Osnabrück (ots) -
Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat die Bundesregierung aufgefordert, auf angekündigte Jugendproteste mit Gesprächsangeboten statt mit Abwehr zu reagieren. "Etwas Besseres kann den Regierungsparteien eigentlich kaum passieren: Junge Leute machen sichtbar, dass sie unzufrieden sind", sagte Klaus Hurrelmann im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (noz). Die Politik müsse verstehen wollen, was die jungen Menschen antreibe.
Hurrelmann kritisierte den bisherigen Umgang mit der Protestbereitschaft. "Wir haben lange beklagt, dass junge Menschen sich zu wenig beteiligen und sich von den Parteien entfremden. Jetzt wollen sie auf die Straße, und die erste Reaktion der Politik ist Abwehr. Das finde ich ausgesprochen ungeschickt." Die Regierungsparteien sollten nun zügig auf die jungen Menschen zugehen und in verschiedenen Städten Gespräche organisieren. "Ernst nehmen heißt nicht, jeden Wunsch zu erfüllen. Es heißt, zuzuhören und sich auseinanderzusetzen."
In der jungen Generation sieht der Forscher trotz erheblicher Verunsicherung keine grundsätzliche Abkehr von der Demokratie. "Ich sehe keine grundsätzlich antidemokratische Generation. Sie ist auch nicht ideologisch festgelegt." Viele junge Menschen zweifelten allerdings daran, dass die Regierenden ihre Probleme lösen könnten. Mit ernsthaften Gesprächsangeboten könnten die Parteien der Mitte einen verlorenen Zugang zu ihnen zurückgewinnen.
Besonders bei der Debatte über eine mögliche Rückkehr der Wehrpflicht mahnte Hurrelmann mehr Beteiligung an. Diskutiert werde über eine Verpflichtung, die vor allem junge Menschen tragen müssten. Für andere Altersgruppen stehe eine vergleichbare Pflicht nicht im Raum. "Das muss man ihnen zumindest erklären und mit ihnen besprechen." Weil die junge Generation bereits eine demografische Minderheit sei und bei Wahlen entsprechend weniger Gewicht habe, sei das zusätzliche Gefühl, nicht gehört zu werden, "ein fataler Fehler der Regierenden".
+++
tob
Die von Klaus Hurrelmann autorisierte Gesprächspassage:
Was wäre jetzt die richtige Reaktion der Politik?
Neugier statt Vorverurteilung. Wo bleibt die Interessenbekundung der großen Parteien, gerade der Regierungsparteien? Was hindert sie daran zu sagen: Wir begrüßen, dass ihr euch politisch äußert. Was beschäftigt euch? Können wir schon vor der Demonstration miteinander reden? Wir haben lange beklagt, dass junge Menschen sich zu wenig beteiligen und sich von den Parteien entfremden. Jetzt wollen sie auf die Straße, und die erste Reaktion der Politik ist Abwehr. Das finde ich ausgesprochen ungeschickt. Auch die Polizei sollte signalisieren: Wir begleiten eure Demonstration fair. Wir schützen dieses Bürgerrecht und greifen ein, wenn Gesetze verletzt werden.
Sie sehen in dem Protest also eine Chance für die Regierung?
Etwas Besseres kann den Regierungsparteien eigentlich kaum passieren: Junge Leute machen sichtbar, dass sie unzufrieden sind. Politik muss doch verstehen wollen, warum. Was treibt sie an? Welche Probleme halten sie für dringlich? Die Parteien könnten in verschiedenen Städten Gespräche organisieren und sagen: Wir wollen wissen, was ihr denkt. Wir erklären euch auch, was wir anders sehen und warum sich manches nicht einfach umsetzen lässt. Ernst nehmen heißt nicht, jeden Wunsch zu erfüllen. Es heißt, zuzuhören und sich auseinanderzusetzen. So könnten die Parteien der Mitte einen Zugang zu einer Generation zurückgewinnen, den sie erkennbar verloren haben.
In Frankreich erleben wir viel Wut auf die Regierung. Ist die Stimmung in Deutschland ähnlich?
Bislang nicht. Bei uns sind Unzufriedenheit und Unsicherheit noch nicht in vergleichbarer Weise in Wut umgeschlagen. Sie drücken sich vor allem im Wahlverhalten aus. Bei der vorvorigen Bundestagswahl waren Grüne und FDP für viele junge Wähler die Favoriten. Die Grünen griffen das Klimathema auf, die FDP Bildung, Digitalisierung und Freiheitsrechte, die nach der Corona-Pandemie wichtig waren. Beide sprachen damit die Sprache der jungen Generation. In der Regierung haben sie viele dieser jungen Menschen enttäuscht. Davon profitieren jetzt AfD und Linke.
Was machen diese Parteien aus Sicht der Jungen besser?
Sie greifen Themen auf, die junge Menschen für dringlich halten. Und sie kommunizieren über die digitalen Plattformen, auf denen diese Generation unterwegs ist. Junge Wähler schauen sehr genau: Wer hört mir zu? Wer vertritt meine Anliegen? Sie sind nicht unbedingt dauerhaft an eine Partei gebunden. Dass AfD und Linke als Oppositionsparteien große Sprüche klopfen können, entgeht ihnen durchaus nicht. Trotzdem fühlen sie sich dort angesprochen. Die Unruhe geht also bisher vor allem zulasten der etablierten Parteien, nicht grundsätzlich zulasten politischer Beteiligung.
Wie könnten die Parteien der Mitte die Unter-30-Jährigen wieder für die Mitte gewinnen?
Diese Generation ist verunsichert und irritiert, aber sie ist in Deutschland bisher zugleich sehr konstruktiv geblieben. Ich sehe keine grundsätzlich antidemokratische Generation. Sie ist auch nicht ideologisch festgelegt. Viele sind hochinteressiert und sensibel dafür, ob man sie ernst nimmt. Sie zweifeln allerdings daran, dass die Regierenden die Probleme lösen können. Darauf müssen die Parteien antworten. CDU, CSU und SPD verlieren bei jungen Menschen an Boden und stützen sich stark auf ältere Wähler. Das kann auf Dauer nicht genügen. Die Jungen warten darauf, dass jemand auf sie zugeht, der etwas zu sagen hat und offen mit ihnen spricht.
Hätte es so womöglich gelingen können, Zustimmung zur Rückkehr der Wehrpflicht zu gewinnen?
Ich kann die Irritation der jungen Menschen über das Thema sehr gut nachvollziehen. Angesichts der Bedrohung durch Russland wird wieder über eine Pflicht diskutiert, die vor allem sie schultern müssten. Für andere Altersgruppen steht eine vergleichbare Verpflichtung nicht im Raum. Das muss man ihnen zumindest erklären und mit ihnen besprechen. Ich selbst fand einen zeitlich begrenzten Pflichtdienst durchaus sinnvoll, auch als Chance zur Orientierung zwischen Schule und Beruf. Aber damals wurde über die Köpfe der jungen Menschen hinweg abgeschafft, und heute wird über ihre Köpfe hinweg über eine Wiedereinführung diskutiert. Wo bleibt ihre Beteiligung?
Wie könnte die aussehen?
Warum gibt es keine öffentlichen Treffen von Regierungsvertretern mit jungen Menschen, bei denen über die Gründe und mögliche Gestaltung eines solchen Dienstes gesprochen wird? Das geht auch digital. Stattdessen fühlen sich viele weder mit ihrer Einschätzung noch mit ihren persönlichen Sorgen wahrgenommen. Für eine Gesellschaft ist das gefährlich: Die junge Generation ist in Deutschland ohnehin eine demografische Minderheit und hat bei Wahlen entsprechend weniger Gewicht. Wenn dann noch das Gefühl hinzukommt, dass niemand zuhört, ist das ein fataler Fehler der Regierenden.
Was wünschen Sie sich vor dem Protesttag?
Dass die Regierung nicht zuerst denkt: Jetzt drehen auch bei uns die jungen Leute durch, jetzt müssen wir schnell alle Riegel vorschieben. Sie sollte wahrnehmen, welche Generation da vor ihr steht: junge Menschen mit Schwierigkeiten, aber auch mit enormen Talenten, die wir dringend brauchen. Sie wollen ihre Potenziale entfalten und von ihrem demokratischen Recht Gebrauch machen. Statt sie vorschnell zu verurteilen, sollte die Regierung sagen: Da bewegt sich etwas, ihr wollt euch politisch äußern - wir möchten mit euch reden. Für dieses Signal ist noch Zeit. Und das würde Wunder wirken.
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Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat die Bundesregierung aufgefordert, auf angekündigte Jugendproteste mit Gesprächsangeboten statt mit Abwehr zu reagieren. "Etwas Besseres kann den Regierungsparteien eigentlich kaum passieren: Junge Leute machen sichtbar, dass sie unzufrieden sind", sagte Klaus Hurrelmann im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (noz). Die Politik müsse verstehen wollen, was die jungen Menschen antreibe.
Hurrelmann kritisierte den bisherigen Umgang mit der Protestbereitschaft. "Wir haben lange beklagt, dass junge Menschen sich zu wenig beteiligen und sich von den Parteien entfremden. Jetzt wollen sie auf die Straße, und die erste Reaktion der Politik ist Abwehr. Das finde ich ausgesprochen ungeschickt." Die Regierungsparteien sollten nun zügig auf die jungen Menschen zugehen und in verschiedenen Städten Gespräche organisieren. "Ernst nehmen heißt nicht, jeden Wunsch zu erfüllen. Es heißt, zuzuhören und sich auseinanderzusetzen."
In der jungen Generation sieht der Forscher trotz erheblicher Verunsicherung keine grundsätzliche Abkehr von der Demokratie. "Ich sehe keine grundsätzlich antidemokratische Generation. Sie ist auch nicht ideologisch festgelegt." Viele junge Menschen zweifelten allerdings daran, dass die Regierenden ihre Probleme lösen könnten. Mit ernsthaften Gesprächsangeboten könnten die Parteien der Mitte einen verlorenen Zugang zu ihnen zurückgewinnen.
Besonders bei der Debatte über eine mögliche Rückkehr der Wehrpflicht mahnte Hurrelmann mehr Beteiligung an. Diskutiert werde über eine Verpflichtung, die vor allem junge Menschen tragen müssten. Für andere Altersgruppen stehe eine vergleichbare Pflicht nicht im Raum. "Das muss man ihnen zumindest erklären und mit ihnen besprechen." Weil die junge Generation bereits eine demografische Minderheit sei und bei Wahlen entsprechend weniger Gewicht habe, sei das zusätzliche Gefühl, nicht gehört zu werden, "ein fataler Fehler der Regierenden".
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tob
Die von Klaus Hurrelmann autorisierte Gesprächspassage:
Was wäre jetzt die richtige Reaktion der Politik?
Neugier statt Vorverurteilung. Wo bleibt die Interessenbekundung der großen Parteien, gerade der Regierungsparteien? Was hindert sie daran zu sagen: Wir begrüßen, dass ihr euch politisch äußert. Was beschäftigt euch? Können wir schon vor der Demonstration miteinander reden? Wir haben lange beklagt, dass junge Menschen sich zu wenig beteiligen und sich von den Parteien entfremden. Jetzt wollen sie auf die Straße, und die erste Reaktion der Politik ist Abwehr. Das finde ich ausgesprochen ungeschickt. Auch die Polizei sollte signalisieren: Wir begleiten eure Demonstration fair. Wir schützen dieses Bürgerrecht und greifen ein, wenn Gesetze verletzt werden.
Sie sehen in dem Protest also eine Chance für die Regierung?
Etwas Besseres kann den Regierungsparteien eigentlich kaum passieren: Junge Leute machen sichtbar, dass sie unzufrieden sind. Politik muss doch verstehen wollen, warum. Was treibt sie an? Welche Probleme halten sie für dringlich? Die Parteien könnten in verschiedenen Städten Gespräche organisieren und sagen: Wir wollen wissen, was ihr denkt. Wir erklären euch auch, was wir anders sehen und warum sich manches nicht einfach umsetzen lässt. Ernst nehmen heißt nicht, jeden Wunsch zu erfüllen. Es heißt, zuzuhören und sich auseinanderzusetzen. So könnten die Parteien der Mitte einen Zugang zu einer Generation zurückgewinnen, den sie erkennbar verloren haben.
In Frankreich erleben wir viel Wut auf die Regierung. Ist die Stimmung in Deutschland ähnlich?
Bislang nicht. Bei uns sind Unzufriedenheit und Unsicherheit noch nicht in vergleichbarer Weise in Wut umgeschlagen. Sie drücken sich vor allem im Wahlverhalten aus. Bei der vorvorigen Bundestagswahl waren Grüne und FDP für viele junge Wähler die Favoriten. Die Grünen griffen das Klimathema auf, die FDP Bildung, Digitalisierung und Freiheitsrechte, die nach der Corona-Pandemie wichtig waren. Beide sprachen damit die Sprache der jungen Generation. In der Regierung haben sie viele dieser jungen Menschen enttäuscht. Davon profitieren jetzt AfD und Linke.
Was machen diese Parteien aus Sicht der Jungen besser?
Sie greifen Themen auf, die junge Menschen für dringlich halten. Und sie kommunizieren über die digitalen Plattformen, auf denen diese Generation unterwegs ist. Junge Wähler schauen sehr genau: Wer hört mir zu? Wer vertritt meine Anliegen? Sie sind nicht unbedingt dauerhaft an eine Partei gebunden. Dass AfD und Linke als Oppositionsparteien große Sprüche klopfen können, entgeht ihnen durchaus nicht. Trotzdem fühlen sie sich dort angesprochen. Die Unruhe geht also bisher vor allem zulasten der etablierten Parteien, nicht grundsätzlich zulasten politischer Beteiligung.
Wie könnten die Parteien der Mitte die Unter-30-Jährigen wieder für die Mitte gewinnen?
Diese Generation ist verunsichert und irritiert, aber sie ist in Deutschland bisher zugleich sehr konstruktiv geblieben. Ich sehe keine grundsätzlich antidemokratische Generation. Sie ist auch nicht ideologisch festgelegt. Viele sind hochinteressiert und sensibel dafür, ob man sie ernst nimmt. Sie zweifeln allerdings daran, dass die Regierenden die Probleme lösen können. Darauf müssen die Parteien antworten. CDU, CSU und SPD verlieren bei jungen Menschen an Boden und stützen sich stark auf ältere Wähler. Das kann auf Dauer nicht genügen. Die Jungen warten darauf, dass jemand auf sie zugeht, der etwas zu sagen hat und offen mit ihnen spricht.
Hätte es so womöglich gelingen können, Zustimmung zur Rückkehr der Wehrpflicht zu gewinnen?
Ich kann die Irritation der jungen Menschen über das Thema sehr gut nachvollziehen. Angesichts der Bedrohung durch Russland wird wieder über eine Pflicht diskutiert, die vor allem sie schultern müssten. Für andere Altersgruppen steht eine vergleichbare Verpflichtung nicht im Raum. Das muss man ihnen zumindest erklären und mit ihnen besprechen. Ich selbst fand einen zeitlich begrenzten Pflichtdienst durchaus sinnvoll, auch als Chance zur Orientierung zwischen Schule und Beruf. Aber damals wurde über die Köpfe der jungen Menschen hinweg abgeschafft, und heute wird über ihre Köpfe hinweg über eine Wiedereinführung diskutiert. Wo bleibt ihre Beteiligung?
Wie könnte die aussehen?
Warum gibt es keine öffentlichen Treffen von Regierungsvertretern mit jungen Menschen, bei denen über die Gründe und mögliche Gestaltung eines solchen Dienstes gesprochen wird? Das geht auch digital. Stattdessen fühlen sich viele weder mit ihrer Einschätzung noch mit ihren persönlichen Sorgen wahrgenommen. Für eine Gesellschaft ist das gefährlich: Die junge Generation ist in Deutschland ohnehin eine demografische Minderheit und hat bei Wahlen entsprechend weniger Gewicht. Wenn dann noch das Gefühl hinzukommt, dass niemand zuhört, ist das ein fataler Fehler der Regierenden.
Was wünschen Sie sich vor dem Protesttag?
Dass die Regierung nicht zuerst denkt: Jetzt drehen auch bei uns die jungen Leute durch, jetzt müssen wir schnell alle Riegel vorschieben. Sie sollte wahrnehmen, welche Generation da vor ihr steht: junge Menschen mit Schwierigkeiten, aber auch mit enormen Talenten, die wir dringend brauchen. Sie wollen ihre Potenziale entfalten und von ihrem demokratischen Recht Gebrauch machen. Statt sie vorschnell zu verurteilen, sollte die Regierung sagen: Da bewegt sich etwas, ihr wollt euch politisch äußern - wir möchten mit euch reden. Für dieses Signal ist noch Zeit. Und das würde Wunder wirken.
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