Hamburg (ots) -
Für Medienexperten ist der wirtschaftliche Druck durch die US-Tech-Konzerne einer der Hauptverursacher / Journalisten werden bei ihrer Arbeit gerade in bestimmten politischen Umfeldern eingeschränkt bzw. bedroht / Medien müssen der Versuchung widerstehen, Plattform-Logiken zu übernehmen - sie müssen selbstkritischer sein und mehr "Beziehungsarbeit" zu ihrer Leserschaft leisten
Hamburg, 12. Oktober 2026 - Die Pressefreiheit in Deutschland ist schon seit längerem keine Selbstverständlichkeit mehr, auch wenn sie institutionell stark geschützt ist. Dies zeigt sich im Rahmen einer Interview-Reihe mit Medienexperten, die das Internet-Portal "Haus der Pressefreiheit" anlässlich der 4. Hamburger Woche der Pressefreiheit auf der Homepage www.hausderpressefreiheit.de veröffentlicht hat. "In Deutschland steht die Pressefreiheit unter einem immensen Druck - und damit auch die Demokratie", erklärt der Geschäftsführer und Chefredakteur des Hamburger Bürgerkanals TIDE, Alexander Drechsel. Für ihn sind "die US-Tech-Konzerne, die mit ihren 'Sozialen Netzwerken' und profit-optimierten Algorithmen seit rund zwei Jahrzehnten die Geschäftsmodelle der Verlage zerstören", die Hauptverursacher dieser Entwicklung, unter der insbesondere der Lokaljournalismus leide.
Drechsel sieht die Freiheit der journalistischen Berichterstattung auf zwei Ebenen bedroht. Zum einen könnten sich Redaktionen, die unter wirtschaftlichem Druck stehen, bei der Themenfindung von ökonomischer Effizienz leiten lassen und zum anderen führten Personalkürzungen in Redaktionen bei gleichzeitig steigenden Aufgaben dazu, dass die fundierte, recherchierte Berichterstattung vor Ort zurückgehe. "Diese doppelte redaktionelle Unfreiheit gefährdet Demokratie, weil der öffentliche Aushandlungsprozess an Perspektivenvielfalt verliert. Wenn Journalisten nicht frei agieren können, können sie die freie Meinungsbildung als wesentliche Säule der Demokratie nicht stützen", befürchtet Drechsel.
Drechsel fordert im Interview mit dem "Haus der Pressefreiheit" die Medien zu mehr "Beziehungsarbeit" auf, denn nur "wenn sich Menschen gesehen und wertgeschätzt fühlen, entsteht Empathie, Offenheit und Toleranz". So würde der subjektive Wert von Pressefreiheit gesteigert. Begleitend dazu wäre es sinnvoll, dass Journalismus viel häufiger besonnen gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen fundiert begleite.
Patrick Gensing, Vereinssprecher des FC St. Pauli und früherer Leiter des ARD-Faktenfinder, beobachtet Entwicklungen, gegen die sich unsere Gesellschaft wehren muss. "Journalisten werden angegriffen und bedroht, insbesondere bei Demonstrationen oder bei Recherchen in radikalisierten, autoritären oder fundamentalistischen Milieus", sagt Gensing. Zugleich gäbe es gezielte Kampagnen, die nicht einzelne journalistische Fehler thematisieren, sondern Journalismus insgesamt delegitimieren sollen. Dadurch werde die Arbeit von Medien und Medienschaffenden erschwert oder eingeschränkt und die Voraussetzungen für eine freie, vielfältige Öffentlichkeit weniger selbstverständlich.
Pressefreiheit benötige nicht nur die Abwesenheit staatlicher Zensur, sondern auch eine vielfältige Medienlandschaft, die unabhängig handelnden, wirtschaftlich tragfähigen Journalismus ermöglichen und einen tatsächlichen Zugang zu Informationen gewährleisten kann. "Wenn lokale Medien verschwinden, Redaktionen kleiner werden und die öffentliche Kommunikation immer stärker von einigen wenigen Plattformen und deren Algorithmen bestimmt wird, verändert das die Bedingungen, unter denen Öffentlichkeit entsteht", so Gensing.
Grundsätzlich müssten sich Medien in einer veränderten Informationsarchitektur behaupten. "Plattformen belohnen Emotionalisierung, Konflikt, Personalisierung und Zuspitzung. Politische Akteure, radikalisierte Milieus und auch staatliche Propaganda nutzen diese Mechanismen gezielt. Dadurch entsteht nicht nur mehr Falschinformation. Es verändert sich auch die Wahrnehmung dessen, was gesellschaftlich relevant oder mehrheitsfähig ist. Es entsteht ein Zerrbild der Realität", erklärt Gensing.
Insbesondere etablierte Medien und seriöse Medienmarken tragen laut Gensing deshalb eine große Verantwortung: "Sie müssen der Versuchung widerstehen, die Logiken der Plattformen selbst zu übernehmen: Clickbait, Personalisierung, permanente Zuspitzung und starke Konfliktorientierung können kurzfristig Reichweite oder Verkäufe bringen, langfristig aber Vertrauen und Differenzierungsfähigkeit beschädigen. Journalistische Sorgfalt ist deshalb nicht nur eine berufsethische Frage, sondern auch eine demokratische Aufgabe", so Gensing weiter.
Der St. Pauli-Vereinssprecher ermutigte im Interview Medien dazu, auch Kritik zu zulassen und sich nicht hinter ihrer professionellen Rolle zu verschanzen, denn zur Transparenz gehöre auch Selbstkritik. Medien sollten offen darüber sprechen, unter welchem wirtschaftlichen Druck sie stehen und wie sehr Aufmerksamkeitslogiken inzwischen journalistische Entscheidungen beeinflussen können. "Wer anderen Institutionen Verantwortung abverlangt, muss sich auch selbst daran messen lassen, ob Überschriften, Dramatisierungen oder Personalisierungen der Sache dienen oder vor allem Reichweite erzeugen sollen", sagt Gensing.
Die Hamburger Woche der Pressefreiheit ist eine Initiative der @koerberstiftung und der @zeitstiftungbucerius, getragen von 60 Partner:innen. Das ganze Programm: www.pressefreiheit.hamburg
Das im April 2016 gestartete Internet-Portal www.hausderpressefreiheit.de dokumentiert Angriffe auf die Meinungs- und Pressefreiheit, auf die Redaktionsfreiheit und den Quellenschutz von Journalisten. Darüber hinaus zeigt es aktuelle und historische Aspekte zum Thema Pressefreiheit. In der Rubrik "Hall of Fame" finden sich inzwischen Porträts von über 450 Journalisten, Verlegern, Karikaturisten und Fotografen - Vorbilder für den Einsatz für die Pressefreiheit. Das Internet-Portal bietet allen Interessierten Informationen zur Entwicklung der Pressefreiheit auch mit Rechtsdokumenten und Präzedenz-Urteilen.
Pressekontakt:
Haus der Pressefreiheit
Joachim Haack, Tel. 040/39 92 72-0, E-Mail: presse@hausderpressefreiheit.de
Original-Content von: Haus der Pressefreiheit, übermittelt durch news aktuell
Originalmeldung: https://www.presseportal.de/pm/120403/6369291
Für Medienexperten ist der wirtschaftliche Druck durch die US-Tech-Konzerne einer der Hauptverursacher / Journalisten werden bei ihrer Arbeit gerade in bestimmten politischen Umfeldern eingeschränkt bzw. bedroht / Medien müssen der Versuchung widerstehen, Plattform-Logiken zu übernehmen - sie müssen selbstkritischer sein und mehr "Beziehungsarbeit" zu ihrer Leserschaft leisten
Hamburg, 12. Oktober 2026 - Die Pressefreiheit in Deutschland ist schon seit längerem keine Selbstverständlichkeit mehr, auch wenn sie institutionell stark geschützt ist. Dies zeigt sich im Rahmen einer Interview-Reihe mit Medienexperten, die das Internet-Portal "Haus der Pressefreiheit" anlässlich der 4. Hamburger Woche der Pressefreiheit auf der Homepage www.hausderpressefreiheit.de veröffentlicht hat. "In Deutschland steht die Pressefreiheit unter einem immensen Druck - und damit auch die Demokratie", erklärt der Geschäftsführer und Chefredakteur des Hamburger Bürgerkanals TIDE, Alexander Drechsel. Für ihn sind "die US-Tech-Konzerne, die mit ihren 'Sozialen Netzwerken' und profit-optimierten Algorithmen seit rund zwei Jahrzehnten die Geschäftsmodelle der Verlage zerstören", die Hauptverursacher dieser Entwicklung, unter der insbesondere der Lokaljournalismus leide.
Drechsel sieht die Freiheit der journalistischen Berichterstattung auf zwei Ebenen bedroht. Zum einen könnten sich Redaktionen, die unter wirtschaftlichem Druck stehen, bei der Themenfindung von ökonomischer Effizienz leiten lassen und zum anderen führten Personalkürzungen in Redaktionen bei gleichzeitig steigenden Aufgaben dazu, dass die fundierte, recherchierte Berichterstattung vor Ort zurückgehe. "Diese doppelte redaktionelle Unfreiheit gefährdet Demokratie, weil der öffentliche Aushandlungsprozess an Perspektivenvielfalt verliert. Wenn Journalisten nicht frei agieren können, können sie die freie Meinungsbildung als wesentliche Säule der Demokratie nicht stützen", befürchtet Drechsel.
Drechsel fordert im Interview mit dem "Haus der Pressefreiheit" die Medien zu mehr "Beziehungsarbeit" auf, denn nur "wenn sich Menschen gesehen und wertgeschätzt fühlen, entsteht Empathie, Offenheit und Toleranz". So würde der subjektive Wert von Pressefreiheit gesteigert. Begleitend dazu wäre es sinnvoll, dass Journalismus viel häufiger besonnen gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen fundiert begleite.
Patrick Gensing, Vereinssprecher des FC St. Pauli und früherer Leiter des ARD-Faktenfinder, beobachtet Entwicklungen, gegen die sich unsere Gesellschaft wehren muss. "Journalisten werden angegriffen und bedroht, insbesondere bei Demonstrationen oder bei Recherchen in radikalisierten, autoritären oder fundamentalistischen Milieus", sagt Gensing. Zugleich gäbe es gezielte Kampagnen, die nicht einzelne journalistische Fehler thematisieren, sondern Journalismus insgesamt delegitimieren sollen. Dadurch werde die Arbeit von Medien und Medienschaffenden erschwert oder eingeschränkt und die Voraussetzungen für eine freie, vielfältige Öffentlichkeit weniger selbstverständlich.
Pressefreiheit benötige nicht nur die Abwesenheit staatlicher Zensur, sondern auch eine vielfältige Medienlandschaft, die unabhängig handelnden, wirtschaftlich tragfähigen Journalismus ermöglichen und einen tatsächlichen Zugang zu Informationen gewährleisten kann. "Wenn lokale Medien verschwinden, Redaktionen kleiner werden und die öffentliche Kommunikation immer stärker von einigen wenigen Plattformen und deren Algorithmen bestimmt wird, verändert das die Bedingungen, unter denen Öffentlichkeit entsteht", so Gensing.
Grundsätzlich müssten sich Medien in einer veränderten Informationsarchitektur behaupten. "Plattformen belohnen Emotionalisierung, Konflikt, Personalisierung und Zuspitzung. Politische Akteure, radikalisierte Milieus und auch staatliche Propaganda nutzen diese Mechanismen gezielt. Dadurch entsteht nicht nur mehr Falschinformation. Es verändert sich auch die Wahrnehmung dessen, was gesellschaftlich relevant oder mehrheitsfähig ist. Es entsteht ein Zerrbild der Realität", erklärt Gensing.
Insbesondere etablierte Medien und seriöse Medienmarken tragen laut Gensing deshalb eine große Verantwortung: "Sie müssen der Versuchung widerstehen, die Logiken der Plattformen selbst zu übernehmen: Clickbait, Personalisierung, permanente Zuspitzung und starke Konfliktorientierung können kurzfristig Reichweite oder Verkäufe bringen, langfristig aber Vertrauen und Differenzierungsfähigkeit beschädigen. Journalistische Sorgfalt ist deshalb nicht nur eine berufsethische Frage, sondern auch eine demokratische Aufgabe", so Gensing weiter.
Der St. Pauli-Vereinssprecher ermutigte im Interview Medien dazu, auch Kritik zu zulassen und sich nicht hinter ihrer professionellen Rolle zu verschanzen, denn zur Transparenz gehöre auch Selbstkritik. Medien sollten offen darüber sprechen, unter welchem wirtschaftlichen Druck sie stehen und wie sehr Aufmerksamkeitslogiken inzwischen journalistische Entscheidungen beeinflussen können. "Wer anderen Institutionen Verantwortung abverlangt, muss sich auch selbst daran messen lassen, ob Überschriften, Dramatisierungen oder Personalisierungen der Sache dienen oder vor allem Reichweite erzeugen sollen", sagt Gensing.
Die Hamburger Woche der Pressefreiheit ist eine Initiative der @koerberstiftung und der @zeitstiftungbucerius, getragen von 60 Partner:innen. Das ganze Programm: www.pressefreiheit.hamburg
Das im April 2016 gestartete Internet-Portal www.hausderpressefreiheit.de dokumentiert Angriffe auf die Meinungs- und Pressefreiheit, auf die Redaktionsfreiheit und den Quellenschutz von Journalisten. Darüber hinaus zeigt es aktuelle und historische Aspekte zum Thema Pressefreiheit. In der Rubrik "Hall of Fame" finden sich inzwischen Porträts von über 450 Journalisten, Verlegern, Karikaturisten und Fotografen - Vorbilder für den Einsatz für die Pressefreiheit. Das Internet-Portal bietet allen Interessierten Informationen zur Entwicklung der Pressefreiheit auch mit Rechtsdokumenten und Präzedenz-Urteilen.
Pressekontakt:
Haus der Pressefreiheit
Joachim Haack, Tel. 040/39 92 72-0, E-Mail: presse@hausderpressefreiheit.de
Original-Content von: Haus der Pressefreiheit, übermittelt durch news aktuell
Originalmeldung: https://www.presseportal.de/pm/120403/6369291
© 2026 news aktuell
