(neu: Aufmachung als Frage-&-Antwort-Stück, Details, Kurs im letzten Absatz aktualisiert.)
WOLFSBURG (dpa-AFX) - Volkswagen steuert auf das erste Verlustjahr seit dem Diesel-Skandal zu. Im dritten Quartal stand unter dem Strich ein Verlust von rund 5,82 Milliarden Euro, wie der Konzern in Wolfsburg mitteilte. Damit ändern sich auch die Vorzeichen für das bisherige Jahr: Für die ersten neun Monate steht ein Ergebnis nach Steuern von minus 2,72 Milliarden Euro. Ein großer Teil davon sind zwar Buchverluste - aber nicht nur.
Das sind die wichtigsten Gründe für die tiefroten Zahlen bei Europas größtem Autobauer:
Mehr Stromer, weniger Geld: das E-Auto-Paradox
Volkswagen verliert bei den Verkaufszahlen deutlich an Boden. Im laufenden Jahr steuert der Konzern weltweit auf ungefähr acht Millionen Auslieferungen zu. Einen Lichtblick gibt es aber: das Geschäft mit E-Autos in Europa. Jedes fünfte bis Ende September ausgelieferte Auto auf dem Kontinent war ein reiner Stromer - und rund 40 Prozent des Auftragsbestands entfallen auf E-Modelle. Für den Boom verantwortlich macht VW unter anderem die hohen Spritpreise und die bessere Verfügbarkeit von Einstiegsmodellen. Allein für die Kleinwagen-Familie um den ID. Polo lagen zuletzt 150.000 Bestellungen vor.
Nach Angaben von VW-Finanzchef Arno Antlitz liegt die Nachfrage auf einem Niveau, das der Konzern erst für 2029 erwartet hatte. Doch mit Blick auf den Gewinn hilft das nicht: "Der Markterfolg unserer Elektrofahrzeuge setzt unser Ergebnis zusätzlich unter Druck", sagte der Manager. Denn ein E-Auto bringt dem Konzern derzeit weniger Gewinn als ein vergleichbarer Verbrenner.
Wächst der Anteil der Stromer, sinkt also der Ertrag. Der schnelle Hochlauf bei E-Autos verwässere die Gewinnmarge, sagte Antlitz. Die Marge des Modells ID. Cross liege bei 70 bis 80 Prozent eines vergleichbaren Verbrennermodells. Bei anderem Modellen sei der Wert niedriger. Antlitz ging davon aus, dass sich der Effekt in den nächsten Monaten verstärken wird. Man müsse daher die Kosten senken. Immerhin: Antlitz gab sich zuversichtlich, dass VW durch den Boom die CO2-Flottengrenzwerte der EU zunächst einhalten und Strafzahlungen vermeiden kann.
China: vom Gewinnbringer zum Problemfall
China ist der weltgrößte Automarkt und immens wichtig für Volkswagen. Die Geschäfte in der Volksrepublik laufen aber seit einiger Zeit schlecht. Neben der Konkurrenz lokaler Hersteller macht dem Konzern ein Nachfrageeinbruch zu schaffen. VW-China-Chef Ralf Brandstätter sprach zuletzt von einem Markt "im freien Fall". 2025 wurden mehr als 24 Millionen Autos dort verkauft. Für 2026 werden demnach weniger als 19 Millionen erwartet.
In den ersten neun Monaten sanken die Verkäufe um gut 30 Prozent auf 1,38 Millionen. Die Entwicklung nahm zuletzt auch an Fahrt auf. In Spitzenzeiten verkaufte das Unternehmen jährlich mehr als vier Millionen Autos in China.
Die Erwartungen sind entsprechend niedrig: Für 2026 rechnet VW in China vor Abschreibungen mit einem Abschneiden um die Gewinnschwelle. Nach dem ersten Halbjahr war VW für das einstige Wachstumsgeschäft noch von 200 bis 600 Millionen Euro positivem anteiligem Beitrag ausgegangen. Antlitz zufolge besteht aber ein erhebliches Risiko, dass das vierte Quartal das Ergebnis vor Abschreibungen in den Negativbereich drückt. Zum Vergleich: In Spitzenjahren verdiente VW in China mehr als 4 Milliarden Euro.
Außerdem hat VW den Wert von chinesischen Tochterfirmen, die der Konzern komplett kontrolliert, um rund eine Milliarde Euro nach unten korrigiert.
Abschreibung auf Porsche-Firmenwert
Für das laufende Jahr rechnete der VW-Konzern zuletzt mit Sonderkosten von rund 10 Milliarden Euro. Davon wurden 8,7 Milliarden bereits verbucht. Größter Einzelposten ist eine Abschreibung auf den Firmenwert des Stuttgarter Sport- und Geländewagenbauers Porsche. Er beläuft sich auf rund 6,4 Milliarden Euro. Die Wertberichtigung ist nicht zahlungswirksam, drückt aber den Gewinn. Hintergrund sind niedrigere Erwartungen an die Entwicklung der Tochter.
Bereits ein Jahr zuvor war die Lage bei Porsche einer der Hauptgründe für den Quartalsverlust. Die Luxusmarke, einst eine Gewinnperle des Konzerns, steckt bereits länger in der Krise. Belastend wirkten insbesondere der Einbruch beim China-Geschäft, die US-Zölle und Kurskorrekturen bei der Elektro-Strategie. Zuletzt hatten sich die Geschäftszahlen von Porsche stabilisiert.
Umbau kostet: Was noch auf der Rechnung steht
Die VW-Führung um Chef Oliver Blume baut den Konzern gerade um. Und das kostet massig Geld. So wirkt sich demnach im dritten Quartal der angestrebte Verkauf des Werks Osnabrück an den Finanzinvestor Aurelius sowie an das Land Niedersachsen belastend aus. Beide wollen den Standort auf Rüstung trimmen. Eine genaue Summe nannte Volkswagen nicht.
Ohne die Sondereffekte hätte VW im Tagesgeschäft einen Gewinn von 8,8 Milliarden Euro verbuchen können. Der Konzernumsatz lag nach neun Monaten bei 233,4 Milliarden Euro (minus 2,2 Prozent).
Und jetzt?
Ob Volkswagen das Jahr tatsächlich mit Verlust abschließen wird, muss sich zeigen. Doch viel deutet darauf hin. Der E-Auto-Hochlauf dürfte den Gewinn weiter drücken. Außerdem laufen im vierten Quartal voraussichtlich weitere Sonderkosten auf, zum Beispiel für zusätzliche Vorruhestandsregelungen.
Auch eine Einigung mit den Arbeitnehmern über die weiteren Sparpläne des Vorstands könnte zusätzliche Kosten verursachen, etwa für Abfindungen. Auch wenn das vor Jahresende als unwahrscheinlich gilt. Das Management selbst rechnet im Tagesgeschäft höchstens mit einem Mini-Gewinn.
Was macht die Aktie?
Die im Dax notierte und dieses Jahr schwach gelaufene Aktie fiel zunächst, drehte dann aber ins Plus. Das Papier gewann am Nachmittag in einem freundlichen Gesamtmarkt zuletzt 2,8 Prozent auf 70,96 Euro. In diesem Jahr hat es damit immer noch knapp ein Drittel an Wert eingebüßt. Die hohen Sonderbelastungen waren seit der Gewinnwarnung im September bekannt. Die detaillierten Zahlen seien nun im Wesentlichen wie erwartet ausgefallen, schrieb Analyst Philippe Houchois von der US-Investmentbank Jefferies. Beim Zahlungsmittelzufluss aus dem Automobilbereich tendiere der Konzern zum oberen Ende der Jahresprognosespanne./jwe/men
