DJ Lane: Höherer Neutralzins durch KI noch weit entfernt
Von Hans Bentzien
DOW JONES--Der so genannte neutrale Gleichgewichtszins des Euroraums hat sich nach Aussage von Philip Lane, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), in jüngster Zeit nicht verändert. In einem Interview bei einer Konferenz von Societe Generale sagte Lane, die makroökonomischen Fundamentaldaten hätten sich bisher nicht allzu sehr verändert, und der Anstieg der langfristigen Marktzinsen könne auch Markterwartungen hinsichtlich des Verhaltens der Zentralbank spiegeln.
Der neutrale Gleichgewichtszins ist der nicht beobachtbare Zins, der das Wachstum weder anschiebt noch bremst, wobei sich die Inflationsrate beim Zielwert der Zentralbank befindet. Im März dieses Jahres hatte Lane gesagt, dass der neutrale Gleichgewichtszins seit 2024 leicht gestiegen sei. Lane nannte 2,50 (zuvor: 2,25) Prozent als neue Obergrenze des als neutral angenommenen Bereichs. Wollte die EZB die Wirtschaft bremsen, müsste sie ihren Leitzins auf ein Niveau heben, das oberhalb dieses Bereichs liegt.
Sie hat ihren Leitzins zuletzt auf 2,50 Prozent angehoben, und ESTR-Futures preisen bis Juni mindestens zwei weitere Zinserhöhungen ein. Lane wollte das nicht kommentieren. "Der Markt hat seine Aufgabe, und wir haben unsere", sagte er. Er erläuterte aber, wie die EZB zu ihren Schätzungen des neutralen Gleichgewichtszinses kommt.
1. Makroökonomische Analyse
"Der erste ist makroökonomisch: Man betrachtet die makroökonomischen Fundamentaldaten und fragt sich, ob es angesichts dieser Daten einen Grund gibt, unsere Sicht auf den langfristigen Zinssatz zu ändern. Bislang gibt es bei diesen fundamentalen Makrodaten keine allzu großen Veränderungen", sagte Lane. An dieser Einschätzung ändert sich auch durch Künstliche Intelligenz nichts, die sich Lane zufolge gerade in der Investitionsphase befindet und dies vor allem in den USA und in China.
2. Die Rolle der KI
In Europa entfallen nach EZB-Schätzungen bisher nur 10 Prozent der Investitionen auf KI. Der aktuelle Anstieg am langen Ende der Zinskurve sei aus europäischer Sicht also hauptsächlich ein Spillover-Effekt von stärkeren Investitionen andernorts, sagte Lane. In einer zweite Phase wird KI Lane zufolge die Produktivität der Wirtschaft erhöhen - aber dies sei noch weit entfernt. "Es wird Zeit brauchen, bis Berufsgruppen .. herausfinden, wie eine neue Karriere aussieht, die durch KI auf unterschiedliche Weise erweitert oder ersetzt wird", erläuterte der EZB-Chefvolkswirt.
Je nachdem, wie weit man also in die Zukunft blicke, welche Art von Anleihe man kaufen möchte, und wo man die Produktivität auf Fünf- oder Zehn-Jahres-Sicht verorte, gewinne dies an Relevanz. "Viele, die sich das genau ansehen, gehen von einer S-Kurve für die Produktivität aus. Wir befinden uns also noch im ganz flachen Bereich - ein wenig sichtbar, aber nicht sehr" sagte Lane. In einigen Jahren werde die Kurve dann steiler und viel sichtbarer. "Ich glaube also schon, dass die Produktivität in diesem Bereich anziehen wird, aber die größeren Zuwächse liegen noch weiter in der Zukunft."
3. Betrachtung der Langfristzinsen
Lane warnte davor, aus der Beobachtung der Langfristzinsen falsche Schlüsse hinsichtlich des neutralen Gleichgewichtszinses zu ziehen. "Das ist wie in einem Spiegelkabinett. Wenn man sagt, der Markt preist jetzt einen höheren Zehn-Jahres-Zins ein und deshalb sei r* (der gleichgewichtige Realzins) gestiegen", sagte er. Einerseits könne man sagen, dass es am Markt viele kluge Köpfe gebe, von denen man lernen sollte, und das berücksichtige die EZB auch. "Aber wir wissen natürlich auch, dass ein Teil der Marktentwicklung auf bloßen Annahmen über die Zentralbank beruht."
Kontakt: hans.bentzien@dowjones.com
DJG/hab/brb
(END) Dow Jones Newswires
October 08, 2026 07:10 ET (11:10 GMT)
Copyright (c) 2026 Dow Jones & Company, Inc.
