Der Wahlsieg von Luiz Inácio Lula da Silva überrascht die Märkte und löst einen deutlichen Abverkauf brasilianischer Vermögenswerte aus. Mittelfristig könnten strukturelle Faktoren und die günstige Bewertung brasilianischer Aktien jedoch für eine Stabilisierung sprechen.
Der amtierende Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat sich in der Stichwahl der brasilianischen Präsidentschaftswahl knapp gegen Flávio Bolsonaro durchgesetzt. Dabei war der Sohn des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro nach seinem Erfolg im ersten Wahlgang als klarer Favorit in die entscheidende Runde gegangen.
Für die Finanzmärkte, die einen Wahlsieg Bolsonaros bereits weitgehend eingepreist hatten, bedeutet das Ergebnis einen Rückschlag. In Erwartung einer möglichen Präsidentschaft Bolsonaros und der Umsetzung seiner wirtschaftspolitischen Agenda, mit fiskalischer Konsolidierung, Privatisierungen staatlicher Unternehmen und strukturellen Steuerreformen, hatten internationale Investoren in den vergangenen Wochen und Monaten ihre Engagements in brasilianischen Vermögenswerten deutlich
ausgebaut. Nach Bolsonaros Erfolg im ersten Wahlgang verzeichnete die brasilianische Börse Rekordzuflüsse ausländischer Investoren. Gleichzeitig legten brasilianische Aktien- und Devisenindizes zu, während die Wahrscheinlichkeit eines Wahlsiegs Bolsonaros an den Märkten stieg (Grafik 1).
"Die Marktreaktion zeigt, wie stark sich internationale Investoren im Vorfeld auf einen Wahlsieg Bolsonaros positioniert hatten. Nach dessen Wahlniederlage werden diese Positionen nun infrage gestellt", sagt Ulrich Urbahn, Leiter Portfoliomanagement Alternatives und Leiter Multi Asset Strategy & Research bei Berenberg.
Die Neubewertung brasilianischer Vermögenswerte schlug sich in deutlichen Kursverlusten nieder. Brasilianische Aktien, die nach Bolsonaros Erfolg im ersten Wahlgang kräftig zugelegt hatten, gerieten am Montag unter Druck. In Deutschland gehandelte ETFs, die den breiten brasilianischen Aktienmarkt abbilden, notieren derzeit rund 20 % unter ihrem Schlusskurs vom Freitag. Die Renditen zehnjähriger brasilianischer Staatsanleihen stiegen über das Wochenende um mehr als 20 Basispunkte.
Der brasilianische Real verlor gegenüber dem Euro knapp 8 %. Für Anleger könnte sich die aktuelle Korrektur mittelfristig allerdings als Einstiegschance erweisen. Strukturelle Faktoren wie der gegenwärtige Rohstoff-Superzyklus und die pro-lateinamerikanische Ausrichtung der US-Außenpolitik dürften brasilianische Aktien auch unabhängig von einer Präsidentschaft Bolsonaros stützen. Zudem dürfte der konservativ geprägte Kongress den fiskalpolitischen Handlungsspielraum Lulas erheblich begrenzen.
