Marburg (ots) -
Erstes Marburger Symposium zu postinfektiösen Erkrankungen am 11. November 2026 - Mehr als zehn Millionen Euro Forschungsförderung in fünf Jahren, interdisziplinäre Forschungsverbünde und das Zentrum für postinfektiöse Syndrome (CEPIS) unterstreichen die wissenschaftliche Kompetenz der Philipps-Universität Marburg, des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM) sowie ihrer regionalen Forschungspartner.
Am 11. November 2026 wird Marburg zum Treffpunkt internationaler Forschung zu postinfektiösen Erkrankungen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Ärztinnen und Ärzte sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Gesundheitswesen und Betroffenenorganisationen kommen zum ersten Marburger Symposium zu Long COVID, Post-Vac-Syndrom und Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) zusammen. Die hybride Veranstaltung widmet sich aktuellen Erkenntnissen über die Krankheitsmechanismen, neuen diagnostischen und therapeutischen Forschungsansätzen sowie der Frage, wie wissenschaftliche Fortschritte schneller in eine bedarfsgerechte Patientenversorgung überführt werden können.
Fünf Jahre interdisziplinäre Forschung in Marburg
Ausgehend von klinischen Beobachtungen während der COVID-19-Pandemie haben die Philipps-Universität Marburg und das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) seit 2020 umfangreiche interdisziplinäre Forschungsaktivitäten zu postinfektiösen Erkrankungen aufgebaut. Forschende aus Innerer Medizin, Infektionsmedizin, Neurowissenschaften, Physiologie, Impfstoffforschung, Biochemie, Bioinformatik und künstlicher Intelligenz untersuchen gemeinsam die bislang nur unzureichend verstandenen Krankheitsmechanismen von Long COVID und ME/CFS. Diese Aktivitäten werden unter anderem im Zentrum für postinfektiöse Syndrome (CEPIS) gebündelt und sind in nationale und internationale Forschungsnetzwerke eingebunden, darunter die Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung und das Netzwerk Universitätsmedizin. In den vergangenen fünf Jahren konnten für die beteiligten Forschungsaktivitäten mehr als 10 Millionen Euro an Fördermitteln von Bund, Ländern und der Europäischen Union eingeworben werden. Die Zusammenarbeit mit Einrichtungen zur Erforschung seltener und unerkannter Erkrankungen ergänzt die klinische und wissenschaftliche Expertise.
Hohe Krankheitslast bei begrenzten Behandlungsmöglichkeiten
Trotz erheblicher Forschungsanstrengungen bleibt die Versorgung von Menschen mit Long COVID und ME/CFS eine große medizinische und gesellschaftliche Herausforderung. In Deutschland sind vermutlich mehrere Hunderttausend Menschen von den anhaltenden gesundheitlichen Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion betroffen. Aufgrund unterschiedlicher Krankheitsdefinitionen und einer unvollständigen Erfassung lässt sich die Zahl der aktuell Erkrankten bislang nicht zuverlässig bestimmen. Nach einer Bestandsaufnahme des Robert Koch-Instituts aus dem Jahr 2026 werden in epidemiologischen Studien bei etwa 10-15 % der Erwachsenen nach einer SARS-CoV-2-Infektion länger anhaltende Beschwerden beschrieben.¹
Long COVID und ME/CFS können mit ausgeprägter körperlicher und kognitiver Erschöpfung, Belastungsintoleranz, autonomen Funktionsstörungen und Schlafstörungen einhergehen. Für ME/CFS ist insbesondere die postexertionelle Malaise (PEM) charakteristisch, eine Verschlechterung der Beschwerden nach bereits geringer körperlicher oder geistiger Belastung. Schwere Krankheitsverläufe können die Erwerbsfähigkeit, das Familienleben und die gesellschaftliche Teilhabe über Jahre hinweg erheblich einschränken.
Die biologischen Ursachen sind bislang nur teilweise aufgeklärt. Allgemein validierte, krankheitsspezifische Biomarker für die klinische Routinediagnostik fehlen ebenso wie hinreichend belegte, ursächlich wirksame Therapien. Die Behandlung konzentriert sich daher auf differenzierte Diagnostik, symptomorientierte Maßnahmen und die Vermeidung krankheitsbedingter Verschlechterungen. Für viele Betroffene bleiben lange diagnostische Wege und ein unzureichender Zugang zu spezialisierter Versorgung bestehen.
Von der klinischen Beobachtung zur gezielten Therapie: Der Marburger Forschungsansatz
Ein Schwerpunkt der Marburger Forschung ist die systematische Verknüpfung klinischer Beobachtungen mit molekularbiologischen, immunologischen und metabolischen Untersuchungen sowie mit datenwissenschaftlichen Analyseverfahren. Ziel ist es, die biologischen Grundlagen unterschiedlicher Krankheitsverläufe zu identifizieren, Patientengruppen anhand klinischer und molekularer Merkmale differenzierter zu charakterisieren und daraus überprüfbare diagnostische und therapeutische Ansätze abzuleiten.
Im Mittelpunkt stehen mögliche Wechselwirkungen zwischen dem Immunsystem, der Gefäßfunktion, dem Stoffwechsel und der neuroendokrinen Regulation. Die Zusammenführung klinischer Patientendaten mit experimentellen Analysen soll dabei helfen, krankheitsrelevante Signalwege und potenzielle Biomarker zu identifizieren. Langfristig könnte dies die Grundlage für eine stärker individualisierte Diagnostik und zielgerichtete Behandlungsstrategien schaffen.
Große Forschungsverbünde wie MIRACLE zur Erforschung von ME/CFS, PROGRESS zur Weiterentwicklung der Long-COVID-Versorgung, SYMPTOM-AI zur KI-gestützten Analyse komplexer Krankheitsbilder sowie das neu geförderte Projekt VITAL spiegeln die Breite dieser Aktivitäten wider. Hinzu kommen Kooperationen mit der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Technischen Hochschule Mittelhessen, die Beteiligung am bundesweiten LongCARE-Forschungsverbund und am Netzwerk Universitätsmedizin sowie europäische Kooperationen in der Impfstoffforschung, unter anderem im Zusammenhang mit dem EU-Vaccine-Hub.
Versorgungsforschung: Wissenschaftliche Erkenntnisse in die medizinische Praxis übertragen
Neben der biologischen Grundlagenforschung bildet die Versorgungsforschung einen eigenständigen Schwerpunkt. Denn neue wissenschaftliche Erkenntnisse können die Situation der Betroffenen nur dann verbessern, wenn sie klinisch überprüft und in geeignete Versorgungsstrukturen integriert werden. Mit spezialisierten Ambulanzen, standardisierten klinischen Untersuchungsalgorithmen und der Hessischen Netzwerkkoordinationsstelle für Post-COVID wurden in Marburg frühzeitig Strukturen geschaffen, die Patientenversorgung, systematische Datenerhebung und wissenschaftliche Evaluation miteinander verbinden.
Ein besonderes Augenmerk gilt der Zusammenarbeit zwischen hausärztlichen Praxen, spezialisierten Ambulanzen und universitären Forschungseinrichtungen. Im Rahmen des Projekts PROGRESS werden Versorgungsprozesse untersucht und praxisnahe Konzepte entwickelt, um diagnostische Verzögerungen zu reduzieren, Krankheitsverläufe systematischer zu erfassen und die kontinuierliche Betreuung zu verbessern.
Der translationale Ansatz des CEPIS verbindet damit drei zentrale Aufgaben: Krankheitsmechanismen zu verstehen, diagnostische und therapeutische Strategien wissenschaftlich zu überprüfen und neue Erkenntnisse für eine breitere Patientenversorgung nutzbar zu machen.
Ein Symposium für Wissenschaft, Medizin und Gesellschaft
Das internationale Post-COVID- und ME/CFS-Symposium findet am Mittwoch, dem 11. November 2026, von 9 bis 17 Uhr im Auditorium des Universitätsklinikums Marburg statt. Es findet im Rahmen der etablierten wissenschaftlichen Veranstaltungsreihe "Von der Inflammation zur Innovation" statt.
"Das Symposium richtet sich bewusst an ein breites Publikum. Studierende, Forschende, Betroffene sowie ärztliche Kolleginnen und Kollegen sind eingeladen, sich über aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen zu informieren und miteinander ins Gespräch zu kommen", erklärt Prof. Dr. Bange, Vizepräsident für Forschung der Philipps-Universität Marburg.
"Unser Ziel ist es, die Lücke zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und klinischer Versorgung zu verkleinern", betont Prof. Dr. Bernhard Schieffer, Organisator des Symposiums. "Wir müssen verstehen, welche biologischen Mechanismen postinfektiöse Erkrankungen auslösen und aufrechterhalten und weshalb sich so unterschiedliche Krankheitsverläufe entwickeln. Daraus wollen wir gezielte diagnostische und therapeutische Ansätze ableiten und wissenschaftlich überprüfen. Gleichzeitig müssen diese Erkenntnisse die Betroffenen erreichen. Deshalb verbinden wir in Marburg molekulare Grundlagenforschung und klinische Untersuchungen mit der Entwicklung neuer Versorgungsmodelle. Angesichts der hohen gesellschaftlichen Krankheitslast ist dies nicht nur eine medizinisch-wissenschaftliche, sondern auch eine gesundheitspolitische Aufgabe."
Wissenschaftliche Erkenntnisse und gesundheitspolitischer Dialog
Das Symposium verbindet internationale wissenschaftliche Expertise mit klinischer Erfahrung und gesundheitspolitischer Diskussion. In Keynote Lectures präsentieren nationale und internationale Fachleute aktuelle Erkenntnisse zu immunologischen, neurobiologischen und metabolischen Mechanismen postinfektiöser Erkrankungen sowie mögliche Ansätze für Diagnostik und Therapie.
Am Nachmittag stellen die beteiligten Forschungsverbünde ihre Arbeiten in kompakten Rapid-Fire-Vorträgen vor. Eine Poster-Session bietet insbesondere jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, darunter Forschenden aus dem bundesweiten LongCARE-Netzwerk, die Gelegenheit zum interdisziplinären Austausch.
Ein Höhepunkt ist die Podiumsdiskussion "Lücken in der Versorgung, Hürden in der wissenschaftlichen Entwicklung, Handlungsempfehlungen". Mit Tanja Raab-Rhein, Schirmherrin der hessischen Zentren für seltene und unerkannte Erkrankungen, Dr. Francesco De Meo, ehemaliger CEO der Helios Kliniken und selbst Betroffener, Stefanie von Wietersheim, Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sowie Martin Till von der BARMER Hessen kommen unterschiedliche Perspektiven aus dem Gesundheitswesen, den Medien und der Erfahrung mit der Erkrankung zusammen.
Diskutiert werden strukturelle Defizite in der Versorgung, Herausforderungen bei der Entwicklung und klinischen Prüfung neuer Therapien sowie die notwendigen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen. Eine besondere Rolle spielt dabei die hausärztliche Versorgung: Hausärztinnen und Hausärzte sind für viele Betroffene die ersten und langfristig wichtigsten medizinischen Ansprechpartner. Ihre Vernetzung mit spezialisierten Einrichtungen ist deshalb eine wesentliche Voraussetzung für eine kontinuierliche und bedarfsgerechte Betreuung.
Von der Inflammation zur Innovation
Das Marburger Symposium soll den wissenschaftlichen Austausch fördern und Perspektiven für die künftige Erforschung und Versorgung postinfektiöser Erkrankungen aufzeigen. Entscheidend ist dabei die Verbindung von Grundlagenforschung, klinischer Medizin, digitalen Technologien und Versorgungswissenschaft. Neue Erkenntnisse über Krankheitsmechanismen müssen in diagnostische und therapeutische Konzepte überführt, klinisch validiert und schließlich in tragfähige Versorgungsstrukturen integriert werden.
Mit dem ersten Marburger Symposium zu Long COVID, Post-Vac-Syndrom und ME/CFS unterstreicht der Forschungsstandort Marburg seinen Anspruch, wissenschaftliche Erkenntnisse und klinische Versorgung enger miteinander zu verbinden und damit zur Verbesserung der medizinischen Betreuung von Menschen mit postinfektiösen Erkrankungen beizutragen.
Veranstaltungshinweise
Internationales Post-COVID & ME/CFS Symposium
Datum: Mittwoch, 11. November 2026
Uhrzeit: 9:00-17:00 Uhr
Ort: Auditorium des Universitätsklinikums Marburg, Baldingerstraße, 35043 Marburg
Teilnahme: In Präsenz oder online, kostenfrei, Anmeldung erforderlich
Anmeldung und Programm: Veranstaltungen - Universitätsklinikum Giessen und Marburg (https://www.ukgm.de/ugm_2/deu/umr_kar/umr_kar_cal.php)
Kontakt: Hessische postCOVID und ME/CFS Netzwerkkoordinationsstelle: Info-PostCovid.MR@uk-gm.de
Medienvertreterinnen und Medienvertreter sind zur Berichterstattung eingeladen. Möglichkeiten für wissenschaftliche Hintergrundgespräche und Interviews mit den beteiligten Expertinnen und Experten können im Vorfeld mit dem Organisationsteam abgestimmt werden.
¹ Nübel J et al. Long COVID bei Erwachsenen - eine aktuelle Bestandsaufnahme der gesundheitlichen Langzeitfolgen nach SARS-CoV-2-Infektion. Journal of Health Monitoring. 2026;11:02. doi: 10.25646/13576.
Das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) (https://www.ukgm.de/home.html) mit seinen 86 Kliniken und Instituten an den beiden Standorten Gießen und Marburg ist das drittgrößte Universitätsklinikum Deutschlands. Seit Februar 2006 trägt die RHÖN-KLINIKUM AG (https://www.rhoen-klinikum-ag.com/) zu 95 Prozent die Verantwortung als Betreiber dieses privatisierten Universitätsklinikums. www.ukgm.de
Pressekontakt:
Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH (UKGM)
Thomas Steiner | Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
T. +49 6421 58 - 68038 | thomas.steiner@uk-gm.de
Original-Content von: RHÖN-KLINIKUM AG, übermittelt durch news aktuell
Originalmeldung: https://www.presseportal.de/pm/109212/6376036
Erstes Marburger Symposium zu postinfektiösen Erkrankungen am 11. November 2026 - Mehr als zehn Millionen Euro Forschungsförderung in fünf Jahren, interdisziplinäre Forschungsverbünde und das Zentrum für postinfektiöse Syndrome (CEPIS) unterstreichen die wissenschaftliche Kompetenz der Philipps-Universität Marburg, des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM) sowie ihrer regionalen Forschungspartner.
Am 11. November 2026 wird Marburg zum Treffpunkt internationaler Forschung zu postinfektiösen Erkrankungen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Ärztinnen und Ärzte sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Gesundheitswesen und Betroffenenorganisationen kommen zum ersten Marburger Symposium zu Long COVID, Post-Vac-Syndrom und Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) zusammen. Die hybride Veranstaltung widmet sich aktuellen Erkenntnissen über die Krankheitsmechanismen, neuen diagnostischen und therapeutischen Forschungsansätzen sowie der Frage, wie wissenschaftliche Fortschritte schneller in eine bedarfsgerechte Patientenversorgung überführt werden können.
Fünf Jahre interdisziplinäre Forschung in Marburg
Ausgehend von klinischen Beobachtungen während der COVID-19-Pandemie haben die Philipps-Universität Marburg und das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) seit 2020 umfangreiche interdisziplinäre Forschungsaktivitäten zu postinfektiösen Erkrankungen aufgebaut. Forschende aus Innerer Medizin, Infektionsmedizin, Neurowissenschaften, Physiologie, Impfstoffforschung, Biochemie, Bioinformatik und künstlicher Intelligenz untersuchen gemeinsam die bislang nur unzureichend verstandenen Krankheitsmechanismen von Long COVID und ME/CFS. Diese Aktivitäten werden unter anderem im Zentrum für postinfektiöse Syndrome (CEPIS) gebündelt und sind in nationale und internationale Forschungsnetzwerke eingebunden, darunter die Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung und das Netzwerk Universitätsmedizin. In den vergangenen fünf Jahren konnten für die beteiligten Forschungsaktivitäten mehr als 10 Millionen Euro an Fördermitteln von Bund, Ländern und der Europäischen Union eingeworben werden. Die Zusammenarbeit mit Einrichtungen zur Erforschung seltener und unerkannter Erkrankungen ergänzt die klinische und wissenschaftliche Expertise.
Hohe Krankheitslast bei begrenzten Behandlungsmöglichkeiten
Trotz erheblicher Forschungsanstrengungen bleibt die Versorgung von Menschen mit Long COVID und ME/CFS eine große medizinische und gesellschaftliche Herausforderung. In Deutschland sind vermutlich mehrere Hunderttausend Menschen von den anhaltenden gesundheitlichen Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion betroffen. Aufgrund unterschiedlicher Krankheitsdefinitionen und einer unvollständigen Erfassung lässt sich die Zahl der aktuell Erkrankten bislang nicht zuverlässig bestimmen. Nach einer Bestandsaufnahme des Robert Koch-Instituts aus dem Jahr 2026 werden in epidemiologischen Studien bei etwa 10-15 % der Erwachsenen nach einer SARS-CoV-2-Infektion länger anhaltende Beschwerden beschrieben.¹
Long COVID und ME/CFS können mit ausgeprägter körperlicher und kognitiver Erschöpfung, Belastungsintoleranz, autonomen Funktionsstörungen und Schlafstörungen einhergehen. Für ME/CFS ist insbesondere die postexertionelle Malaise (PEM) charakteristisch, eine Verschlechterung der Beschwerden nach bereits geringer körperlicher oder geistiger Belastung. Schwere Krankheitsverläufe können die Erwerbsfähigkeit, das Familienleben und die gesellschaftliche Teilhabe über Jahre hinweg erheblich einschränken.
Die biologischen Ursachen sind bislang nur teilweise aufgeklärt. Allgemein validierte, krankheitsspezifische Biomarker für die klinische Routinediagnostik fehlen ebenso wie hinreichend belegte, ursächlich wirksame Therapien. Die Behandlung konzentriert sich daher auf differenzierte Diagnostik, symptomorientierte Maßnahmen und die Vermeidung krankheitsbedingter Verschlechterungen. Für viele Betroffene bleiben lange diagnostische Wege und ein unzureichender Zugang zu spezialisierter Versorgung bestehen.
Von der klinischen Beobachtung zur gezielten Therapie: Der Marburger Forschungsansatz
Ein Schwerpunkt der Marburger Forschung ist die systematische Verknüpfung klinischer Beobachtungen mit molekularbiologischen, immunologischen und metabolischen Untersuchungen sowie mit datenwissenschaftlichen Analyseverfahren. Ziel ist es, die biologischen Grundlagen unterschiedlicher Krankheitsverläufe zu identifizieren, Patientengruppen anhand klinischer und molekularer Merkmale differenzierter zu charakterisieren und daraus überprüfbare diagnostische und therapeutische Ansätze abzuleiten.
Im Mittelpunkt stehen mögliche Wechselwirkungen zwischen dem Immunsystem, der Gefäßfunktion, dem Stoffwechsel und der neuroendokrinen Regulation. Die Zusammenführung klinischer Patientendaten mit experimentellen Analysen soll dabei helfen, krankheitsrelevante Signalwege und potenzielle Biomarker zu identifizieren. Langfristig könnte dies die Grundlage für eine stärker individualisierte Diagnostik und zielgerichtete Behandlungsstrategien schaffen.
Große Forschungsverbünde wie MIRACLE zur Erforschung von ME/CFS, PROGRESS zur Weiterentwicklung der Long-COVID-Versorgung, SYMPTOM-AI zur KI-gestützten Analyse komplexer Krankheitsbilder sowie das neu geförderte Projekt VITAL spiegeln die Breite dieser Aktivitäten wider. Hinzu kommen Kooperationen mit der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Technischen Hochschule Mittelhessen, die Beteiligung am bundesweiten LongCARE-Forschungsverbund und am Netzwerk Universitätsmedizin sowie europäische Kooperationen in der Impfstoffforschung, unter anderem im Zusammenhang mit dem EU-Vaccine-Hub.
Versorgungsforschung: Wissenschaftliche Erkenntnisse in die medizinische Praxis übertragen
Neben der biologischen Grundlagenforschung bildet die Versorgungsforschung einen eigenständigen Schwerpunkt. Denn neue wissenschaftliche Erkenntnisse können die Situation der Betroffenen nur dann verbessern, wenn sie klinisch überprüft und in geeignete Versorgungsstrukturen integriert werden. Mit spezialisierten Ambulanzen, standardisierten klinischen Untersuchungsalgorithmen und der Hessischen Netzwerkkoordinationsstelle für Post-COVID wurden in Marburg frühzeitig Strukturen geschaffen, die Patientenversorgung, systematische Datenerhebung und wissenschaftliche Evaluation miteinander verbinden.
Ein besonderes Augenmerk gilt der Zusammenarbeit zwischen hausärztlichen Praxen, spezialisierten Ambulanzen und universitären Forschungseinrichtungen. Im Rahmen des Projekts PROGRESS werden Versorgungsprozesse untersucht und praxisnahe Konzepte entwickelt, um diagnostische Verzögerungen zu reduzieren, Krankheitsverläufe systematischer zu erfassen und die kontinuierliche Betreuung zu verbessern.
Der translationale Ansatz des CEPIS verbindet damit drei zentrale Aufgaben: Krankheitsmechanismen zu verstehen, diagnostische und therapeutische Strategien wissenschaftlich zu überprüfen und neue Erkenntnisse für eine breitere Patientenversorgung nutzbar zu machen.
Ein Symposium für Wissenschaft, Medizin und Gesellschaft
Das internationale Post-COVID- und ME/CFS-Symposium findet am Mittwoch, dem 11. November 2026, von 9 bis 17 Uhr im Auditorium des Universitätsklinikums Marburg statt. Es findet im Rahmen der etablierten wissenschaftlichen Veranstaltungsreihe "Von der Inflammation zur Innovation" statt.
"Das Symposium richtet sich bewusst an ein breites Publikum. Studierende, Forschende, Betroffene sowie ärztliche Kolleginnen und Kollegen sind eingeladen, sich über aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen zu informieren und miteinander ins Gespräch zu kommen", erklärt Prof. Dr. Bange, Vizepräsident für Forschung der Philipps-Universität Marburg.
"Unser Ziel ist es, die Lücke zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und klinischer Versorgung zu verkleinern", betont Prof. Dr. Bernhard Schieffer, Organisator des Symposiums. "Wir müssen verstehen, welche biologischen Mechanismen postinfektiöse Erkrankungen auslösen und aufrechterhalten und weshalb sich so unterschiedliche Krankheitsverläufe entwickeln. Daraus wollen wir gezielte diagnostische und therapeutische Ansätze ableiten und wissenschaftlich überprüfen. Gleichzeitig müssen diese Erkenntnisse die Betroffenen erreichen. Deshalb verbinden wir in Marburg molekulare Grundlagenforschung und klinische Untersuchungen mit der Entwicklung neuer Versorgungsmodelle. Angesichts der hohen gesellschaftlichen Krankheitslast ist dies nicht nur eine medizinisch-wissenschaftliche, sondern auch eine gesundheitspolitische Aufgabe."
Wissenschaftliche Erkenntnisse und gesundheitspolitischer Dialog
Das Symposium verbindet internationale wissenschaftliche Expertise mit klinischer Erfahrung und gesundheitspolitischer Diskussion. In Keynote Lectures präsentieren nationale und internationale Fachleute aktuelle Erkenntnisse zu immunologischen, neurobiologischen und metabolischen Mechanismen postinfektiöser Erkrankungen sowie mögliche Ansätze für Diagnostik und Therapie.
Am Nachmittag stellen die beteiligten Forschungsverbünde ihre Arbeiten in kompakten Rapid-Fire-Vorträgen vor. Eine Poster-Session bietet insbesondere jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, darunter Forschenden aus dem bundesweiten LongCARE-Netzwerk, die Gelegenheit zum interdisziplinären Austausch.
Ein Höhepunkt ist die Podiumsdiskussion "Lücken in der Versorgung, Hürden in der wissenschaftlichen Entwicklung, Handlungsempfehlungen". Mit Tanja Raab-Rhein, Schirmherrin der hessischen Zentren für seltene und unerkannte Erkrankungen, Dr. Francesco De Meo, ehemaliger CEO der Helios Kliniken und selbst Betroffener, Stefanie von Wietersheim, Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sowie Martin Till von der BARMER Hessen kommen unterschiedliche Perspektiven aus dem Gesundheitswesen, den Medien und der Erfahrung mit der Erkrankung zusammen.
Diskutiert werden strukturelle Defizite in der Versorgung, Herausforderungen bei der Entwicklung und klinischen Prüfung neuer Therapien sowie die notwendigen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen. Eine besondere Rolle spielt dabei die hausärztliche Versorgung: Hausärztinnen und Hausärzte sind für viele Betroffene die ersten und langfristig wichtigsten medizinischen Ansprechpartner. Ihre Vernetzung mit spezialisierten Einrichtungen ist deshalb eine wesentliche Voraussetzung für eine kontinuierliche und bedarfsgerechte Betreuung.
Von der Inflammation zur Innovation
Das Marburger Symposium soll den wissenschaftlichen Austausch fördern und Perspektiven für die künftige Erforschung und Versorgung postinfektiöser Erkrankungen aufzeigen. Entscheidend ist dabei die Verbindung von Grundlagenforschung, klinischer Medizin, digitalen Technologien und Versorgungswissenschaft. Neue Erkenntnisse über Krankheitsmechanismen müssen in diagnostische und therapeutische Konzepte überführt, klinisch validiert und schließlich in tragfähige Versorgungsstrukturen integriert werden.
Mit dem ersten Marburger Symposium zu Long COVID, Post-Vac-Syndrom und ME/CFS unterstreicht der Forschungsstandort Marburg seinen Anspruch, wissenschaftliche Erkenntnisse und klinische Versorgung enger miteinander zu verbinden und damit zur Verbesserung der medizinischen Betreuung von Menschen mit postinfektiösen Erkrankungen beizutragen.
Veranstaltungshinweise
Internationales Post-COVID & ME/CFS Symposium
Datum: Mittwoch, 11. November 2026
Uhrzeit: 9:00-17:00 Uhr
Ort: Auditorium des Universitätsklinikums Marburg, Baldingerstraße, 35043 Marburg
Teilnahme: In Präsenz oder online, kostenfrei, Anmeldung erforderlich
Anmeldung und Programm: Veranstaltungen - Universitätsklinikum Giessen und Marburg (https://www.ukgm.de/ugm_2/deu/umr_kar/umr_kar_cal.php)
Kontakt: Hessische postCOVID und ME/CFS Netzwerkkoordinationsstelle: Info-PostCovid.MR@uk-gm.de
Medienvertreterinnen und Medienvertreter sind zur Berichterstattung eingeladen. Möglichkeiten für wissenschaftliche Hintergrundgespräche und Interviews mit den beteiligten Expertinnen und Experten können im Vorfeld mit dem Organisationsteam abgestimmt werden.
¹ Nübel J et al. Long COVID bei Erwachsenen - eine aktuelle Bestandsaufnahme der gesundheitlichen Langzeitfolgen nach SARS-CoV-2-Infektion. Journal of Health Monitoring. 2026;11:02. doi: 10.25646/13576.
Das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) (https://www.ukgm.de/home.html) mit seinen 86 Kliniken und Instituten an den beiden Standorten Gießen und Marburg ist das drittgrößte Universitätsklinikum Deutschlands. Seit Februar 2006 trägt die RHÖN-KLINIKUM AG (https://www.rhoen-klinikum-ag.com/) zu 95 Prozent die Verantwortung als Betreiber dieses privatisierten Universitätsklinikums. www.ukgm.de
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Thomas Steiner | Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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