Most-Powerful-AI-Factory-in-Life-Sciences-with-NVIDIA/default.aspx
https://ir.recursion.com/news-releases/news-release-details/recursion-reports-second-quarter-financial-results-genentech
https://www.sec.gov/Archives/edgar/data/1611746/000121390026027018/ea028148301ex99-1.htm
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